© Gregor Gruber

Smartphone Review
10/12/2011

Nokia N9 im Test: Hübsch mit zu wenig Hirn

Ein wunderschönes Gerät, ein fantastisches Display und ein dunkles Geheimnis. Warum das erste MeeGo-Handy von Nokia seine Wurzeln nicht leugnen kann und deshalb das Phone weniger smart ist, als es sich die Hardware verdient hätte, verrät der ausführliche futurezone-Test.

von Gregor Gruber

Zahlreiche Verschiebungen, Verpätungen und dann auch noch das große Zittern, ob es überhaupt noch auf den Markt kommt. Was den Deutschen, Briten und US-Amerikanern versagt bleibt, ist bei uns ab dem 14. Oktober erhältlich: das Nokia N9. Zu haben ist es in den Farben Schwarz, Pink und Blau, mit 16GB (619 Euro) oder 64GB (679 Euro) Speicher. Die futurezone hat das N9 getestet.

Gelungenes Design
Wenn das N9 eines kann, dann ist es gut aussehen und sich gut anfühlen. Das Design unterscheidet sich stark genug von anderen Smartphones, um es sofort zu erkennen – nicht nur in Pink oder Blau, sondern auch in der schwarzen Variante. Das Gehäuse besteht aus einem gefrästen Polycarbonat-Block, oder anders ausgedrückt: hochwertigem Kunststoff. Es ist massiv, verbiegt sich nicht und knarrt nicht und fühlt sich durch die leicht raue Oberfläche nicht nur gut an, sondern liegt auch rutschfest in den Händen. Obwohl das Display 3,9 Zoll misst, wiegt es 135 Gramm und ist 12,1mm dick. Verglichen mit anderen Smartphones ist das zwar nicht besonders kompakt, im Gebrauch fällt die Tiefe aber nicht negativ auf und das Gewicht kommt einem sogar geringer vor, als es tatsächlich ist.

Im Lieferumfang ist, neben Ladegerät und inEar-Kopfhörer, eine Gummi-Schutzhülle enthalten. Das N9 wirkt allerdings robust genug, um auf das wenig hübsche Handy-Präservativ verzichten zu können. Und Telefonieren kann man mit dem N9 auch ohne Gummihülle – einem Antennagate muss man damit also nicht vorbeugen.

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Kurviges Display
Nicht unwesentlich zum guten Aussehen des N9 trägt die nahezu vollständig verglaste Front bei. Der 3,9-Zoll-große Touchscreen ist kleiner als die darüber liegende Verglasung. Im Standbyscreen, der nur auf schwarzem Hintergrund die Uhrzeit  und kleine Status-Symbole für neue E-Mails, eingegangene SMS und verpasste Anrufe anzeigt, entsteht der Eindruck, als würde das Display größer sein als es ist. Der Uhrzeit-Standbyscreen kann zum Akkusparen ausgeschaltet werden. Allerdings ist schon diese simple Zeitanzeige so hübsch anzusehen, dass man nicht darauf verzichten möchte.

Der Grund für das außergewöhnlich gute Display liegt zum einen am Gorilla Glass, das leicht gewölbt ist. Das reduziert leicht Reflektionen, wodurch auch Fingerwischer nicht mehr so deutlich sichtbar sind. Außerdem erweckt es den optischen Eindruck, als wäre gar kein Glas vorhanden. Schwer zu beschreiben, aber optisch ein echter Hingucker.

Zum anderen sorgt die AMOLED-Technologie mit einer Auflösung von 854x480 Pixel für so kräftige Farben und eine gestochene scharfe Darstellung, dass man glauben könnte, es handelt sich beim N9 um einen Dummy, bei dem ein Hochglanz-Ausdruck das Display ersetzt. Die grandiose Darstellung kommt allerdings nur bei für das N9-optimierten Inhalten wirklich gut zur Geltung, wie MeeGo-Apps und Icons und Menüs. Inhalte mit Schriften, die durch Multitouch vergrößert werden können, wie E-Mails und Websites, sehen nicht ganz so überragend aus.

Positiv fällt die maximale Helligkeit des N9-Displays auf, die Texte auch im Sonnenlicht noch lesbar macht. Ungewöhnlich ist aber, dass die Display-Helligkeit nur in fünf Stufen geregelt werden kann. Das liegt daran, dass eine automatische Helligkeits-Regulierung immer aktiv ist und nicht deaktiviert werden kann. Stufe 5 ist also im Sonnenlicht um einiges heller als im abgedunkelten Raum. Die automatische Helligkeitseinstellung ist zwar meist angenehm, allerdings regelt sie in dunkler Umgebung die Helligkeit so weit hinunter, dass die Farben weniger brillant wirken und weiße Flächen und Hintergründe schmutzig-grau aussehen.

Verschlossen
Das N9 öffnet sich nicht gerne. Nach außen hin ist nur der 3,5mm-Klinkenstecker an der Oberseite als einziger Anschluss zu identifizieren. Drückt man auf den Knubbel daneben, öffnet sich eine Klappe, die den Micro-USB-Anschluss, der auch zum Laden dient, zum Vorschein kommen lässt. Schiebt man den Deckel gleich daneben nach links, öffnet sich der Micro-SIM-Kartenslot. Das war es dann auch schon mit Anschlüssen. Der Akku ist fix im Gerät eingebaut, einen Micro-SD-Kartenslot gibt es nicht. Wer sich bei den Speichergrößen unsicher ist, sollte lieber zur 64GB-Version greifen. Denn ausgeliefert sind bereits gut 3,5GB belegt und nutzt man das N9 als Massenspeicher für Drag-and-Drop, stehen von 16GB nur 8,8GB zur Verfügung.

Drag-and-Drop von Musik und Bildern wird unterstützt, der offizielle Weg zum Syncen mit dem Computer geht aber über die SoftwareNokia Link“. Die bisherigen Nokia-Programme, „PC Suite“ und „Ovi Suite“ sind mit dem N9 nicht kompatibel. Ärgerlich ist, dass per Drag-and-Drop auf das N9 gespielte Musik zwar im Player problemlos abgespielt, aber nicht als Klingelton eingestellt werden kann. Kopiert man die selben Songs mit Nokia Link auf das Handy, können sie als Klingelton genutzt werden.

Ähnlich seltsam ist das Einstellen eines Hintergrundbildes. Eigene Bilder oder Fotos können nicht im Hintergrundbild-Einstellungsmenü gewählt werden, sondern müssen in der Galerie-App als Hintergrundbild bestimmt werden. Alternativ können passende Hintergründe aus dem Ovi Store heruntergeladen werden.

Ein Hintergrundbild lässt sich nur für den Lockscreen (der erscheint nach dem Drücken der Standby-Taste oder Doppelklicken des Standbyscreens) einstellen. Der Hintergrund der drei Homescreens bleibt Schwarz.

Leistung
Das N9 hat einen Single-Core ARM Cortex-A8 Prozessor mit 1GHz und 1GB Arbeitsspeicher. Dies scheint für Nokias eigenes MeeGo-Betriebssystem nicht immer auszureichen. Wählt man etwa im Einstellungsmenü einen Unterpunkt an, wie „Hintergrund“ oder „Bluetooth“, kann es bis zu zwei Sekunden dauern, bis das nächste Menü geöffnet ist. Auch bis eine im Hintergrund geöffnete Anwendung wieder aufgerufen und nutzbar ist, wie etwa die SMS-Chatansicht, kann es bis zu zwei Sekunden dauern. Werden Apps heruntergeladen und installiert, kommt es ebenfalls zu kurzen Aussetzern. Auch der Webbrowser gerät beim Seitenaufbau öfters ins Stocken, als man es von aktuellen Android-Smartphones oder dem iPhone 4 gewohnt ist.

So summieren sich Kleinigkeiten, die das N9 träge wirken lassen. Was hingegen immer flott funktioniert, ist das Wechseln durch Wegwischen der aktuellen App zu einem Homescreen.

Der Akku ist mit 1450mah etwas unterdimensioniert. Im Standby hält er zwar relativ lange durch, bei intensiverer Nutzung gibt er aber schnell auf. In ca. zweieinhalb Stunden mit WLAN-Surfen, E-Mails und Tweets im Hintergrund über WLAN abrufen, fünf Minuten Musikwiedergabe über Lautsprecher, 30 Minuten ununterbrochen aktive Display-Anzeige und 13 gemachten Fotos fiel der Akku von 80 Prozent auf 3 Prozent. Damit man nicht plötzlich ganz ohne Saft dasteht, kann ein automatischer Akkusparmodus eingestellt werden, der sich, je nach Userwunsch, bei 10, 20, 30, 40 oder 50 Prozent verbleibender Kapazität aktiviert.

Nahezu tastenlos
Abgesehen von der Hardware ist natürlich MeeGo das Highlight des N9. Das von Nokia entwickelte Betriebssystem sollte Symbian ablösen. Durch den Deal mit Microsoft wird das N9 aber wohl das erste und letzte MeeGo-Handy sein.

Das N9 kommt gänzlich ohne Tasten aus. Die Front ist tastenfrei, nur rechts gibt es einen Lautstärkenregler und die Standby-Taste. MeeGo hat im Wesentlichen drei Bildschirme, die durch Wischbewegung nach links und rechts gewechselt werden. Auf den einzelnen Screens wird von oben nach unten gescrollt. Dieses Bediensystem erinnert etwas an Windows Phone 7. Auch die Farbgebung (schwarzer Hintergrund bei Homscreens, Grau bei E-Mails und SMS) ist an WP7 angelehnt, das zukünftig Nokias primäres Betriebssystem werden soll.

Drei Homescreens
Der erste der drei Homescreens des N9 ist der Feed-Screen. Hier ist Datum und Wetter sichtbar, sowie Nachrichten, Updates von den Sozialen Netzwerken Twitter und Facebook, RSS-Feeds sowie eingetroffene E-Mails und SMS.

Screen Zwei zeigt die installierten Apps und Anwendungen klassisch als Icons an. Diese können in der Reihenfolge verschoben, aber nicht alphabetisch sortiert werden. Auch das Erstellen von Ordnern ist nicht möglich. Dafür kann man im Browser die aktuell aufgerufene Seite als Shortcut auf dem Screen Zwei ablegen. Ein eigenes Bookmark-System hat der Browser nicht.

Screen Drei zeigt die geöffneten Apps und Anwendungen. Per Multitouch kann gezoomt werden, um vier oder gleichzeitig bis zu neun geöffnete Apps anzeigen zu lassen. Die Fenster sind "Live", Änderungen werden sofort angezeigt - Multi-Tasking macht es möglich. In diesem Homescreen können auch einzelne Apps oder alle geöffneten Apps geschlossen werden.

Wischen statt drücken
Da die Navigation ohne Tasten auskommt, sind Wischbewegungen gefragt. Wischt man von einem Rand beginnend zum anderen bei einer geöffneten App, wird diese „minimiert“ und man landet auf dem zuletzt geöffneten Homescreen. Optional ist jene Funktion aktivierbar, dass die Wischbewegung von oben nach unten die App nicht minimiert, sondern beendet. Das funktioniert allerdings nicht mit jeder App – Angry Birds lässt sich etwa nur im Screen Drei komplett schließen.

Schiebt man eine App etwa bis zur Hälfte von unten nach oben und verharrt dort kurz mit dem Finger, öffnet sich eine Schnellleiste mit vier Shortcuts zu Telefon, SMS, Kamera und Webbrowser. Diese Belegung kann nicht geändert werden.

Ein Tipper auf die Status-Leiste am oberen Bildschirmrand öffnet diese. Dort werden nur wenige Status-Meldungen angezeigt und die Verbindungen. Schnelleinstellungen, wie bei Android, können nicht vorgenommen werden – bis auf die Lautstärke des Klingeltons. Dieser ist in 4 Stufen regelbar. Die Lautstärke der Tonausgabe ist hier in 21 Stufen regelbar. Solange keine Medienwiedergabe aktiv ist, wird mit den Lautstärkentasten auf der Seite des N9s die Klingeltonlautstärke geändert.

Onscreen-Tastatur
Ganz mit Wischen geht es aber auch beim N9 nicht. Mit der OnScreen-Tastatur tippt es sich sehr angenehm, besonders im horizontalen Modus. Sowohl bei der vertikalen als auch horizontalen Tastatur sind Umlaute als eigene Tasten vorhanden. Stellt man in den Einstellungen die Tastatur für andere Sprachen ein, etwa Englisch, kann man mit einer Wischbewegung über das virtuelle Keyboard zu diesem Eingabelayout wechseln.

Die Wortvorschläge werden dezent während der Eingabe eingeblendet. Eine automatische Ausbesserung, wie dies beim iPhone der Fall ist, gibt es nicht.

Verwischt
Das Wischsystem hat aber seine Tücken. Betrachtet man etwa ein E-Mail, wird mit einem Wischen nach links oder rechts das nächste E-Mail geöffnet. Wischt man allerdings zu nahe vom Rand aus, was bei schnellen Fingerbewegungen leicht vorkommen kann, wird die E-Mail-App unbeabsichtigt minimiert.

Dasselbe Problem gibt es auch im Webbrowser beim Scrollen nach oben oder unten, wenn das N9 horizontal gehalten wird. Hat man die Funktion aktiviert, mit der ein Wisch von oben nach unten die App schließt, kommt es auch schon mal vor, dass man den Browser nicht nur unbeabsichtigt minimiert, sondern beendet.

Die Apps
Die Auswahl an Apps ist noch relativ klein. Aber zumindest die Basis-Programme sind vorinstalliert. „Karten“ ist Nokias Antwort auf Google Maps und bietet unter anderem eine Routenberechnung zu Fuß, für das Auto und mit Öffentlichen Verkehrsmitteln. „Navigation“ ist die vollwertige Navigationslösung mit Sprachausgabe. AccuWeather ist das obligatorische Wetterprogramm, dessen Informationen auch im Feed-Screen eingeblendet werden.

Bei den Diensten und Sozialen Netzwerken stehen Skype, Google, Facebook, Twitter, Flickr, Picasa, SIP und YouTube zur Auswahl. Facebook konnte in der Testphase wegen eines unbekannten Fehlers bei der Anmeldung nicht zum Laufen gebracht werden. Bei Twitter können zwar die Kontakte importiert werden, aber bestehende Kontakte lassen sich nicht mit Twitter verknüpfen. Dafür kann jeder Kontakt aus dem Kontaktemenü heraus mit Skype Out angerufen werden, wenn er nicht selbst in Skype online ist. Die Front-Kamera für Videochats ist übrigens rechts unten – laut Nokia sehen so die Gesichter bei Videochats freundlicher aus.

Es sind auch vier Spiele vorinstalliert, darunter Angry Birds Free with Magic. Es können fünf Levels gespielt und weitere fünf freigeschaltet werden, wenn zwei N9s mit dem eingebauten NFC-Chip miteinander verbunden werden. Ansonsten dient der NFC-Chip zum einfacheren Verbinden mit offiziellem Blutooth-Zubehör von Nokia, wie Kopfhörern und einem 360-Grad-Lautsprecher.

Weitere Apps gibt es im Ovi Store. Typische Apps wie IMDB, Wikitude, Soundhound und Messenger-Programme wie ICQ, MSN oder AIM findet man dort allerdings nicht. Selbst auf einen QR-Code- oder Barcode-Scanner muss man derzeit verzichten. Dass die Anzahl der Apps rasant steigen wird, ist unwahrscheinlich – denn wieso sollte ein Entwickler eine App für ein Gerät machen, das in den großen Märkten nicht verfügbar ist und für das wahrscheinlich auch kein Nachfolgemodell erscheinend wird.

Sync mit Google unerwünscht
Abgesehen von den Slowdowns und den kleineren Ungereimtheiten, gibt es einige andere Probleme in MeeGo, die wohl auf dessen inoffiziellen Vorfahren Symbian zurückzuführen sind. Alternativ hat Nokia das N9 nur einfach nicht ausreichend auf Benutzerfreundlichkeit getestet.

Richtet man etwa ein Google-Konto ein, kann man damit Gmail-Mails abrufen und über Google Talk chatten. Die Kontakte lassen sich aber nicht synchronisieren, ebenso wenig der Kalender. Um die Kontakte vom alten Handy auf das N9 zu bekommen, kann man Bluetooth nutzen, was mit einem Android-Handy problemlos funktioniert hat. Will man sie online syncen, muss man ein Exchange-Konto mit seinen Google-Kontaktdaten einrichten. Achtung: Es werden so zwar die Gmail-Konakte übernommen, aber sind zwei Handynummern für einen Kontakt angegeben, wird nur die erste auf das N9 übertragen.

Auch der eigene Google-Kalender wird mit Exchange synchronisiert. Hat man aber mehrere oder geteilte Kalender, wird es wieder etwas schwieriger. Eine vernünftige Kalender-App im Ovi Store gibt es nicht. Deshalb muss man das CalDAV-Protokoll nutzen. Dazu besucht man die Website https://www.google.com/calendar/iphoneselect auf einem beliebigen Browser und wählt, welche Kalender synchronisiert werden sollen. Danach erstellt man auf dem N9 ein CalDAV-Konto mit seinen Gmail-Login-Daten und gibt als Server google.com an. Jetzt kann man die Kalender (ohne Push) synchronisieren.

Halb-Copy-Paste
Das leidige Thema Copy-Paste spielt auch beim N9 eine Rolle. Nicht etwa weil es so gut funktioniert oder gar nicht, sondern weil es zur Hälfte funktioniert. Es können nur selbst-eingegebene Texte kopiert und eingefügt werden. Text aus einer empfangenen SMS, einer E-Mail oder einer Webseite kann nicht markiert und kopiert werden. Mit einer Ausnahme: Zumindest die URLs von Links auf Websites können kopiert werden.

Stichwort Websites: Flash gibt es nicht, auch kein Tab-Browsing. Letzteres ist aber nicht wirklich nötig, da beim Erstellen eines neuen Browser-Fensters einfach das alte minimiert wird und über den dritten Homescreen wieder aufgerufen werden kann. Etwas seltsam ist, dass die horizontale Darstellung bei den Apps nur funktioniert, wenn man das Handy nach links kippt. Nach rechts funktioniert es nicht.

Labyrinth
Ein typisches Problem ist die Erreichbarkeit der Einstellungen. So gibt es etwa in der E-Mail-App eine Menütaste. Über diese kommt man aber nicht in die Einstellungen. Die findet man nämlich, indem man auf das Icon „Einstellungen“ im zweiten Homscreen tippt, dann auf „Programme“ und auf „Mail“. Darin sind aber auch nur generelle Einstellungen, denn Server, Abrufintervalle und ähnliches finden sich in den Konto-Einstellungen. Und die Konten haben ein eigenes Icon im App-Homescreen. Auch die Einstellungen für den Kalender, Browser und die meisten anderen Apps erreicht man nicht über die App selbst, sondern über Einstellungen, Programme. Auch die Verbindungen sind getrennt voneinander aufbewahrt im Einstellungen-Menü. WLAN und Mobilfunknetz sind ganz oben, Bluetooth befindet sich eine Zeile unter „Telefon“ und die GPS-Einstellungen sind im Menü „Telefon“ zu finden.

Ebenfalls verwirrend ist die doppelte Bezeichnung von verschiedenen Funktionen. So nennt Nokia die Uhrzeit-Anzeige im Standby-Screen „Startansicht“, die im Menü Einstellungen, Telefon, Anzeige ausgeschaltet werden kann. Unter  Einstellungen, Benachrichtigungen findet man das Menü „Feed in der Startansicht“. Hier kann aber für den Feed-Screen eingestellt werden, ob AP Mobile, Facebook- und Twitter-Updates gezeigt werden sollen. Und wo sind die Einstellungen, um RSS-Feeds im Feed-Screen zu zeigen? Die sind ausnahmsweise dort, wo man sie erwartet: in der App „Feeds“. Allerdings ohne Menü-Button. Hier muss man auf dem gewünschten Feed den Finger kurz gedrückt lassen und dann „Bearbeiten“ wählen.

Audio
Der interne Lautsprecher des N9 ist laut genug, um ein normal großes Wohnzimmer mit schalem Sound zu beschallen. Musik kann direkt über die App Ovi Music gekauft werden. Der Musik-Player zeigt die CD-Cover der Songs in Kästchen-Form an. Wird ein Song abgespielt, wird das Cover größer dargestellt. Zwar gibt es vier Wiedergabelisten, neue können aber nicht direkt am N9 erstellt werden.

Die Audio-Qualität beim Telefonieren ist nicht ganz so gut, wie man es von früheren Nokia-Geräten gewohnt ist. Aus dem Hörer dringt die Stimme mit einem leichten Hintergrundrauschen, beim Gesprächspartner kommt die eigene Stimme ein wenig zu dumpf an.

Kamera
Die Fotoqualität der 8-Megapixel-Kamera ist in Ordnung, besonders die Schärfe kann überzeugen. Tendenziell sind die Bilder aber einen Hauch zu dunkel und die Farben eine Spur zu blass. Auch bei schlechten Lichtverhältnissen gelingen noch gute Fotos, weisen aber das übliche Bildrauschen wegen eines höheren ISO-Werts auf. Der duale LED-Blitz ist zwar hell, aber frontal gerichtet und verschlimmert meist die Fotos, als dass er das Motiv gut aufhellt.

Die Kamera-App bietet mehrere manuelle Einstellungsmöglichkeiten, wie fünf Motivprogramme, Weißabgleich, Belichtungskorrektur, ISO, Seitenverhältnis und die Möglichkeit den Namen oder ein Copyright in die Daten des Fotos automatisch eintragen zu lassen. Fokussiert wird mit  Gesichtserkennung, zentriertem Auto-Fokus oder Touch-Fokus. Was fehlt sind die sonst üblichen Effekte, wie Schwarz-Weiß, polarisiert und ähnliches. Videos nimmt das N9 in 720p auf.

Fazit
Das N9 will geliebt werden, aber macht dies dem Nutzer aber unnötig schwer. Die Hardware, der Formfaktor, das Design und natürlich das tolle AMOLED-Display schreien geradezu nach stolzen Besitzern. Die vielen kleinen und größeren unlogischen Einstellungsmenüs, die teils halbherzige Integration von Diensten und Sozialen Netzwerken und einfach nur unerklärliche Umstände, wie der nur links-funktionale Horizontal-Modus und die halbe Copy-Paste-Funktion, trüben die Smartphone-Freude. Auch die Verzögerungen und Ruckler im Betrieb sind  Begeisterungs-Dämpfer, zumal man bereits um 450 Euro das schnellere und bedienerfreundlicher Android-Smartphone Samsung Galaxy SII mit 16GB Speicher bekommt.

Betrachtet man das N9 als Ende einer Ära, als den letzten Versuch von Nokia mit einem eigenen Betriebssystem einen ernsthaften Konkurrenten gegen iPhone und Android aufzustellen, ist es ein Abschied, der nicht komplett in die Hose gegangen ist. Sind einmal alle Einstellungen getätigt, kann man sich als geduldiger Mensch auch mit den Verzögerungen und den gelegentlichen „Verwischern“ arrangieren. Optimisten dürfen zudem an Firmware-Updates zur Performance-Steigerung und zum Entfernen von Fehlern hoffen – was aber eher unwahrscheinlich sein dürfte, genauso wie eine plötzliche Belebung des N9 Ovi Stores mit zahlreichen Apps.

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