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25.07.2018

Turtle Stitch: Mit der Stickmaschine programmieren lernen

Ein Wiener Verein sammelt Geld via Crowdfunding für das innovative, fächerübergreifende Programmier-Projekt ein.

Wie vielfältig man Programmier-Fähigkeiten erlernen kann, zeigt das jüngste Projekt der Wienerin Andrea Mayr-Stalder namens Turtle Stitch (übersetzt: „Stickende Schildkröte“). Vor rund zwei Jahren hat die Computer-Spezialistin damit begonnen, Kinder via Stickmaschine IT-Kenntnisse zu vermitteln.

Wie es funktioniert

Mit Turtle Stitch lässt sich der Fadenlauf einer Stickmaschine steuern. Das funktioniert mit der eigens entwickelten Programmiersprache Snap!. Diese basiert auf Scratch, einer grafischen Programmier-Lernumgebung, die speziell für das Unterrichten von Kindern entwickelt wurde.

Die mit Snap! programmierten Muster werden als Fadenlauf übersetzt und in Dateiformate umgewandelt, die dann mit Stickmaschinen ausgestickt werden können. Über eine eigene Web-Plattform können Designs und Code gemeinschaftlich genutzt, kommentiert und bewertet werden.

Motivierte Schüler

Die Software ist Open Source und wurde 2017 mit dem „Open Educational Resources"-Preis ausgezeichnet. Mayr-Stalder arbeitet mit Kindern auf der ganzen Welt an Turtle-Stitch-Projekten, auch in Wien. „Bei meinem letzten Workshop am Wiener Yppenplatz, gleich neben dem Fußballplatz, hat ein Bub gesagt, das sei ja so wie eine Mathematik-Hausübung, nur schön. Dieser Kommentar bestätigt unsere persönlichen Erfahrungen”, so die Programmiererin und Projektleiterin.

Das Projekt eignet sich laut Mayr-Stalder auch hervorragend als sogenannte „Querschnittsmaterie“. „Wir verbinden damit die Logik und Praxis des Programmierens, die Maker-Kultur und die textile Fertigungstradition. So werden neue Zugänge zu diesen Bereichen eröffnet, für Mädchen und Buben gleichermaßen“, so die Expertin. Manche Schüler werden dabei vor allem über den handwerklichen Zugang angesprochen, andere wiederum über den technischen. „Ich sehe Schülerinnen und Schüler immer wieder total schnell auf den Umgang mit der Stickmaschine und den Textilien reinkippen“, sagt Mayr-Stalder.

Teure Stickmaschinen

Die einzige „Hürde“, die laut Mayr-Stalder an Schulen vorhanden ist, ist die Anschaffung einer Stickmaschine. Die üblichen Marktpreise hierfür bewegen sich im unteren Segment bei rund 750 Euro. Sie selbst verfüge derzeit über zwei Stickmaschinen, so Mayr-Stalder.  „Allerdings ist das wie mit einem 3D-Drucker. Es reicht ein Gerät für die ganze Schule, man kann gestaffelt arbeiten. Das lässt sich auch über Vereine organisieren“, so die Expertin. „Dass die Anschaffung einer Stickmaschine zu aufwendig sei, geht als Argument nicht durch.“

Neben Mayr-Stalder haben auch international schon einige Lehrerinnen und Lehrer das Projekt aufgeschnappt und weitergetragen. „Es wird in verschiedenen Teilen der Welt damit gearbeitet, unter anderem in China, Afrika oder den USA“, sagt Mayr-Stalder. Eine engagierte Lehrerin der Eleanor Roosevelt High School aus New York hatte sich die Fähigkeiten, mit Turtle Stitch zu unterrichten, etwa nach einer Konferenz in Amsterdam angeeignet, bei der die Wiener Programmiererin das Projekt vorgestellt hatte.

Crowdfunding-Kampagne

Demnächst wird das Projektteam am MIT in Boston prominent präsentiert. Der dortige Leiter des Medialabs, Mitchel Resnick, hat bereits das Crowdfunding-Projekt von Turtle Stitch auf Kickstarter unterstützt. Das Open-Source-Projekt, das von einer kleinen Entwickler-Gruppe umgesetzt wird, benötigt nämlich Geld, um all die Ideen und Anregungen, die im Laufe der vergangenen zwei Jahre bei der Erprobung in der Praxis gesammelt wurden, nun in ein Update der Software einfließen zu lassen. „Wir haben uns entschieden, eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben zu rufen, weil wir nicht institutionell gestützt arbeiten“, erklärt Mayr-Stalder.

„Als Gegenleistung gibt es von gestickten Postkarten bis zu exklusiven T-Shirts mit verschiedenen Stickmustern auch Workshops“, sagt Mayr-Stalder. Die Kampagne läuft noch bis Samstag, 28. Juli. Benötigt werden insgesamt rund 15.000 Euro, rund 12.000 Euro sind bisher erfolgreich zusammengesammelt worden. „Damit können wir unsere Arbeit fortführen die Software zu verbessern“, so Mayr-Stalder.