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04/16/2014

Willhaben.at: “Eine App muss hervorragend sein”

Das heimische Anzeigenportal behauptet sich gegen internationale Konkurrenten und setzt - spät aber doch - auf den Ausbau mobiler Angebote.

Erst kürzlich hat Willhaben.at mit seiner App die Millionen-Marke geknackt. Laut jüngsten ÖWA-Plus-Zahlen ist die App das stärkste mobile Angebot in Österreich. Dabei sticht die relativ kurze Zeitspanne ins Auge, in der der Plattform diese Downloadzahlen gelungen sind. Denn mit der App für Smartphones und Tablets war das Anzeigenportal eigentlich recht spät dran, der Launch erfolgte erst Anfang Juli vergangenen Jahres, davor hatte Willhaben nur eine mobile Webseite.

“Wir haben die mobile Webseite im Jahr 2010 deutlich vor der App umgesetzt, was in erster Linie daran lag, dass wir technisch noch einiges sauber zu machen hatten”, erklärt Mirjam Techt, Leiterin Produktmanagement bei Willhaben, im Gespräch mit der futurezone. “Wir vertreten den Standpunkt, dass eine App hervorragend sein muss.” Da sei der Qualitätsanspruch extrem hoch. Seit die App verfügbar ist, achte man darauf, diesen hohen Qualitätsanspruch zu wahren. “Wir erhalten sehr gute Bewertungen, das ist uns auch sehr wichtig und wir reagieren auf die Bedürfnisse unserer User.”

Derzeit wird die Willhaben-App pro Tag knapp 3.700 Mal heruntergeladen. Wie groß der Anteil jener User ist, die das Angebot überhaupt nur noch via App nutzen, kann man bei Willhaben allerdings nicht beantworten. “Das könnten wir höchstens über Umfragen herausfinden”, sagt Sylvia Dellantonio im futurezone-Interview. Es komme natürlich immer auf den Usecase an, warum jemand die Seite via Smartphone oder doch lieber via Desktop nutze. “Nutzer, die Wohnungen inserieren, wollen das zum Beispiel so gut wie gar nicht mit dem Handy machen”, sagt Techt. Das Inserieren am Marktplatz hingegen laufe bereits vielfach ausschließlich über die App. “Nutzer können direkt Fotos hochladen und greifen zum Teil gar nicht mehr auf die Webseite zu.”

Duale Strategie

Was die Weiterentwicklung des mobilen Angebots betrifft, gehe man immer davon aus, wie “nutzenstiftend” eine Funktion sei. Dabei werde ein dualer Ansatz verfolgt. Einerseits gehe man auf Nutzerwünsche ein, andererseits biete man exklusive Funktionen für die App an - wie beispielsweise eine lokale Suche, die anzeigt, welche Angebote in der näheren Umgebung zu finden sind.

Anregungen holt sich Willhaben auch gerne aus dem internationalen Umfeld. “Wir haben das Glück in einer Unternehmensfamilie zu sitzen, die sehr international ist, weil unser Eigentümer zu 50 Prozent der norwegische Konzern Schibsted ist. Schibsted ist in 30 verschiedenen Ländern mit ähnlichen Plattformen vertreten”, sagt Geschäftsführerin Dellantonio. Daher könne Willhaben aus einem großen Portfolio von unterschiedlichen Modellen schöpfen. “Wir können dadurch sehen, wo etwas gut funktioniert und es auch nach Österreich holen, wenn wir glauben, dass es für den Markt sinnvoll ist”, so Dellantonio weiter.

Keine Angst vor Konkurrenten

“Als Willhaben entstanden ist, war definitiv eBay der wichtigste Marktplayer in Österreich, wenn es um gebrauchte Dinge ging. Die Situation sieht jetzt ganz anders aus. Vor allem im privaten Bereich sehen wir eBay nicht mehr als besonders präsent, es ist eher umgekehrt”, sagt die Geschäftsführerin.

Bei Willhaben sieht man es als Vorteil an, in Österreich zu sitzen, den Markt genau zu kennen und näher dran zu sein als internationale Konkurrenten. “Wir sind in dem Fall flexibler und können eher auf nationale Bedürfnisse eingehen”, so Dellantonio. Bedroht fühle man sich von US-Konzernen wie eBay in keinem Fall, wobei sich die Plattformen auch deutlich voneinander unterscheiden würden, wie Dellantonio betont.

Regenwetter bevorzugt

Immerhin verzeichne Willhaben täglich zwischen 410.000 und 450.000 Unique Clients sowie zwischen 60.000 und 80.000 neue Inserate auf seiner Plattform. “An einem Regenwettertag wird deutlich mehr verkauft als an einem Schönwettertag”, sagt Techt. Was die eingestellten Artikel betrifft, gibt es wie bei den meisten Plattformen auch bei Willhaben Dauerbrenner und Klassiker. Vieles sei saisonal bedingt. Jetzt im Frühling etwa werden laut Techt sehr viele Fahrräder angeboten. Auch Rasenmäher haben gerade Saison. “Wenn es gerade schneit, sind natürlich Schneeketten stark nachgefragt. Themen, die immer funktionieren, sind zum Beispiel Möbel von gewissen Herstellern”, erklärt die Produktmanagerin.

Identifikationspotenzial

“Wir bieten durch unsere nationale Marke natürlich auch Raum für Identifikation”, sagt Techt. “Das Schöne am Kleinanzeigengeschäft ist, dass Menschen zusammenkommen. Unsere Plattform und unsere Produkte bieten die Möglichkeiten für den direkten Kontakt.” Laut Techt verbinden viele Willhaben-Nutzer die Plattform nicht nur mit dem Produkt an sich, sondern auch mit Menschen, die sie darüber kennengelernt haben.

“Grundsätzlich können die internationalen Player das vermutlich auch, aber wir haben bei unseren Nutzern einfach einen Stein im Brett”, so Techt. Man beobachte eine generelle Rückbesinnung auf regionale Angebote, lokale Dienste und Produkte aus dem näheren Umfeld.

Social Media vorerst kein Thema

Social-Media-Funktionen, etwa, dass Leute sich Profile nach Facebook-Vorbild anlegen können, seien natürlich langfristig nicht ausgeschlossen, heißt es. Konkrete Pläne dazu hegt man bei Willhaben jedoch nicht. “Es gibt schon Identitäten unserer Nutzer im Netz. Wir müssen nicht die x-te Identität schaffen”, meint Techt. Die Frage sei eher, wie die User ihre bestehende Netz-Identität in die Plattform integrieren könnten. Manche User seien sogar ganz froh, dass Willhaben kaum persönliche Informationen abfrage, und man sich mit minimalen Angaben dort bewegen könne.

Auch in diesem Punkt, ähnlich wie bei der mobilen Strategie, wolle man natürlich genau hinhören, was die Nutzer sich wünschen. Typische Willhaben-User per se gebe es nicht. “Im Grunde spiegelt sich bei uns die allgemeine österreichische Internetnutzerschaft ganz gut wider. Wir sind vielleicht ein wenig jünger und ein wenig stärker im höher gebildeten Segment angesiedelt als der Österreich-Durchschnitt”, sagt Dellantonio.

Keine Nutzerbewertung

Aus der Abwicklung zwischen Käufern und Verkäufern hält sich Willhaben weitgehend heraus. Kommt es zu einem Betrugsfall wird natürlich eine Anzeige empfohlen und der betreffende Nutzer gesperrt. Dellantonio appelliert auch an die Eigenverantwortung der Nutzer - egal ob im Geschäft um die Ecke oder online, ein zweifelhaftes Angebot sei immer kritisch zu betrachten. Es gehe dabei nicht um das “böse Internet”.

Userbewertungen wie auf anderen Plattformen gibt es bei dem heimischen Anzeigenportal nicht. “Wir haben das immer wieder diskutiert, sind aber zu dem Schluss gekommen, das nicht zu machen”, sagt Dellantonio. Einerseits komme es auch bei den Bewertungen zu Betrügereien, weshalb diese nicht ganz zuverlässig seien und Druck bei Nutzern erzeugen würden. “Außerdem möchten wir die User gleichwertig existieren lassen. Wenn jemand schon lange auf dem Portal ist und viele gute Bewertungen hat, ist er immer im Vorteil gegenüber jemand Neuem, der dann vielleicht kaum beachtet wird”, erklärt die Willhaben-Geschäftsführerin.

Die Zukunft

In Hinblick auf die Zukunft von Willhaben sieht man sich in dem Unternehmen weiterhin auf Wachstumskurs. “Wir möchten die Nutzung unserer Plattform in den kommenden Jahren jedenfalls noch erhöhen”, sagt Dellantonio. Das Potenzial sei noch nicht ausgeschöpft. In einer Zeitspanne von drei Monaten erreiche Willhaben derzeit etwa die Hälfte aller Österreicher. “Ich glaube aber, dass jeder etwas zuhause hat, dass er potenziell verkaufen möchte”, so Dellantonio. Die Kanäle, egal ob Desktop oder Smartphone, mögen sich zwar weiterhin verändern, der Kernnutzen, also der Kauf und Verkauf von Waren unter den Nutzern, werde aber nicht aus der Mode kommen, ist Produktmanagerin Techt überzeugt.