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Betriebssystem
11/28/2011

„Wir dürfen Android nicht künstlich elitär machen“

Heimische Android-Entwickler treten dem Problem der Fragmentierung bei Googles Handy-Betriebssystem gelassen gegenüber. Obwohl es für viele eine Herausforderung ist, dass zahlreiche Software-Versionen gleichzeitig in Umlauf sind, sehen die Entwickler gerade in der Vielfältigkeit der unterschiedlichen Geräte eine große Stärke. Die Erwartungen an das kommende Update Ice Cream Sandwich sind verhalten.

von Claudia Zettel

Kein einheitlicher App-Store, zu viele verschiedene Software-Versionen gleichzeitig in Umlauf und Schwierigkeiten, mit Apps Geld zu verdienen - so lautet nicht selten die Kritik seitens Android-Entwicklern an Googles Handy-Betriebssystem. Nicht nur Anwender sind mitunter aufgrund der starken Fragmentierung im Android-Ökosystem benachteiligt, auch die Entwickler werden vor besondere Herausforderungen gestellt, die es in der Weise etwa bei Apples iOS nicht gibt.

Doch sind die unterschiedlichen OS-Versionen und Verzögerungen bei der Auslieferung von Updates wirklich ein Problem, das Android langfristig schaden könnte? Darf man sich von der neuen Version Ice Cream Sandwich (4.0) Verbesserungen in dieser Hinsicht erwarten? Die futurezone hat sich unter Android-Entwicklern umgehört.

Problematisch für Highend-Entwickler
“Die Fragmentierung ist nur für eine Teilmenge der Entwickler ein Problem”, meint Florian Dinhobl, der aktuell für das SAD-Projekt arbeitet, das von der TU Wien in Kooperation mit dem Wissenschaftler Peter Purgathofer umgesetzt wird. “Ich bin ein Freund von Rapid-Release-Zyklen und kann daher sehr gut mit den vielen Versionen umgehen”, so Dinhobl, der sich seit eineinhalb Jahren in der Android-Welt bewegt. Er könne aber natürlich auch jene Entwickler verstehen, die sich an sehr große Projekte heranwagen, ohne agile Softwareplanungsmethoden arbeiten und dementsprechend eine Designänderung im laufenden Prozess nicht mehr durchführen können, sagt Dinhobl. “Tatsache ist allerdings, dass eine Abwärtskompatibilität nahezu immer gegeben war und ist.”

Ähnlich bewertet auch Markus Ritberger die Situation. Er ist hauptberuflich als Web-Developer bei Pixelkinder.com beschäftigt und hat sich privat dem Programmieren von Android-Apps verschrieben: “Bei gewöhnlichen Apps ist es nicht so tragisch. Schwierig wird es erst dann, wenn man Highend- oder hardwarehungrige Anwendungen macht.” Gerade im Bereich Games gebe es häufig Probleme.

“Android-Ökosystem lebt von vielen unterschiedlichen Geräten”
Android bietet eine größere Auswahl an Endgeräten, was den Nachteil bei der Entwicklung mitbringt, eine Anwendung etwa für unterschiedliche Bildschirmauflösungen anpassen zu müssen”, sagt Tobias Eble, Entwickler für den Augmented-Reality-Browser junaio von der Münchner Firma metaio. Gleichzeitig wird die Vielzahl an verschiedenen Geräten von Entwicklern durchaus auch positiv bewertet: “Android lebt davon, dass es auf einer mannigfaltigen Basis von Geräten lauffähig ist und diese in einer Preisspanne angeboten werden können, die es nahezu jedem ermöglichen, ein solches Gadget zu besitzen”, sagt Dinhobl. “Wir müssen darauf achten, dass wir diese Stärke erhalten und uns nicht in eine Richtung bewegen, die Android künstlich elitär machen will.” Es müsse der Brückenschlag zwischen Lowend- und Highend-Geräten geschafft werden, so der Entwickler: "Die jeweiligen Zielgruppen müssen bekommen, was sie erwarten."

“Ich denke, es ist einfacher für iOS zu entwickeln, da man hier lediglich eine Handvoll Geräte unterstützen muss und iOS-User gewöhnlich alle das aktuelle Betriebssystem nutzen bzw. einfacher aktualisieren können”, meint Andreas Hauser, Head of Android Development bei Wikitude. Bei der Android-Entwicklung gehe es stets darum, möglichst niemanden zu vernachlässigen und allen Nutzern das Gefühl zu geben, die App wäre genau für das Gerät gemacht, das sie in Händen halten. “Und das obwohl kein Android-Entwickler seine Anwendung auf allen Geräten testen kann”, sagt Hauser. Davon abgesehen sieht Hauser den Vorteil bei Android, dass die Nutzerzahlen stetig steigen und dass die Smartphone-Hersteller offen für Vorinstallationen und Featurings seien, “was bei iOS wohl nie der Fall sein wird”, so der Entwickler.

Kritik an Herstellern
Google macht es den Entwicklern gar nicht so schwer, meint Bernd Bindreiter, der seit zwei Jahren Android-Apps programmiert und derzeit mit “Soccer Livescores” im Android Market vertreten ist. “Rückwärts- und Vorwärtskompatibilität funktionieren zu 100 Prozent”, so Bindreiter. Mehr Probleme würden manche Geräte-Hersteller bereiten. “Samsung etwa adaptiert Android-Versionen dermaßen, dass manche Funktionen, die in einer unmodifizierten Version problemlos laufen, auf einmal gar nicht mehr funktionieren.” Grundsätzlich sieht Bindreiter kein Problem für Entwickler in der Fragmentierung. “Man kann sehr genau definieren, ab welcher Version wo was wie laufen soll. Ergänzend dazu kann man seit geraumer Zeit verschiedene Versionen einer App hochladen, um dann zu definieren, welche für welche Android-Version bestimmt ist.”

Das Problem ortet der Entwickler eher an anderer Stelle: “Programmierer haben gar nicht die Möglichkeit, alle Kombinationen durchzutesten. Oft bleibt nur der Emulator.” Aber auch dann könne es vorkommen, dass eine App auf einer bestimmten Version funktioniere, aber dann nicht auf jedem Handy, das mit dieser Version läuft.

Veränderungen durch Ice Cream Sandwich
Google verspricht, mit dem Start der neuen Android-Version 4.0, das Problem der Fragmentierung besser in den Griff zu bekommen. Die Entwickler hoffen zwar darauf, dass es dadurch zu Verbesserungen kommt, haben aber auch nicht allzu hohe Erwartungen. “Mit Ice Cream Sandwich wird es hoffentlich wieder einfacher, für Tablets und Smartphones zu entwickeln”, sagt Ritberger. Bisher gebe es viel Chaos, weil alles doppelt gemacht werden muss. “Man kann im Android Market gut sehen, dass sich nur wenige Entwickler diesen zweifachen Aufwand antun.” Daher sind auch die meisten Apps nicht für Tablets angepasst.

Auch Dinhobl vom SAD-Project sieht Ice Cream Sandwich positiv entgegen. “Es wird wohl das wieder gerade biegen, was mit 2.x und 3.x ins Wanken geraten ist. Die Konsolidierung dieser Zweige wird uns als Entwickler viele Vorteile bringen und dem Endkunden eine klarere und zugänglichere Linie vorgeben.” So dürfe man sich von der nächsten Version jedenfalls eine einfachere Bedienung erwarten, meint Dinhobl. “Man will sich als Kunde nicht erst in den Versionsdschungel einlesen, sondern man will wissen, ob man das neueste oder ein altes Gerät in Händen hält.”

Etwas verhaltener zeigt sich die Firma metaio. “Die stärkere Zusammenführung von Tablet- und Handy-Oberflächen sollte den Arbeitsaufwand vereinfachen, wie gut dies in der Praxis funktioniert, wird sich aber erst zeigen”, sagt metaio-Entwickler Eble. Auch Wikitude-Entwickler Hauser schraubt seine Erwartungen an Android 4.0 nicht allzu hoch: “In der Theorie wird alles einfacher. App-Antwickler werden dazu gezwungen, das User Interface so zu designen, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob es auf einem Smartphone oder Tablet läuft.” Außerdem gebe es nun endlich einen gemeinsamen Nenner und ausgereifte Funktionen, die für alle Ice-Cream-Sandwich-Geräte verfügbar seien. “Doch in der Praxis wird es eine Menge bestehender Geräte geben, die nie auf das neue System umsteigen werden, weil sie es einfach nicht unterstützen können. Enwickler werden mindestens ein Jahr zweigleisig fahren müssen, um keine alten Geräte auszusperren”, prognostiziert Hauser.