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Games
11/05/2010

Xbox-Bewegungssteuerung Kinect im Test

Seit einer Woche tanzt Futurezone.at vor dem Flat-TV, stellt sich im Wohnzimmer tot und schwitzt bei virtuellen Weltrekord-Versuchen. Kinect, die Controller-lose Steuerung für die Xbox360, macht Spaß und funktioniert - mit Einschränkungen.

Ich fühle mich beobachtet. Wenn ich auf der Couch sitze, starrt mich die schwarze Kinect-Einheit an. Drei Linsen, per Motor automatisch auf Gesichtshöhe ausgerichtet, scheinen mich vom oberen Rand des Flat-TVs herab zu verhöhnen: "Komm schon fauler Sack, leg’ die Fernbedienung weg. Steh auf, tanze, schwitze, spiele!" Der Verlockung zu widerstehen fällt nicht leicht, denn trotz einer gehörigen Portion Skepsis im Vorfeld, die weder auf der E3 in Los Angeles, noch bei Wiener Präsentationen zerstreut werden konnte, funktioniert Kinect und macht Spaß. Es ist nicht perfekt, aber in seiner Art doch so einzigartig, dass es zu einem System Seller für die Generation "Casual Gamer" werden könnte.

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Setup
Um Kinect zu nutzen, ist eine Xbox360 erforderlich. Das aktuelle "Slim"-Modell hat einen eigenen Kinect-Anschluss, bei älteren Xbox360-Konsolen wird die Kinect-Einheit an einen USB-Anschluss und eine Steckdose angehängt. Die Kabel sind ausreichend lang, im Gegensatz zu Sonys PlayStation-Eye-Kamera. Die Stromversorgung ist nötig, da Kinect weit mehr als eine Infrarot-Leiste (Wii) oder eine Webcam (PS3) ist. Eine Kamera und zwei Infrarot-Tiefensensoren arbeiten zusammen, um Körper und Bewegungen der Spieler dreidimensional zu erfassen. Vier Mikrofone filtern Umgebungsgeräusche von Stimmen und ermöglichen Headset-freie Voice Chats. Ein Motor im Standfuß neigt die Kinect-Einheit automatisch nach oben oder unten, um den optimalen Winkel für die Spielererfassung zu erzielen.

Die für Kinect-benötigte Software kommt automatisch per System-Update auf die Xbox360. Wobei das neue, weiß-lila Farbschema wohl nicht den Geschmack der meisten Halo- und GoW-Gamer treffen wird. Der schwierige Teil des Setups ist die richtige Positionierung von Kinect. Die Einheit sollte in einer Höhe zwischen 60 Zentimeter und zwei Meter, mittig zum Flat-TV, aufgestellt werden. Dabei darf sie nicht Temperaturen von über 35 Grad ausgesetzt werden, was aufgrund der Lüftung des Fernsehgeräts problematisch werden kann, wenn die Einheit knapp über oder auf dem TV abgestellt wird. Kinect sollte auch von Lautsprechern, Schallquellen oder "vibrierenden Gegenständen" fern gehalten werden - eine Positionierung unter dem Flat-TV auf dem Center-Speaker kommt also nicht in Frage.

Da der Kinect-Standfuß, verglichen zur PS-Eye-Kamera und der Wii-Leiste recht groß ausgefallen ist, ist er nicht wirklich dafür geeignet, um auf den Rahmen des Flat-TVs zu stehen. Zwar kann Kinect auf einen ein Zentimeter dicken Rahmen balancieren, diese Notlösung bleibt aber den Mutigen vorenthalten. Eine optional erhältliche Wand-Halterung soll in Kürze erscheinen.

Je nach Spiel ist der Abstand zwischen Spieler und Kinect ein Killer-Kriterium. Im Test-Wohnzimmer befand sich Kinect 2,30 Meter von der Couch entfernt, minimal sollten es 1,8 Meter sein. Dennoch empfahl das Spiel "Kinect Sports" weiter nach hinten zu gehen und konnte etwa beim korrekten Ausfall-Schritt beim Bowling die Abwurf-Bewegung nicht mehr registrieren. Auch beim Fitness-Game "Your Shape" konnten einige Übungen nicht korrekt ausgeführt werden. Wird zu zweit gleichzeitig gespielt ist ein Abstand von 2,5 bis drei Meter ratsam.


{{{Die Kinect-Sensoreinheit}}}

Menü
Ist die 5-minütige Software-seitige Einrichtung von Kinect (Tontest, Bildtest) abgeschlossen, kann es losgehen. Ist man im Xbox360-Menü, reicht ein Winken, um Kinect zu aktivieren. Ist eine Kinect ID eingerichtet, wird per Gesichtserkennung automatisch das dazugehörige Xbox-Profil angemeldet.

Durch das angepasste Kinect-Menü wird navigiert, indem auf den Bildschirm gezeigt wird. Eine kleine weiße Handfläche stellt dabei die Cursor-Position da. Das funktioniert auch im Sitzen. Sitzt man aber nicht mittig vor der Kinect-Einheit, etwa weil man zu zweit auf der Couch herumlungert, muss man mit der Hand oft links oder rechts am Flat-TV vorbeizeigen, um Menüpunkte am Rand zu erwischen. Um einen Menüpunkt anzuwählen, zeigt man einfach mit der Hand für eine Sekunde darauf.

Das Ganze wirkt zwar nett futuristisch, der praktische Nutzen hält sich jedoch in Grenzen. Im Zune-Store einkaufen geht mit dem Controller schneller und auch das Vor- und Zurückspulen in Videos per Handbewegung ist mühsam, da man vorher winken muss, um eine Einstellung vorzunehmen oder die Stopp-Taste zu betätigen. Die Sprachkommandos, wie "Xbox Pause" und "Xbox Zune", funktionieren in der deutschen Version noch nicht, sollen aber laut Microsoft demnächst nachgereicht werden.

Was dafür jetzt schon klappt, ist der Kinect Videochat. Der Videochat ist nicht nur zu anderen Kinect-Nutzern, sondern auch zu Windows-Live-Messenger-Kontakten am PC möglich. Ein weiteres Feature: Während des Spielens nimmt Kinect automatisch Bilder und Videos auf, die auf Wunsch direkt zu Facebook hochgeladen werden. Es dürfte wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis im sozialen Netzwerk Videos von betrunkenen und nackten Spielern auftauchen, die vergessen haben das Auto-Sharing zu deaktivieren.


{{{Screenshot Kinect Videochat}}}

Spiele
"Software sells Hardware" trifft natürlich auch bei Kinect zu. Zwar ist die Hardware beeindruckend, aber nur die wenigsten werden sich Kinect zulegen, um den technischen Komponenten zu huldigen. Folgende Launch-Titel standen Futurezone.at zum Testen zur Verfügung:

Kinect Adventures: Die Mini-Game-Sammlung liegt Kinect bei. Schade eigentlich, denn als Demonstrations-Titel für die Kinect-Fähigkeiten ist es nicht geeignet. Zwischen der Bewegung des Spielers vor dem Flat-TV und der Figur am Bildschirm ist eine deutliche Verzögerung bemerkbar. Zudem sind die Mini-Games im Dschungel-Look nicht besonders abwechslungsreich.


{{{Screenshot Kinect Adventures}}}

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Kinect Sports: Bewegungssteuerung und Sportspiele gehören einfach zusammen. Kinect Sports bietet die Disziplinen Fußball, Volleyball, Leichtathletik (Sprint, Weitsprung, Speerwerfen, Diskuswerfen, Hürdenlauf), Bowling, Tischtennis und Boxen. Während Fußball und Boxen unspektakulär sind, funktioniert Tischtennis überraschend gut - ein Controller in der Hand wird nicht vermisst. Hier können sich erwachsene Männer in Ping-Pong-Duelle epischer Ausmaße steigern, entweder zu zweit vor dem Flat-TV oder online. Auch Doppel sind möglich. Bei Beach Volleyball ist ebenfalls die Doppelvariante zu empfehlen: Wenn nach einem Zuspiel ein Schmetterball (ja, man muss dazu hochspringen) im gegnerischen Feld landet, ist das unglaublich befriedigend. Und schweißtreibend. Hängt man sich in die Sportarten richtig rein und versucht bei der Leichtathletik neue Weltrekorde zu erzielen, kommt man ordentlich ins Schwitzen - mit der Ausnahme von Bowling, das als Regenerationsphase genutzt werden kann.


{{{Screenshot Kinect Sports, Volleyball}}}

Kinect Joy Ride: Der Fun-Racer kann nicht mal ansatzweise mit Mario Kart oder Mod Nation Racers mithalten. Lenken mit "so tun als ob man ein Lenkrad in der Hand halten würde" ist wohl auch nur für Kinder spaßig. Der Turbo wird durch nach vorne lehnen gestartet, Stunts werden in der Luft durch eine Körperdrehung oder nach hinten lehnen ausgeführt. Joy Ride ist der schwächste Titel im Kinect-Start-Line-Up.


{{{Screenshot Kinect Joy Ride}}}

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Kinectimals: Das Gegenstück zu Eyepet und Nintendogs. Man sucht sich ein Wildkatzen-Jungtier aus, streichelt und bürstet es und bringt ihm Tricks durch Vormachen bei. Dabei sollte man eventuell die Vorhänge zuziehen, um zu vermeiden, dass die Nachbarn einen beim Totstellen oder Männchen machen erwischen. Dazwischen gibt’s Mini-Games, die aber weder besonders spannend noch abwechslungsreich sind. Auch wenn das Spiel mit seiner süßen Knuddel-Optik für Kinder gedacht ist: gerade Nachwuchs-Gamer sind schnell gelangweilt. Um für die Kids die Spannung aufrecht zu erhalten, wird es bei der Spielenwarenkette Toys "R" Us Stofftiere geben, die einen Kinectimals-Code umgebunden haben. Hält man diesen im Spiel vor die Kinect-Kamera, wird ein neuer, virtueller Kuschelkamerad freigeschalten.


{{{Screenshot Kinectimals}}}

Your Shape: Eine Stärke der Wii waren die zahlreichen Fitness-Games. Die Controller-lose Steuerung von Kinect scheint ideal für dieses Genre zu sein. Allerdings ist auch hier wieder viel Platz nötig: 2,5 bis drei Meter sollten zwischen Kinect und Spieler sein. Für Leute, die bereits Fitness machen, ist das Tutorial Tortur, da es eine gefühlte Ewigkeit dauert und einzelne Übungen nicht übersprungen werden können. Auch Anfänger werden nur wenig Freude mit Your Shape haben, da die Trainer-Tipps, wie Übungen richtig auszuführen sind, zu selten sind. Die Mini-Fitness-Spiele können ebenfalls nicht überzeugen. EAs "Sports Active" für die Wii bot ein deutlich effektiveres Training und Nintendos "Wii Fit" hatte eine bessere Auswahl an Mini-Games.


{{{Screenshot Your Shape}}}

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Dance Central: Von den Machern von Rock Band kommt dieses Tanzspiel, dass sogar Tanzmuffel und Männer dazu verleitet die Hüften kreisen zu lassen. Schritt für Schritt kann die Choreografie für jeden Song erlernt werden, bevor dann das Tanzbein geschwungen wird. Dance Central bietet mehr als 400 Tanz-Moves, 90 Choreografien und 30 Songs, inklusive Lady Gaga, Kylie Minogue und Kool & The Gang. Auf dem Bildschirm tanzt ein Charakter vor (mehrere Charaktere und Outfits sind freischaltbar), dem nachgetanzt wird. Eine leuchtende Markierung zeigt wie gut die Moves imitiert werden und ob das Timing stimmt. Am Anfang fällt es noch schwer auf die korrekte Ausführung des aktuellen Moves zu achten und gleichzeitig die Liste im Auge zu behalten, die zeigt welcher Tanzschritt als nächstes folgt. Noch dazu sollten die Moves fließend ineinander übergehen, da man sonst aus dem Takt kommt. Hat man jedoch den Song ein paar Mal getanzt, ist man bereit auf Highscore-Jagd zu gehen oder seine Freunde in "Dance Battles" auszustechen. Diese werden aber nur abwechselnd ausgetragen - gleichzeitig kann nicht getanzt werden. Auch bei Dance Central kann man ordentlich ins Schwitzen kommen. Fitness-Fans können den "Workout"-Modus aktivieren, der die beim Tanzen verbrannten Kalorien mitzählt.


{{{Screenshot Dance Central}}}

Fazit
Als Technik-Freak begeistert der Einfallsreichtum, mit dem Microsoft die Herausforderung der Controller-losen Steuerung gelöst hat.
Als Casual oder Gelegenheitsspieler begeistert die Einfachheit von Kinect: Xbox360 aufdrehen, fertig. Man muss keine leeren Batterien der Controller stauschen oder darauf achten, dass der Akku geladen ist und auch keine Zubehör-Teile suchen, die irgendwo in der Wohnung verstreut sind. Da überhaupt kein Controller gebraucht wird, fällt eine der größten Videospiele-Hemmschwellen. Deshalb eignet sich Kinect hervorragend für Partys, auch wenn bei den derzeit verfügbaren Spielen nur maximal zwei Personen gleichzeitig spielen können.

Aber als normaler Spieler und Core-Gamer bin ich enttäuscht, dass mein Wohnzimmer mit einer Spielfeldlänge von 2,30 Meter nicht gänzlich Kinect-kompatibel ist und einige Spiele deshalb nicht optimal funktionieren und eventuell eine Highscore verhindern. Zudem ist das Start-Lineup zu gewöhnlich: Es sind Spiele, die man schon von der Wii oder PS3 kennt - im Falle von Kinect Sports und Dance Central sind diese besser als bei der Konkurrenz, bei Your Shape und Joy Ride schlechter. Es drängt sich deshalb die Frage auf: Wie innovativ oder abwechslungsreich können zukünftige Kinect-Spiele werden? Wenn die Spieleentwickler eine Minigame-Sammlung nach der anderen veröffentlichen, wird Kinect nach dem ersten Hype schnell in der "netter Versuch"-Lade verschwinden. Zudem wird es kaum möglich sein, traditionelle Spiele Kinect-tauglich zu machen, da für die Steuerung eines Actiongames oder RPG dann doch Knöpfe und Analog-Sticks fehlen. Interessant wären Hybrid-Spiele: Man könnte etwa beim Western-Game Red Dead Redemption für die Duell-Sequenzen den Controller beiseite legen, aufstehen und die Fingerpistole beim Glockenschlag ziehen. An Konzepten für Hybrid-Spiele wird laut Microsoft bereits gearbeitet.

Bis es soweit ist, werde ich Kinect wohl nur in Gesellschaft aktiv nutzen - bei Partys, Spieleabenden oder Damenbesuch. Für die einsamen (aber nicht minder unterhaltsamen) Nächte mit Fallout 3: New Vegas oder dem Red Dead Redemption Zombie-DLC greife ich nach wie vor gerne zum Controller. Ganz ohne schlechtes Gewissen, obwohl mich Kinect beim Spielen mit Controller unentwegt strafend von oben herab anstarrt.

Mehr zum Thema:

Microsoft hebt Absatzprognose für Kinect an

(futurezone/Gregor Gruber)

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Die Kinect-Einheit ist ab dem 10. November um 150 Euro inklusive dem Spiel "Kinect Adventures" erhältlich. Das Bundle Xbox360 Slim mit 4-GB-Festplatte und Kinect kostet 300 Euro. Die Spiele zum Verkaufsstart werden je 50 Euro kosten.