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Vorschau
01/02/2012

2012: Von ACTA, Facebook, Windows 8 und iPad 3

Neben der Fußball-EM, den Olympischen Spielen und dem Weltuntergang wird 2012 auch aus technologischer Sicht einiges Neues bieten. Da Hersteller und Firmen sich auch aufgrund der gebeutelten Weltwirtschaft konsolidieren, werden große Innovationen jedoch ausbleiben und bereits Bekanntes den Markt dominieren.

von Benjamin Sterbenz

Für eine Einschätzung, was das neue IT-Jahr bringen wird, braucht es keinen Blick in die Glaskugel. Aufgrund der ungewissen wirtschaftlichen Lage werden Unternehmen auf Bewährtes setzen kaum Risiko nehmen. Auch aufgrund der enttäuschenden Börsegänge diverser Web-Services in 2011 wird 2012 aller Voraussicht nach ein zurückhaltendes Jahr. Private Investments als Alternative zum unberechenbaren Aktienmarkt mögen zwar an Attraktivität gewinnen, das nächste Facebook wird dadurch jedoch nicht geschaffen werden.

Auch aus technologischer Sicht könnte 2012 eher im Zeichen der Festigung stehen. Da beispielsweise bei Flat-TVs die vergangenen zwei Marketingoffensiven (3D, SmartTV) verpufften, werden Hersteller vorsichtiger. Statt gänzlich neuer Konzepte wird wohl eher das Verbessern bestehender Systeme im Vordergrund stehen. Beispiele wären etwa NFC oder LTE, die 2012 eine wichtige Rolle spielen werden.

Geht man davon aus, dass sich Unternehmen zurücknehmen, könnte 2012 das Jahr der politischen Interventionen werden. Netzpolitisch stehen etliche Punkte am Programm, die das Internet und dessen weitere Entwicklung prägen könnten.

Welche Entwicklungen in den einzelnen Gebieten zu erwarten sind, hat die futurezone in den vier Blöcken Netzpolitik, Wirtschaft, Technologie und Produkte zusammengefasst. Folgende Prognosen werden für 2012 gestellt:

Netzpolitik

Zwei wichtige Themen stehen 2012 auf der politischen Agenda. Einerseits entscheidet das EU-Parlament über die Unterzeichung des Anti-Piraterieabkommens ACTA. Das Gesetz, das Urheberrechtsverstöße behandelt, wurde von mehreren Ländern, darunter den USA, bereits unterzeichnet und auch vom EU-Rat abgesegnet. 2012 muss es nun das Parlament passieren. Von einer schnellen Zustimmung bis hin zu einem Kippen ist alles möglich.

Parallel dazu wird in den USA ein ähnliches Gesetz verhandelt. Bei SOPA geht es ebenfalls um Urheberrechtsverstöße im Internet. Der Widerstand seitens der Nutzer ist in den letzten Wochen rapide gestiegen, ob dies den Ausgang beeinflusst, ist nicht abzuschätzen.

Sollte der Fall eintreten, dass sowohl ACTA als auch SOPA beschlossen werden, bedeutet dies drastische Einschnitte. Das Herunterladen und Teilen von Inhalten wird härter bestraft, die Ära des freien Internet endet. Zeitgleich würde dies die Stärkung von großen Rechteinhabern wie etwa Filmstudios und Musiklabels bedeuten und legalen Online-Shops und- Diensten wie etwa iTunes oder Spotify einen deutlichen Push bescheren.

Der zweite wichtige Punkt, den sich die EU für 2012 vorgenommen hat, betrifft den Datenschutz. Wie EU-Kommissarin Vivienne Reding angekündigt hat, sollen neue Datenschutzrichtlinien innerhalb der EU geschaffen werden. Reding macht sich für ein Ablaufdatum für Daten stark und will personalisierte Werbung im Netz hinterfragen. Sollte sich die EU in diesen Punkten durchsetzen, muss der Großteil der Portale und Startups sein Geschäftsmodell überdenken. Die Ära der maßgeschneiderten Werbung wäre dann vorbei. Einen Vorgeschmack hat bereits das Urteil der irischen Datenschutzkommission beliefert, das Facebook vorschreibt, einige Privatsphäre-Einstellungen bis spätestens Juli 2012 zugunsten der Nutzer zu verbessern.

Eine weitere Entwicklung, die 2012 prägen wird, ist die Fortsetzung der weltweiten OpenData-Initiativen. Nicht nur, dass mehr Datenbestände einsehbar werden, werden diese von immer mehr Unternehmen genutzt, um Dienste zu schaffen oder Informationen zu Tage zu fördern. Der Demokratisierungsprozess, die unter anderem durch WikiLeaks, die Anonymous-Hacks und die Occupy-Bewegung ausgelöst wurden, gehen somit weiter.

Netzpolitisch steht in Österreich zudem noch die elektronische Gesundheitsakte ELGA auf dem Programm. Der Gesetzesbeschluss hierzu wurde immer wieder verschoben. Zudem üben Datenschützer und auch Ärztekammer Kritik an dem Projekt. 2012 soll nun eine Entscheidung fallen.

Wirtschaft

In Sachen Web-Dienste steht ohne Zweifel der Börsegang von Facebook im Zentrum des Interesses. Nach den enttäuschenden Debüts von Zynga, LinkedIn und Groupon sind Finanzexperten auf das Abschneiden von Facebook gespannt. Die Stimmen mehren sich jedenfalls, dass das Netzwerk den optimalen Zeitpunkt für einen IPO bereits verpasst hat. Datenschützer, Politiker und die Wirtschaftslage setzten dem Netzwerk zu. Langsam setzt bei Facebook nun jener Prozess ein, der auch bei Google zu beobachten war: Ernüchterung. Spätestens nach dem Börsegang wird Facebook kein hippes, dynamisches Start-up mehr sein, sondern ein weiterer, riesiger IT-Konzern, der zwanghaft versucht, am Puls der Zeit zu bleiben.

Parallel zu dieser Entwicklung wird 2012 ein Konzern verstärkt ins Rampenlicht rücken, den man bislang trotz seiner Größe immer irgendwie übersehen hat: Amazon. Der Konzern hat im Aktienmarkt 2011 gut abgeschnitten, auch wirtschaftlich steht das Versandhaus gut da. Der eReader Kindle ist ein Erfolg und überzeugt mittlerweile auch Technologieverweigerer. Das Tablet Kindle Fire verbuchte Weihnachten Rekordabsätze. Grund für den Erfolg: Neben Apple ist Amazon die einzige Firma, die Hardware, Software und Inhalte perfekt beherrscht. Mit Jeff Bezos steht zudem ein CEO an der Spitze, der für seine Visionen und seinen Geschäftssinn geschätzt wird. Bislang agierte er eher im Hintergrund und mied allzu viel Publicity. Um Amazon prominenter am Markt zu positionieren, könnte er 2012 jedoch verstärkt an die Öffentlichkeit treten.

In Österreich wird eines der größten Ereignisse der Verkauf von Orange an Drei sein. Der Deal ist so gut wie abgeschlossen. Zwar werden über eine Milliarde Euro den Besitzer wechseln, für Konsumenten wird die Reduktion am Mobilfunkmarkt jedoch vorerst keine spürbaren Konsequenzen nach sich ziehen.

Punkto Übernahmen gibt es 2012 übrigens einige Kandidaten. Aufgrund schlechter Bilanzen und verzögerter Software gilt ein Verkauf von RIM/BlackBerry als ziemlich sicher. Zur Disposition könnte auch Nokia stehen, das den Schwenk auf Windows Phone erst verkraften muss. Zwar wird dem Betriebssystem von Microsoft eine rosige Zukunft vorausgesagt, so richtig glauben will das aber niemand. So könnte es passieren, dass nach der Einführung von Windows 8 CEO Steve Ballmer zurücktritt (oder zurücktreten muss). Der vor allem für seine Grimassen bekannte Manager musste 2011 einen schlechten Aktienkurs verantworten und schnitt in diversen Rankings besonders schlecht ab.

Einer genauen Prüfung muss sich auch sein Rivale Larry Page stellen. Am 1. April 2012 ist der Google-Mitgründer ein Jahr im Amt. Wirtschaftlich geht es dem Konzern gut, der Browser Chrome wird 2012 am Markt Platz Eins ergattern und auch die Einstellung etlicher Services kam gut an. Im Zuge der Fokussierung werden sicherlich weitere erfolglose Dienste eingestellt – ob darunter etwa das vorschollene ChromeOS fallen, bleibt abzuwarten. Spannend wird auch die Bilanz von Google+ und dessen Performance nach einem Jahr.

2012 werden schließlich die Patentkriege weiter ausgefochten. Im Kampf um Marktanteile wird keine Partei klein beigeben und alle juristischen Mittel in Anspruch nehmen. Im Zuge dessen werden auch wieder kleinere Firmen, die über ein interessantes IP-Portfolio besitzen, übernommen werden.

Technologie

Bahnbrechendes wird 2012 ausbleiben. Stattdessen wird an bereits eingeführten Systemen gefeilt. An vorderster Stelle stehen hier Mobilfunk-Standards. In Österreich, aber auch in vielen anderen Ländern, wird LTE gepusht werden. Die Preise für den schnelleren Datenfunk werden fallen, eine Versorgung in Ballungszentren scheint möglich. Zudem wird die Zahl an Smartphones und Tablets auf LTE-Basis drastisch steigen.

Die zweite Technologie, die 2012 Thema sein wird, ist NFC. 2011 wollte der vor allem für Bezahlvorgänge gedachte Funk nicht so recht abheben. Zwar gab es Initiativen etwa von Google oder Visa, in Europa fand dies aber kein Publikum. Die Feldversuche der Anbieter werden 2012 ausgeweitet und eine größere Kundenzahl erreichen.

Punkto Fernsehen wird dieses Jahr DVB-T2 sowie der Standard hbbtv starten. Ersterer soll mehr TV-Sender und bessere Auflösung ermöglichen, letzterer TV und Internet intelligent verbinden. Da es sich bei beiden Angeboten um Nischen-Produkte handelt, wird der Erfolg trotz umfangreicher Berichterstattung in der ersten Phase ausbleiben. Unabhängig von den EU-Entscheidungen (Stichwort ACTA & SOPA) wird hingegen Video-Streaming drastisch zunehmen. Bestehende Anbieter werden ihr Angebot ausweiten, neue Online-Videotheken und GoogleTV werden dazustoßen. Wahrscheinlich ist auch ein Abo-Modell im Stil von Spotify bzw. Netflix: Für eine Monatspauschale darf man TV-Serien so oft ansehen, wie man will. Bei den Geräten selbst werden erste Flat-TVs auf OLED-Basis auf den Markt kommen und mit exzellentem Bild und hohen Preisen für Wow-Effekte sorgen.

Bislang als obskur angesehene Entwicklungen könnten 2012 eine stärkere Verbreitung erlangen. Drängten bereits 2011 günstige 3D-Drucker auf den Markt und in Werkstätten, wird sich dies 2012 noch verstärken. Auch Wearables, also in Kleidung integrierte Technik, könnten es heuer aus den Laboren in die Regale schaffen. Gleiches gilt für biegsame Displays, die man bislang nur aus Science-Fiction-Filmen kannte. Samsung hat bereits 2011 angekündigt, flexible Screens 2012 in Masse zu produzieren – was neue Handy-Formfaktoren hervorbringen wird.

Durch den Erfolg von Microsofts Kinect und Apples Siri, werden schließlich auch neue Eingabekonzepte auf den Markt kommen. Natürliche Methoden zur Steuerung von Geräten galten seit jeher als Ziel vieler Forscher, durch günstige Sensoren, schnelle Prozessoren und ausgeklügelte Software könnte dies nun tatsächlich zum Alltag werden. 2012 werden Konsumenten jedenfalls eine Vielzahl neuer Ideen sehen.

Zu guter Letzt wird 2012 durch Fortschritte bei selbst fahrenden Autos aufhorchen lassen. Googles Experimente werden weitere Meilensteine erreichen, Autohersteller zweifellos nachziehen. Zwar wird dieses Jahr noch kein Roboter-Auto zugelassen werden. Die Idee eines autonomen Vehikels wird aber definitiv den Status einer Utopie und Spinnerei verlassen.

 

Produkte

An neuen Gadgets wird es 2012 nicht mangeln. Das gilt bereits jetzt als sicher und verbrieft. Folgendes Spielzeug wartet heuer auf neugierige Nutzer:

Windows 8 und dessen neuer Kachel-Look wurde bereits 2011 enthüllt. Das finale Produkt, das ganz auf Touch setzt und viele Anleihen bei Windows Phone nimmt, wird nun 2012 auf den Markt kommen. Erste Reaktionen von Nutzern und Entwicklern sind positiv, ein Erfolg zeichnet sich ab.

Apple wird heuer ebenfalls ein Produktfeuerwerk loslassen. Auf der Agenda stehen ein iPad 3, ein iPhone 5 sowie ein sagenumwobener Apple-Fernseher (iTV in den Größen 32 und 37 Zoll). Dieser soll mit gänzlich neuen Eingabemethoden bestechen und – natürlich – fest im Apple-Software-Imperium verankert sein. Während bekannte TV-Hersteller seit Jahren straucheln, Internet-Dienste vernünftig auf den Schirm zu bekommen, hat Apple gute Chancen, dies auf Anhieb zu realisieren.

2012 wird auch das Jahr der Spielkonsolen. Neben dem EU-Start der tragbaren PlayStation Vita - die in Zeiten von Android-Smartphones viele kalt lassen wird - kommt auch Nintendos eigenwillige Wii U auf den Markt. Da die Kombination aus Konsole und Tablet bei der Vorstellung 2011 für Stirnrunzeln sorgte, bleibt abzuwarten, ob Nintendo daran festhält. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz nachbessert: Eine Xbox (720 oder 1080) steht im Raum, da das bisherige Modell bereits fünf Jahre alt ist. Mit Mass Effect 3 und GTA5 gäbe es zudem zwei Top-Titel, mit der die 360 mit Anstand und Würde (nach dem Motto: Aufhören, wenns am schönsten ist) in Pension geschickt werden könnte. Eine neue Microsoft-Konsole würde jedenfalls gut zum Start und zur Bewerbung von Windows 8, das sich ganz offensichtlich für Spielkonsolen eignet, passen.

Obwohl sich 2010 und 2011 kein Tablet gegen das iPad durchsetzen konnte, werden Hersteller weiter versuchen, dem Marktführer Wasser abzugraben. Nokia will mit einem eigenen Tablet (voraussichtlich mit W8) ebenso mitmischen wie Google. Der Kauf von Motorola und die daraus folgenden Synergien sollen sich in Form eines Google-Tablets manifestieren. Android 4.0 wird dabei sicherlich helfen.

Bei den Notebooks wird sich der Trend zu dünneren, leichteren Geräten fortsetzen. Intel und dessen Partner werden die so genannten Ultrabooks vehement bewerben. Das Angebot an Modellen wird 2012 deutlich wachsen und über 13-Zöller hinausgehen. Größere SSDs machen die Geräte zudem alltagstauglicher. Knackpunkt bleibt jedoch der Preis, der dieses Jahr kaum unter 600 Euro rutschen wird, weshalb die Ultras vorläufig ein adrettes Nischenprodukt bleiben.

Ein Sektor, der mit einem gänzlich neuartigen Produkt aufwarten wird, ist die Digitalfotografie. Die 2011 angekündigte Lichtfeldkamera Lytro kommt 2012 auf den Markt. Die Technik erlaubt, die Tiefenschärfe von Aufnahmen nachträglich zu verändern – was zu besonders kreativen Ergebnissen führen soll. Der Style-Faktor ist jedenfalls hoch und die Chancen, das neue Tech-Spielzeug des Jahres zu werden stehen nicht schlecht. Dass es die Fotografie revolutionieren wird, sollte man aber nicht glauben. Dies wird auch nicht die längst überfällige Systemkamera von Canon bewerkstelligen. Die EVIL vom Marktführer wird für Februar erwartet.

Schließlich wird 2012 die Nutzung von Online-Speicherdiensten eine Alltäglichkeit. Durch Integration von Apples Cloud in die iPhone-Software und die steigende Beliebtheit von Dropbox freunden sich Konsumenten schleichend mit dem Prinzip der „Wolke“ an.