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Technologiegespräche

"Brauchen 2050 60 bis 80 Prozent mehr Biomasse"

Die Ernährung der Menschheit und ihre Versorgung mit den Dingen, die sie braucht, richten große Umweltschäden an. Bei den Technologiegesprächen beim heurigen Forum Alpbach diskutierten Experten auf dem Gebiet der Bioökonomie darüber, wie sich das ändern ließe. Die futurezone hat Ulrich Schurr vom Forschungszentrum Jülich zum Gespräch getroffen und ihn gefragt, wie die Menschheit in Zukunft ernährt werden soll und warum Gentechnik trotz großen Potenzials einen schlechten Ruf hat.

Was ist Bioökonomie?
Bioökonomie ist der Versuch, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, indem aus Biomasse Materialien und Energie erzeugt werden. Die nachhaltige Ernährung der Bevölkerung ist ebenfalls Teil des Forschungsfeldes.

Hier werden globale Überlegungen angestellt?
Die Lösungen sind lokal zu suchen. Wir brauchen eine Regionalisierung der Konzepte, da die Herausforderungen und Gegebenheiten sich von Region zu Region unterscheiden. Die Strategien müssen an die natürlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst werden. Wir können die Nahrungsmittelknappheit in der Dritten Welt nicht lösen durch mehr Anbau in den Industriestaaten. Das muss vor Ort erledigt werden.

Es heißt immer, wir könnten die Erdbevölkerung eigentlich gut ernähren. Handelt es sich bei der Nahrungsmittelknappheit nicht eher um ein Verteilungsproblem?
Eine Steigerung der Anbauflächen ist in Zukunft nicht mehr in Sicht. Dabei müssen wir im Jahr 2050 um 60 bis 80 Prozent mehr Biomasse erzeugen, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Zwischen 30 und 50 Prozent der Kalorien werfen wir auf dem Weg von der Produktion in den Mund schon weg. Diesen Wert auf Null zu reduzieren, ist unmöglich, aber die Verluste wären minimierbar, zum Beispiel durch Änderung des Konsumentenverhaltens in den reichen Ländern. Aber gerade dieser Weg hat sich als sehr schwierig entpuppt.

Was ist wichtiger? Die Produktion zu erhöhen oder die Verluste zu minimieren?
Insgesamt werden wir mehr Produktion und weniger Verluste brauchen. In Europa wird sicher zu viel weggeworfen, in Afrika verderben mehr als 30 Prozent der Lebensmittel durch schlechte Lagerung. Auch hier muss die Lösung an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden.

Können wir die Erträge überhaupt noch weiter steigern?
Bei den Hauptnahrungsmittelpflanzen haben wir heute eine Steigerung des Ertrags von 1,5 bis 1,7 Prozent pro Jahr. Das kann man ausbauen, über zwei Prozent sollten erreicht werden, um Chancen auf ausreichend Erträge zu haben.

Wie?
Das geht durch besseres Saatgut und durch verbesserte Produktion. Gerade dort, wo die Landwirtschaft noch nicht so hoch entwickelt ist, gibt es großes Potenzial. In der Ukraine liegt die Produktion weit unterhalb dessen, was mit nachhaltiger, moderner Landwirtschaft möglich wäre. Bei vielen Früchten und Gemüsesorten, die eher in lokalen Märkten wichtig sind, gibt es noch viel genetisches Potenzial für höhere Erträge, das durch Züchtung abgeschöpft werden kann.

Sollen auch Pflanzengene manipuliert werden, um die Erträge zu steigern?
Ich bin für einen technologieoffenen Ansatz, auch was die Genetik betrifft. Man braucht ja Veränderungen der Genetik, wenn man Pflanzensorten verbessern will – sei es durch Gentechnik oder durch Züchtung. Wir brauchen ökologisch sinnvolle und nachhaltige Lösungen. In Europa wird aber eher der Weg reguliert, wie man die genetische Änderung erzielt, statt eine lösungsorientierte Diskussion zu führen. Gentechnik oder Züchtung - beides kann Vorteile haben, wir müssen unsere Optionen prüfen. Mit der Gentechnik kann ich etwa selektiv Gene verändern, ohne die Sortencharakteristik zu beeinflussen. So könnte Wein bei Schädlingsbefall resistent gemacht werden, ohne andere Sorten mit teilweise unerwünschten Eigenschaften einkreuzen zu müssen.

Warum hat die Genetik einen so schlechten Ruf?
Im DACH-Raum gab es sicher auch ein Kommunikationsproblem. Schon in den 80ern wurde die Antimatsch-Tomate beworben. Die Kunden fühlten sich aber über den Tisch gezogen durch eine Tomate, die der Händler vier Wochen lang in der Auslage liegen lassen kann. Hätte man klar gemacht, dass die Tomate sich vor allem zuhause vier Wochen lang hält, wäre die Reaktion vielleicht positiver gewesen. Es geht immer auch um die Frage “Was hat der Kunde davon?”

Vor allem der Anbau von genetisch veränderten Pflanzen stößt auf Widerstand.
Wir befinden wir uns in der Luxussituation, dass wir Ware importieren können, die wir brauchen wie transgenes Soja oder Baumwolle. Wir wollen durch Gentechnik veränderte Pflanzen nutzen, sie aber nicht in Europa anbauen. Das ist heuchlerisch. Wenn man schon ein Risiko wahrzunehmen glaubt, dann muss man auch ethisch sauber handeln.

Ist die Gentechnik also besser als herkömmliches Züchten?
Vieles geht über Genetik nicht. Die Menschen vergessen leider oft, dass das Züchtung auch immer mit einer Veränderung der DNA verbunden ist. Die Urform von Mais hatte nur fünf kleine Körner übereinander. Aus dieser Sicht ist heutiger Mais eine wahre Monsterpflanze – durch die Züchtungserfolge der vergangenen Jahrhunderte.

Die Landwirtschaft ist aber nur ein Fokus der Bioökonomie. Was ist noch wichtig?
Das Gesamtziel ist ein nachhaltiges Wirtschaftssystem zu dem biologische Systeme beitragen. Die Energieversorgung soll nicht nur aus Biomasse, sondern natürlich auch aus Quellen wie Wind und Solar gespeist werden. Nur wo es regional Sinn macht, soll auch Biomasse zu Energie umgewandelt werden.

Können wir so den Bedarf decken?
Den Energieverbrauch aus fossilen Quellen auf Null zu senken, ist zur Zeit nicht realistisch, außer wenn auf Kernenergie zurückgegriffen wird, was ja auch passiert. Aber es sollte so wenig fossile Biomasse wie möglich verbrannt werden. Das ist Verschwendung, genau wie bei frischer Biomasse. Man kann viel sinnvollere Produkte daraus gewinnen, von Kunststoff bis Kosmetika. Verbrennen sollte man Biomasse immer erst am Schluss des Nutzungszyklus.

Wie könnte ein Nutzungskonzept für Biomasse aussehen?
Die Nutzung von Reststoffen sollte eine wichtige Rolle spielen. Kaskadennutzung wäre optimal. Biomasse kann zuerst als Nahrung, dann stofflich und am Ende zur Energiegewinnung eingesetzt werden.

Gibt es konzertierte Bemühungen um Bioökonomiekonzepte?
In Deutschland gibt es eine nationale Forschungsstrategie seit 2012, die Ziele sind auf sechs Jahre angelegt, von der Produktion über die Konversion bis zur Begleitforschung. Eine Reihe von Ländern gehen in eine ähnliche Richtung, etwa die skandinavischen Länder, die Niederlandeoder Irland. Österreich möchte das wohl auch.

Warum wird nicht mehr in die Forschung investiert?
Das Konzept "Bioökonomie" ist schwierig zu verstehen. Wir brauchen daher Lösungen.

Die futurezone ist offizieller Medienpartner der Technologiegespräche beim Forum Alpbach 2015.

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