Science
12.03.2014

"Fahrzeug-Kommunikation so wichtig wie Gurt und Airbag"

Die USA planen, Vehicle-to-Vehicle-Kommunikation zur Pflicht bei Neuwagen zu machen. In Europa wollen Autohersteller V2V freiwillig zum Standard machen.

Autos, die miteinander kommunizieren und sich gegenseitig über ihre jeweilige Position und Geschwindigkeit informieren, können ihren Fahrer auch bei unübersichtlichen Situationen vor drohenden Kollisionen bewahren. Zu dieser Überzeugung ist das US-Verkehrsministerium gelangt. Die Behörde will die so genannte Vehicle-to-Vehicle-Kommunikation (V2V) zum Standard auf den Straßen der Vereinigten Staaten entwickeln und so die Verkehrssicherheit erhöhen. Noch vor dem Ende der Amtszeit von Präsident Barack Obama im Jahr 2017 soll eine Gesetzesvorlage existieren.

"V2V-Technologie stellt die nächste Generation bei der Verbesserung der Auto-Sicherheit dar", zeigt sich Anthony Foxx, der Chef des Department of Transport (DOT) in einer Presseaussendung überzeugt. Seiner Meinung nach werde V2V eine ähnliche Relevanz für den Verkehr wie die Einführung von Sicherheitsgurten und Airbags erlangen, allerdings mit einem klaren Unterschied. Während die bisherigen Sicherheitsmaßnahmen eine Abschwächung von Unfallfolgen bezwecken, soll V2V bei der gänzlichen Vermeidung von Unfällen helfen.

Kommunizierende Fahrzeuge im Praxistest

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SafetyPilot Car-to-Car Car-to-Infrastructure Kommunikation Car2Car C2C C2X ITS intelligenter Verkehr Praxistest kommunizierende Fahrzeuge USA Michigan Ann Arbor.

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SafetyPilot Car-to-Car Car-to-Infrastructure Kommunikation Car2Car C2C C2X ITS intelligenter Verkehr Praxistest kommunizierende Fahrzeuge USA Michigan Ann Arbor.

Vorerst nur Warnung statt Eingreifen

Konkret erforscht das DOT Maßnahmen, bei denen Fahrer durch physische, visuelle oder akustische Signale vor einer drohenden Kollision gewarnt werden. Aktiv soll das V2V-System nicht in den Fahrbetrieb eingreifen. In einem weiteren Schritt sei aber auch denkbar, dass ein Auto selbstständig, ohne das Zutun des Fahrers, bremst und lenkt, um anderen Fahrzeugen auszuweichen. Automatische Bremssysteme werden bereits heute von einigen Fahrzeugherstellern als Extraausstattung angeboten.

Dem Bemühen um eine Verbesserung der Verkehrssicherheit durch V2V ging ein Forschungsprojekt voran. Im Sommer 2012 hat das DOT gemeinsam mit der National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) das Programm "SafetyPilot" gestartet. Im Gebiet von Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan wurde der bis dahin größte V2V-Test durchgeführt. 3.000 Fahrzeuge wurden mit V2V-Systemen ausgestattet, dazu kamen Sende- und Empfangsstationen in Ampeln und sonstiger Verkehrsinfrastruktur (V2I).

Während ein Großteil der 3.000 Fahrzeuge einzig dem Sammeln von Bewegungsdaten dienten, wurden in 64 Fahrzeugen, die von acht Autoherstellern zur Verfügung gestellt wurden, Kollisionswarnsysteme integriert. Der Erfolg, sowie alle sonstigen Erkenntnisse bei "SafetyPilot" werden momentan ausgewertet. Der Endbericht soll bald vorgelegt werden.

Vorsichtige Akzeptanz

Der Vorschlag, V2V-Systeme künftig verpflichtend in Neuwagen zu integrieren, stößt in der Autoindustrie auf vorsichtige Akzeptanz. Das vom DOT vorgeschlagene Verfahren "bietet potenzielle Vorteile bei der Straßensicherheit und der Stau-Vermeidung", lautet eine Stellungnahme der Alliance of Auto Manufacturers gegenüber der New York Times. Daten, die V2V-Systeme sammeln, könnten naben der Unfallvermeidung auch zur Verkehrsregulierung und Vorwarnung von Straßenmeistereien eingesetzt werden.

V2V-Systeme "könnten durchaus eine größere Rolle bei der künftigen Straßensicherheit spielen, allerdings müssen noch viele Teile eines großen Puzzles zusammenpassen", so die Autohersteller weiter. Zu den gemeinten Herausforderungen zählt etwa die Standardisierung der V2V-Technologie, Datenschutz-Fragen und die Präzisierung der Kosten. Momentan werden die Mehrkosten auf 100 bis 200 Dollar pro Fahrzeug geschätzt, berichtet der Boston Globe.

Was den Datenschutz angeht, versprechen die Behörden größtmögliche Anonymität. Übermittelte Standorte und Geschwindigkeiten sollen nicht gespeichert werden. In puncto Standardisierung geht es unter anderem um die Frage einer einheitlichen Frequenz für V2V-Kommunikation. Derzeit ist in den USA das Frequenzband um 5,9 GHz dafür reserviert. Der US-Telekom-Regulator FCC testet aber noch potenzielle Nutzungsszenarien und Interferenzprobleme, berichtet CNet.

Integration von Fußgängern und Radfahrern

V2V-Technologie bietet neben der Vermeidung von Kollisionen zwischen Fahrzeugen und einer verbesserten Verkehrsregulierung noch weitere Möglichkeiten. Daten über die Fahrzeug-Umgebung könnten etwa bei der Einführung von selbstfahrenden Autos in den regulären Straßenverkehr behilflich sein.

Scott F. Belcher, der Präsident der Intelligent Transportation Society sieht auch ein Potenzial für eine Ausdehnung des Systems, berichtet die New York Times. Laut seinen Aussagen arbeiten Honda und Qualcomm an einem System, bei dem das eigene Smartphone alle Fahrzeuge in der Umgebung auf die Präsenz des Trägers hinweist. Auf diese Weise könnten auch Fußgänger oder Fahrradfahrer in das V2V-System integriert werden.

Tests auch in Österreich

In Österreich wurden V2V- und V2I-Technologien zuletzt in einem großen Feldtest weiterentwickelt. Beim so genannten "Testfeld Telematik" wurden vom März 2011 bis Oktober 2013 Fahrzeuge und Infrastruktur mit Kommunikationstechnik ausgestattet, die Unfall-, Stau- und Baustellenwarnungen, Wetter-, Straßenbedingungs und multimodale Reiseinformationen ermöglichte. "Momentan werden die Daten evaluiert. Die genauen Ergebnisse liegen noch nicht vor", meint Tugrul Güner, der V2X Programm-Manager bei Kapsch TrafficCom.

Kapsch TrafficCom war einer der Technologiepartner beim "Testfeld Telematik". Der Konzern bietet unter anderem Kommunikations-Hardware für V2V und V2I - zusammengefasst V2X - an. Tugrul Güner zeigt sich überzeugt, dass der Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen und der Verkehrsinfrastruktur künftig so selbstverständlich sein wird wie das Blinklicht.

Um Unfälle zu vermeiden, setzen vor allem Luxuswagen-Hersteller heute schon großflächig auf Radarsysteme. V2X hätte Radar gegenüber aber einige Vorteile, meint Güner: "Ein Radar kann nicht um die Ecke schauen. Bei V2X erhält man bereits 200 bis 400 Meter vor einer Gefahrenstelle einen guten Überblick. Außerdem ist die Installation von Radarsystemen in ein Auto wesentlich aufwendiger und dadurch kostspieliger."

Der europäische Weg

In Europa wird V2V eine ähnlich hohe Bedeutung wie in den USA beigemessen, allerdings geht man einen etwas anderen Weg. Während in den USA eine verpflichtende Gesetzesvorlage angestrebt wird, haben sich Europas führende Automobilkonzerne zusammengeschlossen und das Car 2 Car Communication Consortium gegründet. Dieses strebt die freiwillige flächendeckende Einführung von V2V bei Neuwagen an. Laut einer gemeinsamen Absichtserklärung soll dies bereits im Jahr 2015 geschehen. "2017 ist aber realistischer", meint Tugrul Güner.

Zu den Mitgliedern des Konsortiums zählen unter anderem Audi, BMW, Daimler, Ford, Honda, Hyundai, MAN, Opel, PSA (Peugeot und Citroen), Renault, VW und Volvo. Daneben verfolgen zahlreiche Unternehmen der Automobilzulieferindustrie und Forschungsinstitutionen dieselben Ziele. Gemeinsam sollen offene europäische Standards für V2V und V2I geschaffen und beworben werden. Die Kommunikation soll auf einem lizenzfreien Frequenzband (ebenfalls 5,9 GHz) erfolgen.

Die Europäische Union hat den Weg zu kommunizierenden Autos mit der Einführung einheitlicher Standards geebnet. Ein Grundstock an Regeln für kooperative intelligente Transportsysteme (C-ITS) wurde Anfang Februar durch die Institutionen ETSI (European Telecoms Standards Institute) und CEN (Europäisches Komitee für Normung) veröffentlicht.