Science
02.04.2014

Hirnforschung: Bewusstsein zum Download

Der Physiker Michio Kaku spielt gerne mit Zukunftsszenarien. In seinem neuen Buch beschreibt er, wie uns die Hirnforschung sogar in andere Galaxien katapultieren könnte.

Michio Kaku ist seit Kindesbeinen Science Fiction-Fan. Schon als Bub dachte er sich: Die wahren Abenteuer sind im Kopf. „Ich wollte Experimente mit Gedankenübertragung und Telekinese durchführen“, sagt der Physiker im Interview. „Ich wollte Träume in Echtzeit aufzeichnen. Als eine Art Photogalerie.“ Doch dann wurde er erwachsen und erkannte: „Das ist alles Unsinn. Es ist nicht machbar.“

Was in der Kindheit des 67-jährigen Physikers an der New Yorker City University schlicht undenkbar war, wird nun zumindest hie und da in Ansätzen Realität. Für sein Buch,"Die Physik des Bewusstseins. Über die Zukunft des Geistes", interviewte Michio Kaku führende Forscher dazu, was schon jetzt möglich ist und was – vielleicht – in ferner Zukunft machbar sein könnte.

Forscher holen alte SciFi-Ideen ein

Japanische Neuroinformatiker analysierten etwa die Muster von Hirnvorgängen von im Magnetresonanztomographen schlafenden Menschen und kamen erstmals dem Aufzeichnen von Träumen halbwegs nahe. Die Treffsicherheit, wovon die Versuchspersonen nun tatsächlich geträumt haben, lässt mit nur 60 Prozent freilich noch ein wenig zu wünschen übrig.

Auch Telekinese ist realisierbar. Mit technologischer Unterstützung. Die US-Amerikanerin Cathy Hutchinson war nach einem Schlaganfall vollständig gelähmt. Das Braingate-Forscherteam der Brown University in den USA implantierte ihr einen Chip, der mit einem Computer verkabelt ist. Damit kann sie einen Roboterarm kontrollieren und sich eine Wasserflasche zum Mund führen. Oder: Wer sich einen Helm mit EEG-Sensoren aufsetzt, kann Videospiele mit der Macht seiner Gedanken spielen. Und hat die Hände zum Essen frei.

Schaltplan des Gehirns

„Wir haben in den letzten zehn Jahren mehr über das Gehirn herausgefunden als in der ganzen Menschheitsgeschichte davor“, erklärt Michio Kaku. In Europa und in den USA laufen Großprojekte, um dieses komplexeste aller menschlichen Organe mit allen seinen 85 Milliarden Neuronen in allen seinen Details zu erforschen. Und wenn das einmal erledigt ist, wird es für Michio Kaku erst so richtig spannend.

„Eines Tages wird es möglich sein, unser Konnektom also den Schaltplan unseres Gehirns - auf einem Medium zu speichern. Wir haben unser Genom, das den Körper kodiert, und dann werden wir auch das Konnektom haben. Wenn wir beides speichern, leben wir eigentlich ewig. Denn alle unsere Hoffnungen, Träume und Erinnerungen bleiben so erhalten, wenn wir sterben.“

"Das Universum auf einem Lichtstrahl erkunden"

Solcherart abgespeichert könnten Menschen endlich umsetzen, wovon sie schon lange träumen: “Wir können das Universum auf einem Lichtstrahl erkunden. Denn die komplette Information unserer Gene und unseres Gehirns kann man auf einem Laserstrahl deponieren, so auf einen fernen Planeten transportieren, wo sie ein Roboter übernimmt.“

Dass das Ich in Form eines Roboters wieder Gestalt annehmen kann, sei ein wichtiger Schritt. Denn die Existenz als abgespeichertes Energiewesen könnte unbehaglich sein. Michio Kaku erinnert an eine Episode von „Raumschiff Enterprise“. Hochentwickelte Wesen, die nur aus Gedanken und Bewusstsein bestanden, sehnten sich nach sinnlicher Empfindung, nach Berührung. Also kidnappten sie die Crew der Enteprise deren Körper wegen. Eine bessere Lösung wäre: „Man lädt das Bewusstsein auf einen Roboter herunter. Dieser kann fühlen. Er kann seine Umgebung erfahren, er hat Super-Kräfte und ist super-schön. Wenn das Bewusstsein in einem Körper steckt, der fühlen kann, braucht man nicht Spock und Captain Kirk von der Enterprise zu kidnappen.“

Brain 2.0 im 22.Jahrhundert

Bis es so weit ist, räumt Michio Kaku ein, wird es noch eine Weile dauern. Dazu müsste man eben das menschliche Gehirn bis ins letzte Detail kartiert haben. Derzeit hält man bei etwa zehn Prozent. Auch die Computerkapazität, um Modelle von Hirnvorgängen zu simulieren, lässt zu wünschen übrig. Derzeit schafft man gerade die Vorgänge in einem Maushirn eine Minute lang zu simulieren. Und das mit dem derzeit besten militärischen Hochleistungscomputer. Wenn man aber schon jetzt ein menschliches Gehirn in all seiner Komplexität simulieren wollte? Dann bräuchte man fürs erste einen Computer, der so groß ist wie ein ganzer Häuserblock. „Und das würde die Energie eines Kernkraftwerks verschlingen“, gibt der Physiker zu bedenken. Das sei es doch ganz erstaunlich, dass das menschliche Gehirn mit geringen 20 Watt auskommt. „Und diese Energie beziehen wir aus einem Hamburger! Das ist doch erstaunlich“.

Das menschliche Gehirn könnte gegen Ende des Jahrhunderts kartiert sein, glaubt Michio Kaku. Die Abspeicherung des Bewusstseins als Brain 2.0 sowie die Reise ins All wird wohl erst im 22.Jahrhundert realisierbar sein. Schade, denn Michio Kaku wüsste schon, was er sich im Weltraum gerne näher anschauen würde: „Das schwarze Loch im Zentrum der Galaxie interessiert mich sehr. Das ist an sich gefährlich. Aber wenn man als Bewusstsein auf einem Lichtstrahl an einem schwarzen Loch vorbeihuscht, wird man nicht in alle Einzelteile zerfetzt. Denn Licht kann an einem schwarzen Loch vorbeireisen - und das heil überstehen.“