Science
03/03/2019

Marc Elsberg sucht nach der Formel für Wohlstand für alle

Im Interview: Der Wiener Thriller-Autor widmet sich in seinem neuen Roman "Gier" Naturwissenschaften und Mathematik.

Marc Elsberg schreibt seit einigen Jahren packende Thriller rund um technologische Themen. Sein neuestes Werk macht einen Schlenker in eine etwas andere Richtung. Er präsentiert in "Gier" den mathematischen Beweis, dass das Prinzip der Kooperation anstelle des vorherrschenden Konkurrenzgedankens mehr Wohlstand für alle zur Folge hätte. Das zunehmende Auseinanderdriften der Gesellschaft in immer mehr Arme und ganz wenige Reiche hätte ein Ende. Es ist ein faszinierender Gegenentwurf zum vorherrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Die futurezone sprach mit dem Autor über sein neuestes Werk.

futurezone: In "Gier" steht die Weltwirtschaft gerade vor einer neuen globalen Krise. Wie weit schätzen Sie sind wir davon entfernt?
Marc Elsberg:
Wüsste ich das genau, könnte ich sehr viel Geld verdienen.

Eine These, die in Ihrem Roman vorkommt, ist, dass Solidarität keine romantische Idee ist. Mit einer mathematischen Formel ließe sich beweisen, dass es sich langfristig rechnet und man damit sogar mehr Gewinne erzielen kann. Worauf basiert diese Formel?
Für "Gier" habe ich bahnbrechende Arbeiten von Wissenschaftlern in London in eine einfache und für alle verständliche Fabel verwandelt. Wir reden daher auch nicht von irgendeiner These, sondern von einem mathematischen Beweis, dass bestimmte Kooperationsmodelle im Allgemeinen für Wohlstand und Wachstum sinnvoller sind als Nicht-Kooperation. Das steht natürlich im kompletten Widerspruch zum herrschenden Paradigma, dass nur Wettbewerb zu Wachstum und allgemeinem Wohlstand führt.

Wie sind Sie darauf gestoßen?
Ehrlich gestanden: durch puren Zufall. Eigentlich recherchierte ich zu einem ganz anderen Thema. Aber als ich auf diese Arbeiten stieß, war ich sofort gefesselt, auch wenn ich die komplette Tragweite erst nach und nach begriff.

In Ihrem Buch versuchen Sie mit einer Rede einer Ihrer Figuren auch die Wirtschaftsbosse der ganzen Welt von dieser These zu überzeugen. Glauben Sie, könnte das auch in der Realität gelingen?
Ja. Auch wenn es nicht einfach wird. Obwohl, wer weiß: Die vorgestellten Konzepte ermöglichen nämlich, diverse Diskussionen, die bislang vorwiegend auf ideologischer und emotionaler Ebene geführt werden, auf eine sachliche, rationale Basis zu stellen. Falls das heutezutage jemand will.

Sie waren in Großbritannien und haben sich die Formeln direkt von den Wissenschaftlern erklären lassen. Wie lange hat es gebraucht, bis Sie diese verstanden haben?
Die Arbeiten der Londoner sind sehr abstrakt und voller komplexer Formeln fortgeschrittener Mathematik. Wir haben monatelang unzählige E-Mails ausgetauscht, bevor ich nach London flog. Dort haben wir tagelang geredet. Und danach wieder lange, lange E-Mails ausgetauscht. Da ich selber alles andere als ein Mathegenie bin, musst ich das Ganze in eine auch für mich verständliche Geschichte verwandeln. Als ich diese den Wissenschaftlern zum ersten Mal schickte, fragten sie sofort, ob sie die verwenden dürften, um ihre Konzepte anderen zu vermitteln. Da wusste ich: Ich habe meine Geschichte gefunden. Und die E-Mails fliegen weiterhin zwischen London und Wien hin und her. Es gibt hier noch immer viel zu entdecken!

Was war Ihr Antrieb, sich mit genau diesem Thema zu beschäftigen? Geht es darum, die Welt besser machen zu wollen? Oder sehen Sie den derzeitigen wirtschaftlichen Fokus falsch gesetzt?
Viele von uns haben doch derzeit das Gefühl, dass die angebotenen Modelle in Politik und Wirtschaft für bestehende Herausforderungen keine befriedigenden Lösungen anbieten: Wachsende Polarisierung der Gesellschaft in allen Bereichen, das immer weitere Auseinanderklaffen der Wohlstandschere und so weiter. Hier eröffnen die Konzepte der Londoner eine neue Welt. Das ist sehr faszinierend! Wenn man sie einmal begriffen hat, fällt einem einiges wirklich wie Schuppen von den Augen. Vieles wird auf einmal so klar und einfach.

Die Gesellschaft ist heutzutage stark von wirtschaftlichen Entwicklungen getrieben – geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Halten Sie diesen Spruch für falsch oder für richtig und wie sehen dies die Hauptfiguren Ihres Romans "Gier"?
Der Spruch ist definitiv falsch. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s erst einmal der Wirtschaft gut. Aber deshalb noch längst nicht zwingend uns allen. Wobei: Was ist "die Wirtschaft"? Die Bauernfabel in "Gier" zeigt, dass es eigentlich tendenziell umgekehrt ist: Geht‘s uns allen gut, geht’s der Wirtschaft gut. Mathematisch nachweisbar, so wie Eins und Eins Zwei ist.

Bei dem Thema geht es darum, "außerhalb der Box" zu denken, und neue Denkansätze nicht sofort im Keim zu ersticken. Wird diese Fähigkeit Ihrer Meinung nach ausführlich genug gefördert?
Nein. Es gibt zwar immer die Lippenbekenntnisse, aber meistens ist es doch eher so, wie Mahatma Gandhi treffend feststellte: "Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich". Und dort endet es auch oft. Manchmal aber geht es auch weiter wie in Gandhis Spruch "… und dann gewinnst du." Wobei es für mich nicht ums Gewinnen geht, sondern um vernünftige Diskussionen und die Suche nach der besten Lösung.

Nach eher technologie- und naturwissenschaftlich orientierten Romanen wenden Sie sich in "Gier" gesellschaftlich-politisch-wirtschaftlichen Themen zu. Woher der Sinneswandel?
Ich bleibe auch in "Gier" bei den Naturwissenschaften. Die grundlegenden Konzepte, die ich in "Gier" präsentieren darf, kommen von Physikern. Naturwissenschaftlicher geht kaum. Im Übrigen sind sie in der Physik auch seit weit über hundert Jahren bekannt – übrigens von einem österreichischen Physiker entdeckt, dem Jahrhundertgenie Ludwig Boltzmann. Das finde ich einen weiteren faszinierenden Aspekt an der Geschichte: Wie sich konzeptuelle Ansätze disziplinenübergreifend anwenden lassen beziehungsweise gültig sind – wenn man offen genug ist, sich darauf einzulassen.

Das Thema Ihres letzten Buches – "Helix" – poppte vor einigen Monaten auf, als in China ein Forscher die weltweit erste Geburt genmanipulierter Babys verkündet hatte. Daraufhin wurde von einem „Super-Gau für die Wissenschaft“ gesprochen. Wie sehen Sie das?
Das ist es auch meiner Meinung nach. Unser Wissen über die komplexen Zusammenhänge und Wirkweisen im menschlichen Genom sind noch viel zu gering für derartige Vorgehensweisen.

In "Helix" ging es darum, dass man Babys mit "Superhelden"-Funktionen ausstatten konnte, das soll in der Realität derzeit nicht möglich sein. Halten Sie es für wahrscheinlich, dass es irgendwann dazu kommen wird?
Ja, wenn auch vielleicht nicht genau so, wie ich es mir in "Helix" ausmale. Und wohl noch nicht innerhalb der nächsten Jahre. Aber, wer weiß …

 

Marc Elsbergs neuer Roman "Gier" erschien am 25. Februar im blanvalet Verlag. 448 Seiten. ISBN: 978-3-7645-0632-2