Science
10.07.2014

Megacities als Chance für überalterte Gesellschaften

In Japan, wo die Bevölkerung überaltert und die Wirtschaft stagniert, richtet sich der ökonomische Fokus auf die Ballungsräume. Dort soll in Zukunft Wachstum generiert werden.

Japan hat jahrelang versucht, mit hohen Transferleistungen von den Städten aufs Land, das Bevölkerungswachstum in den Ballungsräumen einzugrenzen und rurale Gebiete zu entwickeln. Das war wahrscheinlich falsch”, erklärt Martin Schulz, Wirtschaftsexperte beim Fujitsu Research Institute in Japan. Japan werde auf jeden Fall schrumpfen, die besten Chancen, trotzdem Wirtschaftswachstum zu generieren, liegen laut Schulz in den Megastädten wie Tokio, wo die Bevölkerung stetig wächst und der Bedarf an Infrastruktur und Dienstleistungen viele Möglichkeiten für Unternehmen eröffnet.

Der Anteil der Erwerbstätigen an die Bevölkerung schrumpft in vielen Ländern. Auch im riesigen China ist der Zenit bald überschritten. In Asien geht dieser Trend Hand in Hand mit steigenden Urbanisierungsraten und den daraus resultierenden Riesen-Agglomerationen. Mit 34 Millionen Einwohnern in der Metropolregion ist Tokio die größte Megacity der Erde und der Höchststand ist noch nicht erreicht. “Tokio, Kyoto und Osaka wachsen immer weiter, obwohl die Urbanisierungsrate in Japan bereits über 90 Prozent liegt. Für 2030 sind 98 Prozent prognostiziert”, erklärt Schulz. Vor allem junge Menschen ziehen in die Stadt, weil sie auf dem Land keine Zukunft mehr sehen. Japans Bevölkerung, die Nachfrage der Haushalte und die Investitionen im Land sinken, während die Großstädte weiter wachsen. Bis 2040 wird die Einwohnerzahl von heute 128 auf 100 Millionen sinken.

Kein Geld fürs Land

Laut Schulz hat die Regierung erkannt, dass es keinen Sinn macht, die Steuereinnahmen aus den Städten als Investitionen in ländliche Gebiete zu transferieren, wenn die jungen Menschen dort gar nicht bleiben wollen. Die Olympischen Sommerspiele, die Tokio 2020 ausrichten wird, seien der Beweis für diesen Sinneswandel. “Die beiden vorangegangenen, erfolglosen Bewerbungen für Spiele haben als Vorwand gedient, Geld in der Stadt zu behalten. Für 2020 hat Tokio ernst gemacht und will jetzt tatsächlich in die Infrastruktur investieren”, so Schulz. Bauen werden zwar meist ausländische Unternehmen, weil Japan keine weitere Generation zu Bauarbeitern ausbilden will, aber Gelegenheiten für japanische Firmen sind in den Mega-Städten trotzdem gegeben.

“Das große Geld ist nicht im Bausektor, sondern im Betrieb neuer Infrastruktur. Mit smarten Städten, Sonderwirtschaftszonen und einer zunehmenden Fokussierung auf den Dienstleistungssektor kann in Städten Wachstum generiert werden”, erklärt Schulz. Angedacht ist in Tokio etwa auch die Legalisierung von Glücksspiel, wodurch ein neuer Wirtschaftszweig entstünde. “Ticketing-Systeme für das Verkehrsnetz, Warentranssportsysteme für Flughäfen oder Maut- und Verkehrsleitsysteme bieten Chancen, genau wie Sicherheits-Dienstleistungen, große Einkaufszentren oder Bezahlsysteme”, so Schulz. Im Finanzsektor, im Handel, in der Infrastruktur, bei Bildung, Erziehung und im Gesundheitswesen sollen so neue Märkte erschlossen werden, auch durch den Einsatz intelligenter Systeme. Eine Öffnung für internationale Konzerne soll der Wirtschaft in den Städten einen weiteren Schub verschaffen. Derzeit hat Japan lediglich einen Ausländeranteil von rund einem Prozent, in Tokio sind es zwei.

Nichts für Europa

Aus dieser Fokussierung auf Städte folgt natürlich zwangsläufig eine Vernachlässigung der ländlichen Gebiete. “Es wird eine Herausforderung mit den Zurückgelassenen umzugehen. Aber es gibt in Japan am Land keine Einkommenschancen. Tourismus wäre eine Möglichkeit, hier zeichnen sich auch schon erste Fortschritte ab”, sagt Schulz. Dieses Modell sieht Schulz auch als Vorlage für andere asiatische Städte. Jaklarta, Bangkok, Manilla, Seoul, Shanghai, Singapur und andere Riesenstädte scheinen ähnliche Entwicklungen durchzumachen wie Tokio.

In Europa und den USA hat die Vorbildwirkung Tokios hingegen deutlich weniger Strahlkraft. “In Europa gibt es praktisch keine Megacities. Hier geht der Trend in eine andere Richtung, die Menschen ziehen eher aufs Land und dort gibt es auch rurale Infrastruktur. Das ist schön und verleiht dem alten Kontinent Disneyland-Charakter, lässt sich in Asien so aber nicht umsetzen”, so Schulz.

Disclaimer: Die futurezone reiste auf Einladung von Fujitsu nach Tokio.