Science
28.08.2015

Mit weniger Fleischkonsum die Welt nachhaltig ernähren

Teresa Berninger sucht am AIT nach Mikroorganismen, die anstelle von Dünger das Pflanzenwachstum verbessern können. In Alpbach diskutiert sie über nachhaltige Landwirtschaft.

Nachhaltigkeit ist eines der großen, übergreifenden Themen bei den diesjährigen Technologiegesprächen beim Forum Alpbach. Teresa Berninger vom Austrian Institute of Technology (AIT) diskutiert dort in einer Expertenrunde über das Konzept Bioökonomie und vor allem über Ihre Forschung im Bereich nachhaltige Landwirtschaft. Die futurezone hat Sie vorab interviewt.

Was ist Bioökonomie?
Prinzipiell ist Bioökonomie das nachhaltige Wirtschaften unter Berücksichtigung moderner Technik. Ich werde in Alpbach die Landwirtschaft als ein Hauptthema beleuchten: Nachhaltige Landwirtschaft in Forschung und Praxis.

Wie würden Sie den Grad der Umsetzung des Konzepts Bioökonomie in der Landwirtschaft beurteilen?
Wo wir stehen ist schwer zu sagen, weil es unterschiedliche Arten von Landwirtschaft – ökologische und konventionelle bzw. Nutztierhaltung, Ackerbau, Weinbau, etc. - gibt. Grundsätzlich gibt es noch viele alternative, Bioökonomie-basierte Konzepte, mit denen die Landwirtschaft verbessert werden kann.

Ist Nachhaltigkeit überhaupt ein realistisches Ziel für die Landwirtschaft?
Ziel ist es, Ressourceneinsatz, vor allem von Chemikalien, zu reduzieren. Dabei gibt es verschiedene Ansätze, etwa die Verwendung von Mikroorganismen statt Dünger oder den Einsatz von gezielten Fruchtwechseln. Zusammen können diese Konzepte ein alternatives System schaffen.

Ist die Notwendigkeit eines Wandels im Bewusstsein der Menschen angekommen?
Das Thema Bioökonomie rückt durch Klimawandel, der auch in Österreich beispielsweise in Dürre- und Hitzeperioden sichtbar wird, verstärkt ins Bewusstsein. Ich denke, den meisten Menschen ist klar, dass wir etwas machen müssen

Kann die Menschheit mit nachhaltiger Landwirtschaft versorgt werden?
Ob eine Ernährung der Weltbevölkerung möglich ist, hängt von vielen Faktoren ab, wie beispielsweise auch Essgewohnheiten und alternative Verwendung landwirtschaftlicher Güter. Ein hoher Fleischkonsum oder auch Biokraftstoffproduktion aus Nahrungsmittelpflanzen erschweren es, alternative Konzepte umzusetzen. Sollte es uns gelingen, die Ernährung stärker auf Pflanzen auszurichten, weniger Kraftstoff aus Nahrungsmitteln zu gewinnen und die Nachernteverluste zu reduzieren, wäre das aber meiner Meinung nach machbar. Das Ziel sollte sein, die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten und den Dünger- und Pestizideinsatz zumindest signifikant zu reduzieren.

Wie kann das gesteuert werden?
Dazu müsste auf verschiedenen Ebenen gehandelt werden, es gibt nicht ein Wundermittel. Ein Ziel könnte die integrierte Landwirtschaft sein, in der Praktiken zum Tragen kommen, die eine wesentliche Reduktion von Düngung und chemischem Pflanzenschutz ermöglichen. Neben Verbesserungen in der Produktion sollten auch in Handel und Konsum Maßnahmen gesetzt werden. Hier ist beispielsweise der Verderb und auch das Wegschmeißen von Lebensmitteln problematisch.

Sie arbeiten mit Mikroorganismen. Wie können diese die Pflanzen beeinflussen?
Mikroorganismen können Pflanzen stärker machen und das Wachstum fördern. Gewisse Bakterien fixieren etwa Stickstoff aus der Luft, wobei weniger Stickstoffdünger für die Pflanze eingesetzt werden muss. Andere Mikroorganismen regulieren den Hormonhaushalt der Pflanze oder bekämpfen Krankheitserreger.

Wissen das auch die Vertreter der industriellen Landwirtschaft?
Pilze und Bakterien werden teilweise schon kommerziell eingesetzt. Für den kommerziellen Einsatz braucht es aber stabile Mikroorganismen, die mit wechselnden Umwelteinflüssen zurechtkommen. Es wurde schon eine breite Palette von vielversprechenden Bakterienstämmen getestet, die meisten sind aber für die Ausbringung aufs Feld zu labil. Hier sind neue Technologien nötig, um diese Bakterien geschützt in die Pflanze zu schleusen.

Können die Mikroorganismen auch anderweitig eingesetzt werden?
Positive Mikroorganismen können nicht nur als Dünger fungieren, sondern auch vor Schädlingen oder Pathogenen schützen. Durch Phytostimulierung kann das Wurzelwachstum verbessert werden, wodurch mehr Wasser aufgenommen werden kann.

Kann so komplett auf Dünger verzichtet werden?
Kommt auf den Einzelfall an, wie gut die Organismen den Dünger ersetzen, auf Bodenqualität und Vornutzung. In manchen Fällen sind chemische Zusätze sicher komplett ersetzbar. In der konventionellen Landwirtschaft wäre eine signifikante Reduktion aber bereits ein großer Erfolg.

Gibt es in Österreich Ansätze für eine Bioökonomiestrategie, wie sie etwa in Deutschland existiert?
Ich habe keinen Gesamtüberblick, aber beispielsweise am AIT gibt es viele Bioökonomieprojekte, etwa die Erforschung von Pilzen und Enzymen zum Abbau von Pflanzenmaterial, um Pflanzenabfälle zu Biotreibstoffen zu machen. Auch die nachhaltige Gestaltung von Mobilität und Energie für die Zukunft ist ein großes Thema.

Wie geht es mit Ihrer Forschungsarbeit weiter?
Ich arbeite im Labor mit gut beschriebenen Bakterienstämmen, die im Glashaus schon positive Effekte gezeigt haben. Wir forschen an einer Rezeptur, mit der wir die Bakterien heil ins Feld bringen können. Unsere Modellpflanze ist Mais, aber auch andere Wirtspflanzen sind denkbar, beispielsweise Getreide. Die Effekte sind aber bei manchen Pflanzen stärker ausgeprägt als bei anderen. Derzeit schauen wir uns die Rezeptur im Glashaus an, nächstes Jahr wollen wir aufs Feld.

Wie bringen Sie die Mikroorganismen auf die Pflanzen?
Das ist auch eine unserer primären Forschungsfragen. Man kann die Formulierung unter anderem in den Boden einarbeiten oder schon vor der Aussaat als Saatgutbeschichtung auftragen.

Die futurezone ist offizieller Medienpartner der Technologiegespräche beim Forum Alpbach 2015.