Science 22.11.2014

“Staatliche Überwachung geht in Richtung Orwell”

Durch seine offene Struktur ist das Internet angreifbar, was es zu einem suboptimalen Ort für die Ablage und Verarbeitung sensibler Daten macht. Alexander Mense von der FH Technikum Wien glaubt trotzdem an ein nützliches Netz.

“Ich sehe drei große Probleme mit dem Netzwerk von heute: Die oftmals mangelnde Qualität von Software, fehlende Verantwortung bei Unternehmen und einen sorglosen Umgang mit Daten auf Seiten der Nutzer”, so Mense. Im Bereich Software-Qualität sieht der Informatiker sowohl bei Open-Source-Projekten als auch bei proprietären Entwicklungen Probleme. Open-Source Projekten fehle es oft an Möglichkeit Qualitätsstandards durchzusetzen, bei geschlossenen Programmen sorge der Marktdruck dafür, dass Software möglichst schnell hergestellt wird, was zu Fehlern führe.

Komplett fehlerfreie Software kann es bei dem enormen Komplexitätsgrad, der heute erreicht ist, nicht geben, aber die Einhaltung gewisser Standards könnte das Internet nach Ansicht einiger Experten zu einem sichereren Ort machen. “Praktisch jede Software bedient sich althergebrachter Fertigteile, vielfach ohne diese zu prüfen. Das hat etwa Heartbleed zuletzt gezeigt. Zudem schätzen Endanwender speziell im Smartphonebereich schicke Interfaces mehr als Sicherheit”, sagt Mense. Die Situation ähnelt somit der Anfangsphase des PC-Zeitalters, als oft nicht immer ausgefeilte Free- und Shareware zwischen Nutzern getauscht wurde. “Aber heute gibt es viel mehr Anbieter und alles ist vernetzt, was potenzielle Sicherheitsprobleme größer macht und die Entwicklung geht unglaublich rasant“, sagt Mense.

Keine Patentrezepte

Damit gelangen immer wieder sensible Informationen in fremde Hände. Eine schnelle Lösung für dieses Problem gibt es nicht. Zwar gibt es EU-Verordnungen, die vorschreiben, dass Unternehmen ihre Kunden zumindest informieren müssen, wenn ein Datenverlust passiert – aber da ist der Schaden schon passiert. Darüberhinausgehende Vorgaben zur Qualitätssicherung im Vorfeld gibt es nicht.

“Millionenklagen wegen Fahrlässigkeit wie etwa von iCloud Nacktbildskandal-Opfern, können schon einen gewissen Druck auf die Unternehmen ausüben um die Qualität zu verbessern”, sagt Mense. Dass Firmen ihre Verantwortung heute über umständlich formulierte, lange Nutzungsbedingungen an den Kunden abwälzen, hält der Experte jedenfalls für nicht tragbar.

“Bei der Nutzung von Online-Angeboten geht es immer um eine Abwägung von Sicherheit und Bequemlichkeit. Hier fehlt oft einfach das Bewusstsein für die Konsequenzen”, sagt Mense. Deshalb seien die Nutzer oft unvorsichtig mit ihren Daten. “Ich fürchte mich fast vor der nächsten Generation, die ständig online ist und der niemand beibringt, wie mit dem Medium Internet generell und mit persönlichen Daten im Speziellen umzugehen ist”, so Mense.

Unbekanntes Terrain

Das Fördern entsprechender Kompetenzen in der Bevölkerung solle deshalb gestärkt werden, um ein Bewusstsein für die Risiken zu vermitteln. “Medienkompetenz und einen sensiblen Umgang mit Daten zu einem integralen Bestandteil des Schulsystems zu machen, wäre wichtig und leistbar, ist im Moment aber politisch schwer umsetzbar”, so Mense. Entsprechendes Personal zum Lehren der geforderten Kompetenzen zu finden, dürfte jedoch nicht einfach werden.

“Viele der Technologien und Angebote im Netz, mit denen sinnvoll umgegangen werden soll, sind erst wenige Jahre alt. Vielen Eltern und Lehrern fehlt hier selbst der fachliche Hintergrund”, so Mense. Dass seine Furcht nur seiner persönlichen Auffassung von Privatsphäre geschuldet sein könnte, schließt Mense aber nicht aus. “Ich weiß, dass ich vielleicht ein Dinosaurier bin und in Zukunft einfach jeder alles über jeden wissen wird, aber mit dem Gedanken kann und will ich mich nicht abfinden”, so der Computersicherheitsspezialist.

Keine Panikmache

Dass die zunehmende Durchdringung des Alltags mit informationsverarbeitenden Systemen zu einem Daten-Super-GAU führen könnte, glaubt Mense nicht: “Ich denke, die Datenlecks gehen auf dem jetzigen, hohen Niveau weiter.” Kriminelle sind dabei nicht die einzigen, die ein Interesse daran haben, möglichst viele Daten im Netz zu sammeln. Auch Firmen und Behörden sind hinter möglichst umfassenden Informationen her. “Auch Staaten und deren Verwaltungen schießen derzeit über das Ziel hinaus. Das ist eine eigene Welt geworden, die sich nur mit sich beschäftigt und oft keinen Bezug mehr zum Bürger hat. Es geht in Richtung Orwell”, so Mense.

Politik und Unternehmen sind gefordert, einen angemessenen Rahmen für den Umgang mit Daten im Netz zu schaffen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich Menschen dem Druck, ihre Daten herzugeben, kaum erwehren können. “Hier liegt die Verantwortung bei Unternehmen und Politik, Grenzen zu ziehen. Online-Banking am Handy zum Beispiel ist ein Witz. Ich brauche eigentlich immer zwei Geräte für einigermaßen sichere Systeme. Die Hersteller wissen das und nehmen die Schäden in Kauf. Das ist nur so lange in Ordnung, wie sie auch die Verluste decken”, sagt Mense.

Offen ist nützlich

Nur wenn Unternehmen verantwortlich für die Sicherheit ihrer Systeme seien, können Nutzer diesen Plattformen vertrauen. “Durch höhere Strafen könnte die Qualität hier erhöht werden. Die Politik hat aber nur wenige Möglichkeiten direkt regulierend einzugreifen, weil die Problematik extrem komplex ist und schwer in ein gesetzliches Regelwerk gefasst werden kann”, erklärt Mense.

Eine Änderung der offenen Infrastruktur des Netzes wäre eine Möglichkeit, diese Probleme zu beseitigen. Mense ist aber optimistisch, dass es dazu nicht kommen muss: “Die Nützlichkeit des Internets besteht in seiner Offenheit. Ich glaube, wir können das Netz noch retten. Das ist nur eine Frage des Willens.”

Dieser Artikelist im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und FH Technikum Wien entstanden.

( futurezone ) Erstellt am 22.11.2014