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FH Technikum Wien "Unsere Absolventen können jede Software programmieren".

Alexander Hofmann von der FH Techikum Wien leitet den Master-Lehrgang Game Engineering und Simulation
Alexander Hofmann von der FH Techikum Wien leitet den Master-Lehrgang Game Engineering und Simulation - Foto: Juerg Christandl
Die FH Technikum Wien ist die Anlaufstelle für künftige Spielentwickler. Im Interview spricht Studiengangsleiter Alexander Hofmann über Ingress, Oculus Rift und ernste Spiele.

futurezone: Mit „Schein“ hat diesen Sommer ein Spiel Ihrer Studenten den prestigeträchtigen Microsoft Imaging Cup gewonnen. Sehen Sie das auch als Auszeichnung für das Masterstudium Game Engineering und Simulation?
Hofmann: Ja. Das war ein großer Erfolg. Sie haben das Spiel im Zuge des Studiums entwickelt. Nach dem Abschluss haben sie sich selbstständig gemacht und die Firma Zeppelin Studios gegründet. Derzeit arbeiten sie an der Fertigstellung des Spiels.

Wird dieser Start-up-Gedanke während des Studiums explizit gefördert?
Wir haben drei Vorlesungen, die sich diesem Thema widmen. Es werden darin wirtschaftliche und rechtliche Aspekte gelehrt, die den Studierenden zeigen, was etwa bei der Spieleproduktion zu beachten ist. Zudem gibt es an der FH Technikum Wien das Institut für Wirtschaft, Management & Recht, das unterstützend unter die Arme greifen kann.

Aktuell entwickeln Studierende von Ihnen mit „Wunderpipe“ und „Skyway“ zwei Spiele, die bereits bei öffentlichen Wettbewerben mitgemacht haben. Werden die einen Weg wie Schein gehen?
Noch kann ich zu diesen zwei Projekten nichts sagen. Aber ich hoffe natürlich, dass viele weitere Studierende ähnliche Erfolge wie Schein feiern. Generell ist es gut, wenn FH-Projekte es über die akademischen Mauern hinaus schaffen und von den Absolventen danach noch weiterentwickelt werden. Es ist eine wichtige Erfahrung für die Studierenden, ein Spiel fertig zu entwickeln und veröffentlichen zu können.

Wie kann man sich den Master-Studiengang vorstellen?
Der Master-Studiengang Game Engineering und Simulation bildet – wie FH-Studiengänge überhaupt – berufsfeldorientiert aus. Konkret sind es bei uns die Berufsfelder Game-Programmer, Game-Designer und Game-Producer, d.h. der Studiengang ist eher informationstechnisch ausgerichtet mit einem gewissen kreativen Anspruch. Bei Grafik werden daher nur Grundlagen gelehrt, damit der Programmierer mit dem Grafiker kommunizieren und ihm z.B. sagen kann, wie viele Polygone er braucht, oder damit er versteht, wie Animationen entstehen. Aber Fragen zu Ästhetik oder Design sind jetzt kein Thema. Hier müssen die Studierenden externe Künstler auftreiben, mit denen sie zusammenarbeiten. Bei Schein hat beispielsweise ein Freund bei den Grafiken mitgeholfen. Wir wollen damit auch Selbständigkeit und Organisationsfähigkeit fördern.

Was sind die Voraussetzungen für das  Studium?
Da es ein Master-Studiengang ist, ist ein Bachelor Pflicht. Wir versuchen bereits in unserem Bachelor-Studiengang Informatik, Studierende früh an die Praxis heranzuführen. Sie können etwa Praktika bei Spielefirmen absolvieren. Seit drei Jahren haben wir mit fast allen heimischen Spieleherstellern Kooperationen bzw. arbeiten wir in Deutschland z.B. mit Daedalic in Hamburg und mit Wooga aus Berlin zusammen.

Dürfen die Studenten gleich zu Studienbeginn mit der praktischen Umsetzung beginnen?
Nein, die Projektphase beginnt erst im zweiten Semester. Hier testen die Studierenden ihr Game Design und entwickeln Prototypen. Damit können sie testen, ob es so spielbar ist, wie sie sich das vorstellen. Im dritten Semester haben sie dann Zeit, das Spiel fertig zu stellen, denn ein Abschlusszeugnis gibt es nur für fix und fertig entwickelte Titel mit mehreren spielbaren Level.

Werden im Zuge des Studiums alle Spiele-Plattformen adressiert?
Wir gehen seit Beginn des Studiengangs 2008 auf alles ein. Mobile war damals schon ein Thema, weil die Wiener Firma Xendex hier sehr groß war. Auch bei Konsolen gab es durch Rockstar Vienna eine historisch gewachsene Nähe zu dem Sektor und viele Experten, die ihr Wissen an unsere Studierenden weitergeben konnten.  Dann gibt es natürlich PC sowie Online.

Welche Zukunftstechnologien werden im Studiengang thematisiert?
Wir schauen uns natürlich Google Glass genauer an. Derzeit haben wir das erste Projekt mit der Virtual-Reality-Brille Oculus Rift. Das ist zwar in punkto Programmierung kein großer Sprung, aber in Sachen Game Design stellt es unsere Studierenden vor neue Herausforderungen. Es ist ein ganz neuartiges Spielgefühl.

Aktuell ist das GPS-Spiel Ingress von Google ein großes Thema. Wird das im Studium ebenfalls angesprochen?
Augmented-Reality-Spiele, die reale Orte mit virtuellen Spielflächen verbinden, sind ein sehr spannendes Thema, auf das wir auch eingehen. So neu ist das ja nicht, vergleichbare Spiele gab es schon vor zehn Jahren. Durch das Smartphone gewinnen sie nun wieder an Popularität.

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Foto: Juerg Christandl

Dürfen Studenten selbst experimentieren und Neues ausprobieren?
Ja, wir geben ihnen Freiraum, wenn sie eine eigene Idee verfolgen wollen. Bei Schein war das beispielsweise der Fall. Das Team hatte von Anfang an eine Vision, die sie umsetzen wollten. Das haben wir gefördert. Sie waren auch das erste Team, das den Award of Excellence gewonnen hat. Damit zeichnen wir besonders gute Projekte unserer Studierenden aus. Es gibt aber auch andere, die sich einem ganz spezifischen technischen Problem widmen und darin vertiefen wollen. Das fördern wir natürlich auch.

Wie fördern Sie die Studierenden abseits des Lehrplans?
Wir forcieren die Teilnahme an Wettbewerben. Die Studierenden sollen auch lernen, ihre Ideen zu präsentieren und zu verkaufen. Es ist ihre Visitenkarte für zukünftige Jobs. Zudem bekommen sie so neues Feedback, das über den fachlichen Input der FH-Professoren hinausgeht und dieses ergänzt. Schließlich ist es auch für die Fachhochschule ein Renommee.

Wie viele Absolventen finden eine Stelle in der Spielebranche?
Wir haben einen sehr guten Ruf in der Branche. Unsere Absolventinnen und Absolventen gelten als gewissenhaft und fachkenntnisreich. Es gibt einige, die nach Deutschland gehen. Es gibt auch einige, die gar nicht in die Spielebranche wollen. Da sie nach dem Abschluss u.a. C++ perfekt beherrschen, können sie ja jede Software programmieren und gehen dann in andere Branchen. Andere wollen wiederum in die Forschung. Prinzipiell bilden wir sehr gute Entwickler aus, die ein umfassendes Know-How in Simulation, Visualisierung, Mathematik, Programmierung und Software-Entwicklung haben. So können sie in jeder Branche arbeiten.

Stehen sie mit österreichischen Spielestudios in Verbindung?
Ich lege sehr viel Wert darauf, einen engen Kontakt mit der Wirtschaft zu pflegen. Das ist auch insofern wichtig, da wir daran gemessen werden, wie viele unserer Absolventinnen und Absolventen in der Industrie unterkommen. Je mehr Programmierer von unserem Studiengang den Sprung schaffen, desto stärker unterstreicht das die Qualität der FH Technikum Wien. Zudem unterstützen wir alle Studios und sehen es als unsere Aufgabe, die heimische Branche zu fördern. Wir versuchen auch mit Kontakten oder Ressourcen zu helfen.

Haben Sie hier konkrete Beispiele?
Wir haben einen eigenen Usability-Testbereich. Hier bieten wir Firmen an, dass sie in Entstehung befindliche Spiele bei uns testen lassen können. Wir haben hier im Haus eine eigene Station dafür aufgebaut. Spieler prüfen dann den Titel, finden Fehler oder Probleme im Aufbau. Wir filmen die Spieler dabei, protokollieren jede Eingabe und fragen dann gewisse Punkte ab.

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Foto: Juerg Christandl

Gibt es bei den Master-Arbeiten auch Aufträge und Anregungen der Firmen?
Das kommt immer wieder vor. Der Forschungsbereich an der FH Technikum Wien ist ja riesig. Firmen schlagen Themen vor, die sie gerne erforscht hätten, denen sie selbst in der täglichen Arbeit aber nicht nachgehen können. Das können grundlegende Fragen ebenso sein wie sehr spezifische technische Problemstellungen. Zudem gibt es auch viel Input von unseren zahlreichen LektorInnen, die  überwiegend aus der Praxis kommen.

Gibt es hier wissenschaftliche Schwerpunktthemen?
Ein Forschungszweig, den wir selbst gerade hochziehen, ist Games for Health. Hier arbeiten wir mit der Fakultät für Psychologie an der Universität Wien zusammen. Gemeinsam mit Manuel Sprung entwickeln wir Spiele, die für therapeutische Zwecke eingesetzt werden können. Das erste Projekt ist bereits fertig und heißt Space Ranger Alien Quest. Es trainiert die exekutiven Funktionen von Kindern und Jugendlichen. Ein zweites Spiel ist im Entstehen, das gemeinsames Spielen von Eltern und Kindern ermöglichen soll. Hier gibt es einfach viel zu wenig Angebot und der Bedarf ist groß.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Uni Wien?
Game-Designer und Psychologen entwickeln gemeinsam eine Idee. Pflicht ist dabei, dass es einen psychologischen Impact hat und Forschungsergebnisse liefert. Wir setzen dann die Idee in ein Spiel um – und zwar so, dass es auch Spaß macht. Danach wird klinisch getestet, ob es den gewollten Effekt hat. Das Ergebnis wird dann evaluiert und vergleichbaren Standardverfahren der Psychologie gegenübergestellt.  Wir wollen damit eine zeitgemäße Alternative zu Fragebögen bei der Diagnose entwickeln.

(futurezone) Erstellt am 20.11.2013, 06:00

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