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Science
04/30/2019

Wiener Avatar übersetzt für Gehörlose

Im Sinne der Barrierefreiheit soll maschinelle Unterstützung bei Gebärdenübersetzungen massentauglich werden.

Die Digitalisierung betrifft alle und macht vor niemanden halt. Allerdings besteht die Gefahr, dass das Leben mancher Menschen dadurch noch zusätzlich erschwert wird. Für Gehörlose kann es beispielsweise schwierig sein, an der Online-Welt teilzuhaben, da viele digitale Inhalte – sei es auf Webseiten oder in Form von Videos – für sie nicht übersetzt sind.

Diesen Umstand zu ändern und die Welt für gehörlose Menschen barrierefrei zu machen, hat sich Sign Time zum Ziel gesetzt. Seit 2008 entwickelt das Wiener Unternehmen einen Avatar, der als Gebärdenübersetzer für Gehörlose eingesetzt wird. Die computeranimierte, künstliche Person namens SiMAX übersetzt beispielsweise Inhalte von Webseiten, Filme, TV-Sendungen, Bürgerinformationen, Beipackzettel für Medikamente, Verkehrsmeldungen oder Museumsführungen in die Gebärdensprache.

Effiziente Übersetzung

„Wir haben gesehen, dass die Produktion von Übersetzungsvideos mit echten Menschen sehr aufwändig und kostenintensiv ist. Da diese Vorgehensweise nicht massentauglich ist, haben wir angefangen, eine maschinell unterstützte Übersetzung zu entwickeln. Herausgekommen ist der animierte Avatar“, sagt Georg Tschare, Geschäftsführer von Sign Time am Dienstag bei einer Presseveranstaltung in Wien. Mit der künstlichen Figur können Übersetzungsvideos wesentlich kostengünstiger und schneller erstellt werden. Der Fokus liegt aktuell auf Übersetzungen von Web-Inhalten sowie Erklärvideos. Dolmetschen, also eine Live-Übersetzung, ist mit dem Avatar nicht möglich.

Eine herkömmliche Untertitelung von Videos kann gehörlosen Menschen nur begrenzt weiterhelfen. Von den 10.000 Gehörlosen in Österreich sind etwa drei Viertel funktionelle Analphabeten - sie können der geschriebenen deutschen Sprache nur teilweise folgen. „Die Gebärdensprache muss als eine eigenständige Sprache gesehen werden“, sagt Monika Haider, Mitgründerin von Sign Time im Gespräch mit der futurezone.

Übersetzungsprozess

Ausgehend von einer Tonspur wird mithilfe einer Software eine Textdatei angefertigt. Diese wird dann umgeschrieben, sodass sie in Gebärdensprache übersetzt werden kann. Daraus fertigt wiederum eine Software einen ersten Übersetzungsvorschlag in Gebärdensprache an, welcher von einem Sign-Time-Mitarbeiter überprüft und nachbearbeitet wird. Erst wenn die Übersetzung bis ins Detail passt, wird das Avatar-Video produziert.

Das Wiener Unternehmen hat in den vergangenen Jahren eine Datenbank aufgebaut, die ungefähr 10.000 Gebärden umfasst. „Damit können wir rund 95 Prozent der Texte übersetzen, ohne dass dem Avatar eine neue Gebärde beigebracht werden muss“, erklärt Tschare.

EU-Förderung

Unternehmerisches Ziel von Sign Time ist die Kommerzialisierung ihrer maschinell unterstützten Übersetzungstechnik. „Durch neue Richtlinien im Sinne der Barrierefreiheit wird künftig der Bedarf an Gebärdenübersetzungen wesentlich ansteigen“, sagt der Sign Time-Geschäftsführer. Als eines der weltweit führenden Unternehmen auf diesem Gebiet blicke man daher positiv in die Zukunft.

Unterstützt wird Sign Time von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) sowie mit 1,1 Millionen Euro von der Europäischen Union. Mit dieser Förderung arbeitet das Wiener Unternehmen nun daran, ihren Avatar in den sechs gebräuchlichsten Gebärdensprachen der EU zur Verfügung zu stellen, sodass dem Großteil der rund 500.000 gehörlosen Menschen in Europa ein barrierefreier Zugang zur digitalisierten Welt erleichtert wird.