Science 21.05.2018

"Wir sollten nicht anfangen, Grenzen im Weltraum zu ziehen"

© Bild: NHM Wien, Kurt Kracher

Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor der ESA, spricht mit der futurezone über Elon Musk und Außerirdische.

Im Naturhistorischen Museum Wien ist derzeit eine Ausstellung zur ESA-Mission Rosetta, in deren Rahmen 2014 erstmals eine Sonde auf einem Kometen gelandet ist, zu sehen. Zur Eröffnung war unter anderem auch Johann-Dietrich Wörner, der Generaldirektor der europäischen Weltraumagentur ESA vor Ort. Die futurezone hat die Gelegenheit genutzt und den obersten europäischen Raumfahrer gefragt, was in den kommenden Jahren von der ESA zu erwarten ist, ob die Menschen je zu den Sternen fahren werden, wer das bezahlen wird und ob er an intelligentes außerirdisches Leben glaubt.

futurezone: Welche Bedeutung hat die Rosetta-Mission für die ESA?
Johann-Dietrich Wörner: Die Rosetta-Mission hatte mehrere Höhepunkte. So ein Unterfangen benötigt immerhin zehn Jahre Vorbereitungszeit und weitere zehn Jahre Flugzeit. Das System musste sich zwischendurch alleine wieder starten, weil es so weit von der Sonne weg war, dass alles abgeschaltet werden musste. Das war eine technologische Herausforderung, wie auch die Landung auf dem Kometen. Wissenschaftlich war die Mission hochinteressant, mit dem Nachweis von Wasser und von organischen Bestandteilen auf dem Kometen. Auch neue Erfindungen wurden gemacht. Zwar keine Teflonpfanne - die kommt nicht aus dem Weltraum - aber ein Waldbrandüberwachungssystem. Es nutzt dieselbe Kamera, die bei Rosetta den Kometen Tschuri beobachtet hat. Da der Komet dunkelgrau bis schwarz ist, erkennt die Kamera feinste Grautöne und wird jetzt benutzt, um Wälder zu überwachen. Mit ihr können wir feststellen, ob Rauch aufsteigt oder ob es sich nur um Wasserdampf handelt. Das System wird vielerorts bereits eingesetzt.

ESA-Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner © Bild: Wikimedia, DLR/Schmiw, gemeinfrei

Was sind für den Chef der europäischen Raumfahrt die nächsten Highlights?
Ich bin der Generaldirektor, deshalb muss ich aufpassen, dass ich nicht der Spezialdirektor werde und nur einzelne Sachen nenne. Die ESA versucht mit 22 Mitgliedsstaaten plus Slowenien und Kanada wirklich die Interessen der verschiedenen Mitgliedsstaaten umzusetzen. Das heißt wir sind eine ganz breit aufgestellte Raumfahrtagentur. Wir machen Anwendungen, Erdbeobachtung, Navigation, Telekommunikation. Wir betreiben Wissenschaft und Exploration, wir entwickeln Launcher, neue Technologien und beschäftigen uns auch mit Sicherheit im Weltraum und Schutz vor Gefahren aus dem Weltraum. Ich würde mich ungern auf einzelne Highlights festlegen. 2018 ist BepiColombo, die Mission zum Merkur, auf jeden Fall eine wichtige Sache.

Was erwarten Sie von dieser Mission?
Neue Erkenntnisse über den Merkur. Wir haben erst durch eine Mission zur Venus überhaupt den Treibhauseffekt auf der Erde kennengelernt. Wer weiß, was wir alles erkennen, wenn wir den Merkur genauer untersuchen, den sonnennächsten Planeten. Schon jetzt kann man sagen, dass die für BepiColombo und Solar Orbiter entwickelten Solarzellen die Photovoltaik auf der Erde verändern werden. Der Effekt ist schon da, bevor die Mission überhaupt losgeht.

Wann ist die Ankunft beim Merkur geplant?
Der Flug dauert etwa sechs Jahre. Das mag lang erscheinen, weil es einfach klingt, in Richtung Sonne zu fliegen. Aber genau das ist das Problem. Wenn man nicht aufpasst, landet man nämlich in der Sonne und dort will man nicht sein.

Wie sehen Sie die zukünftige Rolle der privaten Raumfahrt?
Elon Musk, Jeff Bezos und Co werden immer als Gegenpol zur staatlichen Raumfahrt dargestellt. Das sehen wir überhaupt nicht so. Wir arbeiten in der ESA schon immer mit privaten Unternehmen zusammen. Auch die europäischen Ariane-Raketen werden ja nicht vom Staat betrieben, sondern von einer privaten Firma namens Arianespace. Wir sehen auch eine weitere Kommerzialisierung unserer Aktivitäten, zum Beispiel auf der Internationalen Raumstation, wo Firmen Interesse daran haben, neue Materialien zu erforschen. Das gesamte Thema Kommerzialisierung ist auch in Europa angekommen. Was uns fehlt und einen Unterschied zur USA ausmacht, sind einzelnen Persönlichkeiten, die sich entsprechend öffentlichkeitswirksam hervortun, wie Jeff Bezos oder Elon Musk. Aber verstecken müssen wir uns in Europa überhaupt nicht.

Das macht Ihnen keinerlei Sorgen?
Im Gegenteil. Ich habe Hoffnung, weil wir jetzt bestimmte Themen von privaten Investoren besser umgesetzt bekommen, wie zum Beispiel in der Erdbeobachtung. Es gibt so viele Themen, die wir noch anpacken müssen, dass es uns eher entspannen würde, wenn sich auch andere betätigen. Ich setze große Hoffnung in die Kommerzialisierung der Raumfahrt.

1 / 4
©NHM Wien, Kurt Kracher
©NHM Wien, Kurt Kracher
©ESA
©NHM Wien, Kurt Kracher

Was, wenn sich die Privatinvestoren den Weltraum aufteilen wollen?
Das wäre katastrophal. Wir sollten nicht anfangen, zusätzlich zu den Grenzen auf der Erde auch noch Grenzen im Weltraum zu ziehen. Ein Claim-Abstecken wie im Westen Amerikas zu Goldgräberzeiten, das sollte weder im Weltraum noch auf anderen Planeten oder Monden passieren.

Braucht die Erkundung des Weltraums noch Menschen?
Der Mensch hat sich nie nehmen lassen, seinen Fuß hinzusetzen. Gucken Sie mal auf den Mount Everest. Es steigen immer noch jährlich Leute auf den Berg. Dabei könnte man das erstens von Robotern machen lassen und zweitens bräuchte man den Gipfel gar nicht mehr erklimmen. Der Mensch tut es trotzdem. Uns wohnt offensichtlich das Bedürfnis inne, dorthin zu gehen, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Das betrifft den Mond, der derzeit wieder im Fokus steht, aber auch den Mars und andere Ziele. Das finde ich fantastisch.

Wann könnte der erste Mensch den Mars betreten?
Das wird an einem Dienstag sein, weil Montags fliegen wir schon zum Mond.

Etwas präziser?
Es wird etwa 20 bis 30 Jahre dauern. Diejenigen, die heute sagen, dass sie das in den nächsten fünf bis zehn Jahren machen wollen, sind naiv, weil sie die ganzen technologischen Schwierigkeiten vollkommen unterschätzen.

Wird der Mensch jemals zu anderen Sternen reisen?
Natürlich. Sagen Sie niemals nie. Wir haben heute nicht die Technologie dafür, selbst der Mars ist derzeit eine große Herausforderung. Weiter geht es mit unseren Mitteln einfach nicht. Wenn sie den nächsten anständigen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems nehmen, das ist Trappist 1, dann braucht das Licht 39 Jahre dorthin. Da können wir nicht mit Menschen hinfliegen im Moment.

Gibt es intelligentes außerirdisches Leben?
Das ist eine leicht zu beantwortende Frage: Nach derzeitigen Schätzungen gibt es 10 hoch 24 Sterne im Weltall. Das ist eine Eins mit 24 Nullen. Dass wir da alleine sind, glaube ich nicht. Dass wir Kontakt aufnehmen, wenn ein Signal schon bis zu Trappist 1 39 Jahre hin und 39 Jahre wieder zurück braucht, ist mit heutiger Technologie aber wohl unmöglich.

Haben sie eine favorisierte Erklärung für das Fermi Paradoxon?
Nein.

( futurezone ) Erstellt am 21.05.2018