Start-ups
31.01.2018

"Das selbstfahrende Auto wird Fehler machen"

Mit einem völlig neuartigen Prozessor will das britische Start-up Graphcore maschinelle Intelligenz ermöglichen und so zum neuen Intel werden. Gründer Nigel Toon im Interview.

Selbstfahrende Autos, intelligente Medizin, aber auch Sprachassistenten, die den Kontext und die Intention des Sprechers verstehen: Auf dem Weg dorthin geraten Computersysteme immer häufiger an ihre Grenzen. Als Engpass gilt aktuell vor allem der Prozessor. Schon jetzt kommen bei Anwendungen im Bereich künstlicher Intelligenz hauptsächlich Grafikprozessoren zum Einsatz, die mit der Verarbeitung von visuellen und auditiven Daten besser umgehen können.

Neben etablierten Firmen wie Nvidia, das von der Nachfrage nach leistungsstarken Prozessoren besonders profitiert und zuletzt eine 3000 Dollar teure Grafikkarte für maschinen-basiertes Lernen vorstellte, scharren auch völlig neue Unternehmen wie Graphcore in den Startlöchern, welche die Prozessorleistung revolutionieren wollen. Mit seinem Konzept konnte Graphcore bereits Konzerne wie Samsung und Dell sowie Investoren wie Hermann Hauser von sich überzeugen.

futurezone: Sie stellen einen neuartigen Prozessor in Aussicht, den Sie unter dem Begriff IPU – Intelligent Processing Unit – vermarkten. Was steckt dahinter? Nigel Toon:Im Bereich der künstlichen Intelligenz – ich verwende ja lieber den Begriff „maschinelle Intelligenz“ – sind Prozessoren mittlerweile der Flaschenhals. Zuletzt haben Grafikprozessoren zwar die klassischen CPUs abgelöst. Uns schwebt aber ein Prozessor vor, der die hundertfache Leistung erbringen kann und dabei besonders energieeffizient ist. Das ist möglich, weil wir alles von Grund auf neu konzeptionieren.

Sie wollen also das neue Intel oder Nvidia werden? Ja. Viele Leute glauben, dass so etwas unmöglich ist. Aber man muss sich nur die Geschichte von ARM anschauen. Die haben vor 20 Jahren mit einem Team von 30 Leuten einen Mikroprozessor für mobile Geräte entwickelt und nun sind sie in jedem Smartphone drinnen. Das hat damals auch niemand für möglich gehalten. Und einer der Gründer – Hermann Hauser – ist auch bei uns wieder mit an Bord.

Inwiefern sind diese enormen Leistungssteigerungen, die Sie mit Ihren Prozessoren versprechen, für künstliche Intelligenz Grundvoraussetzung? Das Problem ist, aus einem riesigen Pool von Daten genau jene herauszufiltern, die ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen. Was unterscheidet eine Katze eigentlich von einem Hund? Das ist für eine Maschine schwieriger, als man meinen würde. Google hat sein System mittlerweile so trainiert, dass es Katzen auf Bildern zuverlässiger erkennen kann als es ein Mensch tut. Bei konkreten Personen ist das schon weniger trivial. Menschen haben ja keinen Barcode auf ihrer Stirn, über den sie zweifelsfrei erkennbar sind.

Wie sieht es mit Spracherkennung und Kommunikation aus? Siri und Alexa sind mittlerweile schon viel besser geworden.Es genügt nicht, dass das System die jeweiligen Worte akustisch versteht. Da sind die Systeme tatsächlich schon gut. Etwa wenn es um eng definierte Bereiche geht: Musik abspielen, das Wetter abfragen, einen Termin vereinbaren. Um darüber hinaus kommunizieren zu können, muss das System allerdings die Intention und somit auch den Kontext verstehen. Das bedingt wiederum, dass es Feedback erhalten, dieses speichern und in vergleichbaren Situationen abgleichen muss. Das ist enorm ressourcenaufwändig.

Als eine der treibenden Kräfte für künstliche Intelligenz gilt die Entwicklung von selbstfahrenden Fahrzeugen. Wie weit ist die Forschung da? Wir befinden uns gerade in der gefährlichsten Phase. Man hat das Gefühl, es funktioniert gut, und dann kommt diese Situation, in der das Auto plötzlich keine Antwort weiß – etwa, wenn es in eine Kreuzung fährt und etwas Unvorhergesehenes passiert. Wenn die Person am Steuer, die sich bis dahin in Sicherheit wiegte, dann schnell übernehmen soll, kann das brenzlig werden.

Es wird also auch Unfälle mit autonomen Fahrzeugen geben. Natürlich wird das selbstfahrende Auto Fehler machen. Gerade in der jetzigen Phase. Google-Autos sind schon zwei Millionen Kilometer in der Gegend herumgefahren und immer noch muss die Person hinter dem Lenkrad in gewissen Situationen eingreifen. Um vom jetzt möglichen Auto mit Automatisierungsgrad 3 zu Level 5 der Vollautomatisierung zu gelangen, ist eine enorme Steigerung notwendig, was die Intelligenz des Computersystems betrifft. Die Leistung ganzer Servertürme muss künftig in Autos verbaut werden – und eben deswegen braucht es neue Komponenten wie unsere Prozessoren.

Selbst Branchen-Veteranen wie Michael Dell sprechen bereits von einem neuen Zeitalter, das jetzt anbricht. Sehen Sie das ähnlich? Definitiv. Was wir jetzt erleben, ist die Geburtsstunde einer neuen Computer-Ära. Diese intelligenten Systeme und Maschinen werden uns helfen, eine gesündere und bessere Welt für uns und unsere Kinder zu erschaffen – sei es um Krebs zu heilen, unsere Umgebung durch autonome Fahrzeuge sicherer zu machen oder andere Fortschritte zu erzielen, die der Gesellschaft zugutekommen.

Kritiker warnen vor vorurteilsbehafteten Systemen, die intransparente Entscheidungen treffen – etwa, wenn es um die Einstufung bei Versicherungen geht.Intransparent sind solche Bewertungsmechanismen jetzt auch. Aber ja, es stimmt, Maschinen sind heute recht abhängig von Algorithmen, die auf menschlichen Annahmen basieren. In Zukunft werden aber nicht wir die Netzwerke so aufsetzen, wie wir es für am besten halten. Die intelligenten Systeme können dann auch ihre Struktur durch Dazulernen verbessern und unabhängiger von unseren „gefärbten“ Annahmen werden.

Viele machen sich Sorgen, dass diese intelligenten Maschinen, die wir jetzt erschaffen, einmal die Menschheit unterjochen werden. Ich habe da eher einen positiven Zugang und sehe diese Maschinen in erster Linie als Assistenten. Dass sie sich in ferner Zukunft einmal über die Menschen erheben könnten, ist zumindest theoretisch denkbar, eine reale Gefahr ist das derzeit aber sicherlich nicht.

Es werden aber definitiv Jobs verloren gehen. Das stimmt, und als LKW-Fahrer würde ich mir vermutlich Sorgen machen. Aber wir haben auch schon andere industrielle Revolutionen gut gemeistert. In Wahrheit war es aber bereits bei den Höhlenmenschen so. Als einige mit einem Wolf nach Hause kamen und sagten, sie werden das Tier zum Jagen abrichten, gab es sicher welche, die meinten: Das Tier wird uns fressen. Andere fürchteten vielleicht um ihre Stellung als Jäger. In Wahrheit sind die Menschen dadurch aber besser in der Jagd geworden und haben ihre Fähigkeiten weiterentwickelt. Der ganze Fortschritt unserer Zivilisation basiert auf diesem Prinzip.

Gibt es eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf? Wenn es um Sicherheitsbedrohungen geht, die auf militärischer oder Regierungsebene forciert werden – etwa wenn autonom agierende Roboter dazu eingesetzt werden sollten, Menschen zu töten – da müssen wir rasch gegenteuern und einige Grundregeln festlegen – am besten von den Vereinten Nationen. Diese Systeme sollten ausschließlich verwendet werden, um Gutes zu tun. Wir alle – Industrie, Politik und die Zivilgesellschaft müssen diese Diskussion führen und dafür sorgen, dass der Grundkonsens diesbezüglich außer Frage steht.