Start-ups
19.04.2016

Junomedical: Österreicherin vermittelt Medizintouristen

Das Start-up Junomedical will Patienten hochwertige und bezahlbare Operationen in ausländischen Kliniken ermöglichen.

Marktforscher schätzen, dass der weltweite Markt für Medizin- und Gesundheitstourismus bis zu 50 Milliarden US-Dollar groß sein soll – Tendenz wachsend. Die österreichische Ärztin Sophie Chung will mit ihrem Start-up Junomedical mitmischen.

Auf der Website wird nach den gewünschten Behandlungen und Operationen gesucht. Die Ergebnisse sind nach Kliniken geordnet. Ein Klick darauf zeigt etwa, dass ein Gesäß-Implantat im türkischen Liv Hospital 4758 Euro kostet. Will man die Behandlung buchen, wird ein kostenloses Angebot von Junomedical angefordert.

Junomedical sieht sich als Vermittler zwischen Patient und Klinik. Mit dem Patient wird der gewünschte Eingriff besprochen und ein Termin fixiert. Junomedical kümmert sich um nötige Formulare und gibt Tipps zur Buchung von Flügen und Hotels.

Nach der Behandlung und nach der Rückreise wird der Patient kontaktiert, um nachzufragen, ob es Beschwerden gibt, ob alles geklappt hat und ob etwas hätte besser laufen können. Sollte es zu Komplikationen kommen, unterstützt Junomedical den Patienten: „Mir ist es als Ärztin persönlich wichtig, dass wir nicht bloß als kommerzielle Webplattform gesehen werden, sondern auch als der primäre Ansprechpartner für den Patienten“, sagt Chung.

Ausgewählte Kliniken

Auf der Website befinden sich derzeit 30 Partnerkliniken in sechs Ländern, was angesichts des Marktvolumens eine überschaubare Menge ist. „Das liegt daran, dass wir ein strenges Auswahlverfahren haben. Wir lehnen viele Kliniken ab, die nicht unseren Qualitätskriterien entsprechen. Wir entfernen auch Kliniken aus dem Angebot, wenn sie durch Vorfälle nicht mehr unseren Ansprüchen entsprechen.“

Die Kriterien sind ua. Patientenbewertungen, Meinungen und Empfehlungen von international tätigen Ärzten, Medienberichte, Vorfälle wie Krankenhausskandale, die Abwicklungsprozesse, die Verfügbarkeit von Fahrtendiensten und Dolmetschern und wie der Umgang mit internationalen Patienten ist. Diese Kriterien fließen in Junomedicals Bewertungsalgorithmus ein, auf dessen Basis entschieden wird, ob die Angebote einer Klinik auf der Webplattform aufgenommen werden.

Preise

Die von den Kliniken angegebene Preise auf dem Webportal beinhalten alle Behandlungskosten, inklusive Heilmittel und Klinikaufenthalt. Auch die Gebühr für Junomedical ist bereits enthalten. Nicht inkludiert sind Reise- und Nächtigungskosten in Hotels.

Für einige Behandlungen sind keine Preise angegeben: „Die Kosten für gewisse Eingriffe sind stark vom Patienten abhängig, wie etwa die Knochenmasse bei einem Hüftimplantat. In diesem Fall können wir keine fixe Preisangabe im Vorhinein machen.“ Interessiert sich ein Patient für eine Behandlung, kann er den Preis bei Junomedical erfragen.

Dasselbe gilt für verfügbare Behandlungen. Wird in der Suche auf Junomedical die Behandlung vorgeschlagen, scheint aber nicht in der Beschreibung der gewünschten Klinik auf, soll man Junomedical kontaktieren: „Das ist ein Bug, den wir noch ausbessern. Die Behandlung wird angeboten, sie ist nur noch nicht in den Infos der Kliniken gelistet“, so Chung. Wer also nach Penisvergrößerung sucht sollte diese tatsächlich in den zehn angebotenen Kliniken machen lassen können, auch wenn dieser kosmetische Eingriff nicht im Portfolio der CosMed Clinic in Tijuana oder im Narayana Hrudayalaya in Bangalore gelistet ist.

Kein Luxus, kein Ramsch

In Österreich ist der Medizin- und Gesundheitstourismus hauptsächlich durch zwei Extreme bekannt. Das eine sind wohlhabende Privatpatienten, laut Statistiken vor allem aus Russland und dem arabischen Raum, die hier Operationen vornehmen lassen und Kuraufenthalte buchen. Das Andere sind günstige Zahnbehandlungen, die Österreicher in Ungarn vornehmen lassen.

Junomedical will keines dieser beiden Felder bedienen, sondern sieht sich als Dienstleister für das „weite Spektrum“ dazwischen. „Es gibt Kunden, die eine hochwertige Behandlung zum leistbaren Preis bekommen wollen, wie etwa ein Zahnimplantat um 900 statt 2000 Euro.“ Auf Junomedical werden zukünftig auch Preisvergleiche zwischen verschiedenen Kliniken möglich sein, „um Transparenz zu schaffen“. Generell gehe es aber um die Behandlungsqualität, der Preis sei nicht das primäre Kriterium für die Wahl einer bestimmten Klinik.

Kritik am Medizintourismus

Einige Mediziner stehen dem Gesundheits- und Medizintourismus kritisch gegenüber. Vor allem in nicht westlichen Ländern bestehe die Gefahr, dass Kliniken internationale, gut zahlende Patienten bevorzugt behandeln. Lokale Patienten würden deshalb länger auf Eingriffe warten müssen. „Ich habe mich vor der Gründung von Junomedical intensiv mit dieser Problematik auseinandergesetzt, weil wir ja auch westliche Patienten in nicht westliche Länder schicken. Ich denke, je mehr Erfahrung die Kliniken sammeln können, desto besser können sie sich weiterentwickeln und den Fortschritt dann an die heimischen Patienten weitergeben“, sagt Chung: „Aber schwarze Schafe wird es in der globalen Medizin immer geben.“

Bedenken gibt es auch auf die Auswirkungen des Medizintourismus auf das Gesundheitswesen aus dem Ursprungsland der Patienten. Wenn sich ein Deutscher in der Türkei behandeln lässt, entgehen dem deutschen Gesundheitswesen diese Einnahmen. Im Falle von Österreich hat Chung keine Bedenken: „Das Gesundheitssystem in Österreich ist gut, deshalb geht es weniger um Kosten und Qualität, sondern mehr um die Wartezeit. Wenn man hier auf den Eingriff ein halbes Jahr warten müsste, aber in einem Nachbarland nur einen Monat, zeigt das, dass das Gesundheitssystem hier gut ausgelastet ist. Wir nehmen ihm also nichts weg.“

Wie viele Patienten/Kunden Junomedical bereits vermittelt hat, ist geheim. „Wir befinden uns gerade in einer Finanzierungsrunde, deshalb machen wir diese Zahlen nicht öffentlich. Aber wir verdoppeln uns gerade“, sagt Chung.