Scarletred-CEO Harald Schnidar: „Mit Scarletred Vision haben wir ein Mess-Tool entwickelt, das den Arzt bei der Diagnose unterstützen kann."

© Gerald Reischl

Reischls Start-up der Woche
07/25/2015

Scarletred analysiert Hautkrankheiten per App

Das Wiener Start-up Scarletred hat eine Bildanalyse entwickelt, mit der per Smartphone-Kamera Hauterkrankungen untersucht werden können.

„Alles, was der Arzt sieht, können wir messen“, sagt der Molekularbiologe Harald Schnidar. Beim Biotech-Unternehmen Apeiron leitete er ein Projekt, bei dem Auswirkungen von Strahlentherapien auf die Haut untersucht wurden. „Jedes Arzneimittel kann auf der Haut einen Nebeneffekt verursachen“, so Schnidar. Aber da es bislang keine Methode gab, mit der man Hautrötungen objektiv messen konnte, kam ihm die Idee, für die Pharmabranche eine Software zu programmieren, und er gründete sein Start-up Scarletred. „Mit Scarletred Vision haben wir ein Mess-Tool entwickelt, das den Arzt bei der Diagnose unterstützen kann“, betont Schnidar.

Das Start-up, das vom AWS gefördert wurde, wird gerne als „das mit dem Sticker“ bezeichnet, weil eine kleine Referenzkarte, wie man sie von den Farbskalen bei Drucksorten her kennt, verwendet werden muss. Dieser Farbsticker ist die Basis, auf der die Aufnahmen der Haut ausgewertet werden können.

Die Funktionsweise

Man ladet eine App auf das Smartphone – derzeit wird diese direkt an die Testpersonen ausgeschickt und soll künftig sowohl über die Webseite und via App-Store erhältlich sein. Dann fotografiert man die entsprechende Hautstelle mit der Rötung, dem Hämatom oder der Wunde. Das Foto wird mit der Scarletred-Datenbank im Web abgeglichen. Diese Cloud-Lösung bietet noch einen weiteren Vorteil: „Wir können praktisch in Echtzeit sehen, was etwa in einer Arzneimittelstudie gerade passiert“, so Schnidar. Er ist überzeugt, dass durch Scarletred Vision die Anzahl von Patienten bei Arzneimitteltests reduziert, Kosten gesenkt und die Entwicklung von Medikamenten beschleunigt werden können. „Unsere Vision ist, dass unser Mess-Tool standardisiert in der Arzneimitteltestung integriert wird.“

Damit die unterschiedlichen Fotos überhaupt miteinander verglichen bzw. gemessen werden können, benötigt es den Referenzsticker - ein kleiner runder medizinischer Aufkleber, den man an die Stelle nahe der Rötung klebt. Dadurch wird ermöglicht, dass die Aufnahmen, die durch die Lichtsituation oder Auflösung der Kamera (mindestes 4 Megapixel) variieren, auf einen Standard gebracht werden können. „Durch bessere Smartphones, wird sich auch unsere Technologie weiterentwickeln“, so Schnidar, denn je besser die Auflösung der Kameras, desto genauer seien die Fotos und desto genauer werden auch die Analysen sein können. „Es gibt etwa 3000 Hauterkrankungen, bei bestimmten Hauterkrankungen werden wir nachweisen können, wie die Haut auf bestimmte Medikamente reagiert.“

Forensic-App

Scarletred Vision könnte sich auch zu einer Forensic-App entwickeln, „mit der wird man erkennen können, wie lange eine gewisse Verletzung zurückliegt“, so Schnidar. „Ein blauer Fleck durchläuft ja auch verschiedene Stadien. Wir werden coole CSI-Features realisieren.“

Schnidar hat bereits konkrete Vorstellungen, wie er Scarletred Vision auch für den Endkonsumenten spannend machen kann. Konkret will sich das 5-köpfige Team des Themas Akne annehmen: „Es gibt zwei Milliarden Menschen auf der Welt, die im Laufe ihres Lebens an Akne leiden. Wir wollen eine Möglichkeit entwickeln, mit der diese Menschen selber testen können, welches Medikament ihnen am besten hilft.“

Demnächst startet eine Kooperation mit der Patientenorganisation Debra, die sich um Kinder kümmert, die an Epidermolysis bullosa (EB) leiden. Die Haut dieser „Schmetterlingskinder“, die so verletzlich ist wie der Flügel eines Schmetterlings, kann mit der Erfindung von Harald Schnidar kontaktlos gemessen werden.

An der mittlerweile patentierten Lösung von Scarletred haben bereits mehrere Pharma-Konzerne Interesse gezeigt. Schnidar hofft auch, den US-Markt von seiner Entwicklung zu überzeugen. Das Start-up ist eines von jenen, das im Rahmen der Go Silicon Valley-Initiative der Wirtschaftskammer ausgewählt worden ist und noch heuer für drei Monate ins Silicon Valley geht.