Start-ups
17.04.2015

Sofasession: Das Probelokal ist das Internet

Sie treffen sich im Internet, um gemeinsam zu musizieren. Das Wiener Start-up Sofasession macht das Internet zum Probelokal und ermöglicht die Musikersuche via Plattform.

Musikgruppen treffen sichauf Sofasession, um zu proben, Bands können auf der Suche nach einem Drummer ein Online-Casting durchführen oder ein Sänger kann mit einem Pianisten Arien üben. In Echtzeit und ganz gleich, ob zwischen ihnen Hunderte Kilometer liegen, ob der Gitarrist in Berlin, der Drummer in London oder der Keyboarder in Wien sitzt.

Online-Casting

Sofasession funktioniert innerhalb eines 1500-Kilometer-Radius“, sagt CEO Helmut Herglotz. Zweieinhalb Jahre ist die Idee alt, die der Wiener gemeinsam mit seinem Studienkollegen Marian Tokar – passionierter Jazz- und Bluesmusiker - realisierte. Herglotz, Absolvent der WU und Hobby-Gitarrist, suchte eine Sängerin und durchforstete Stellenangebote im Internet. Doch alle Dienste, die im Web angeboten wurden, fand er „altbacken“. „Man weiß ja nicht, wenn man auf eine Anzeige antwortet, ob man tatsächlich zusammen passt“, sagt Herglotz im futurezone-Interview. „Daher kam uns die Idee einer Plattform, auf der man gleich eine Live-Probe durchführen kann.“ Diese wurde programmiert und eine Software entwickelt, die das möglich macht. „In Echtzeit werden übers Internet Audiodaten übertragen, was ortsunabhängiges, gemeinsames Musizieren möglich macht“, erklärt Tokar. „Bei diesem Online-Probespiel kommt gleich das Gefühl rüber, ob man harmoniert, ob die Erwartungen übereinstimmen.“

Das Team ist mittlerweile acht Mitglieder groß „und international“, sagen die beiden Gründer, die bei der derzeit in Frankfurt stattfindenden Musikmesse großes Interesse auslösen und eines der gefragtesten Musik-Start-ups sind. Mit einem Wettbewerb – ein Solo oder einen Groove in Blues, Funk oder Bossa Nova zu kreieren – wollen sie für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgen.

Mitte 2014 stellte man die erste Version von Sofasession vor, und weil die Softwarelösung deutlich schnellere Übertragungsraten als konventionelle Audiokonferenzsysteme beherrschen musste und dies den Entwicklern auch gelang, wurde das Wiener Start-up vom AWS gefördert. Die Austria Wirtschaftsservice GmbH unterstützte das Jungunternehmen im Rahmen des PreSeed Programms bei der Entwicklung und im Juni 2014 wurde sofasession auch in das akademische Inkubationsprogramm INiTS aufgenommen, wo es unter die Top 5 Startups der Runde kam.

Musiker zusammenbringen

„Unser Ziel ist in erster Linine Musiker zusammenbringen“, sagt Herglotz. Zweiter Effekt von Sofasession ist, dass sich die Musiker das Probelokal ersparen, denn bei Sofasession ist die Plattform das Probelokal. Voraussetzung: Breitband-Internet, denn die minimalste Verzögerung (Latenzzeit) darf 30 bis 50 Millisekunden betragen. Diesen Wert schaffen Internet-Leitungen allerdings nur innerhalb des besagten 1500-Kilometer-Radius. Theoretisch kann man zwar auch mit Musikern außerhalb dieser Distanz musizieren, allerdings ist die Verzögerung zu groß. Eine technische Möglichkeit, die Latenzzeit zu verringern bzw. auch Jam-Sessions über mehrere Kontinente hinweg mit Musikern aus Australien oder den USA zu machen, gibt es noch nicht. Das ist wie beim Online-Gaming, auch hier darf die Latenzzeit nicht zu groß sein, da man ansonsten Nachteile hat. Derzeit funktioniert sofasession nur als Audiostream, um die Audioqualität gewährleisten zu können. Video würde – aber das Problem kennen viele Skype-User – die Qualität mitunter verschlechtern.

So funktioniert sofasession

Man registriert sich und kann sich sofort auf die Suche nach dem passenden Musikerkollegen machen, ob Drummer, Bassist, Sopranistin oder Pianist. Für das Online-Musizieren, also Jam-Sessions, benötigt man eine Software, die man sich auf den Rechner ladet. Sucht man einen Drummer für die Band, so kann die Gruppe Bewerber zur Probe einladen, einen nach dem anderen testen und sich dann für jenen entscheiden, den sie zu einer persönlichen Probe einladen.

Sofasession setzt bewusst auf den Social Media-Aspekt, Hobbymusiker sollen sich über die Plattform kennenlernen. „Man kann anderen erzählen, welche Musik man mag, welches Instrument man spielt und kann ungezwungen miteinander musizieren“, erklärt Tokar. 1300 Mitglieder hat Sofasession derzeit. „Wir schätzen, dass es in Europa alleine rund 100 Millionen Menschen gibt, die ein Musikinstrument spielen. Diese Musiker wollen mit unserer Plattform ansprechen”, sagt Herglotz.

Die Zukunft

Die Basisversion von Sofasession ist kostenlos, die Gründer denken aber bereits intensiv nach, wie sie mit der Plattform Geld verdienen können. Angedacht ist eine Bezahlversion mit zusätzlichen Funktionen wie etwa mehr Speicherplatz und der Möglichkeit, Jamsessions zu speichern. Auch ein eigener Musikverlag ist denkbar, Online-Musikunterricht, ein eigenes Plattenlabel oder auch enge Kooperationen mit bekannten Plattenfirmen. Finanzielle Sorgen macht man sich beim Start-up keine. „Wir sind ein gutes Jahr ausfinanziert und werden eine Seed-Runde durchführen“, so die beiden Gründer. Interessenten habe man, „allerdings suchen wir keine reinen Finanzinvestoren, sondern Leute, die das Produkt weitertreiben.“