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Kritik Stratos: "Medien wurden in die Falle gelockt".

Foto: APA/RED BULL STRATOS/LUKE AIKINSbegrenzt verfügbar
Kaum ein Ereignis hat in den vergangenen Jahren medial in Europa und den USA so eingeschlagen wie der geglückte Stratos-Sprung des Extremsportlers Felix Baumgartner. Der Live-Stream auf YouTube brach mit über sieben Millionen Sehern alle Rekorde, das durch das mediale Überangebot unter Druck geratene Medium Fernsehen feierte mit Sensationsquoten ein Comeback. Doch nicht alle sahen das Medienspektakel nur positiv.

Vor allem der ORF musste sich angesichts der stundenlangen Übertragungen die Frage gefallen lassen, ob der öffentlich-rechtliche Auftrag mit der enormen Sendezeit zu rechtfertigen sei. Wiederholt wurde auch kritisiert, dass dem Projekt-Sponsor Red Bull hier praktisch eine Dauerwerbesendung auf öffentliche Kosten geschenkt wurde. Zumindest die Quote rund um den Stratos-Sprung gab dem ORF allerdings recht: Knapp 2,3 Millionen Zuseher und ein Marktanteil von 59 Prozent zwischen 20.10 und 20.15 war der höchste Wert seit dem ersten Interview mit Natascha Kampusch am 06. September 2006.

TV feiert Comeback

„Ein totgesagtes Medium kann dann ein Comeback feiern, wenn genau das Futter geliefert wird, das dazu passt. Und das war beim Stratos-Sprung der Fall“, erklärt Medienpsychologe Peter Vitouch im Gespräch mit der futurezone. „Die Dramaturgie war angesichts der wiederholten Anläufe perfekt, die Bilder waren großartig und der Live-Aspekt hat wesentlich zur Spannung beigetragen, da dadurch ein kleiner Aspekt der Unvorhersehbarkeit – geht beim Sprung wirklich alles gut? – eingebaut war. Dass man erst im Nachhinein von einer Reihe von zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen erfuhr, bestätigt ja nur die perfekte Inszenierung“, so Vitouch.

Stratos
Foto: rts

Dass die Medien und auch der öffentlich-rechtliche Sender ORF dem Projektsponsor Red Bull relativ unreflektiert eine derart große Bühne schenkte, sieht aber auch der Medienpsychologe nicht ganz unproblematisch. „In gewisser Weise hat hier eine PR-Abteilung einer großen Firma alle Medien mit Lockstoffen in eine Falle geführt, in die sie sich am Ende hineinbegeben mussten. In Wahrheit konnte sich gerade in Österreich kein Medium mehr leisten, nicht darüber zu berichten“, meint Vitouch.

ORF-Berichterstattung „fragwürdig“

Judith Denkmayr von der Agentur Digital Affairs findet im Gespräch mit der futurezone, dass die Aufbereitung und Länge der Berichterstattung im ORF zumindest fragwürdig war. „Der Sprung war beeindruckend und hochprofessionell inszeniert – keine Frage. Dass es aber gerechtfertigt ist, ein komplettes Programmschema wegen eines Live-Events rauszuwerfen, der in Wahrheit ein PR-Event war, kann mir aber niemand erklären“, so Denkmayr. Es sei verwunderlich, dass der ORF hier derart unkritisch eine Dauerwerbesendung von Red Bull über zehn Stunden lang sendete.

Für Vitouch war das Medienereignis gerade aus ORF-Sicht ein zweischneidiges Schwert. „Natürlich muss man hinterfragen, ob die Dauer der Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gerechtfertigt war. Andererseits: Hätte sich der ORF komplett aus der Sache ausgeklinkt und die Übertragung den Privaten überlassen, wäre er sicher dem Vorwurf ausgesetzt gewesen, völlig an der österreichischen Lebensrealität vorbei Programm zu machen und Quote liegen zu lassen“, ist Vitouch überzeugt.

epa03433289 A handout photograph released by Red Bull Stratos on 14 October 2012 showing Felix Baumgartner of Austria celebrating after successfully completing the final manned flight for Red Bull Stratos in Roswell, New Mexico, USA on 14 October 2012. R
Foto: EPA/BALAZS GARDI / RED BULL STRATOS /

Gelungener PR-Coup
Aus PR-Sicht fällt das Urteil von Agentur-Chefin Denkmayr wesentlich positiver aus: „ Red Bull hat die Strategie, tollen Fernseh-Content zu produzieren, der mit dem entsprechenden Branding dann günstig an TV-Stationen abgegeben wird, über die Jahre perfektioniert“. Beim Stratos-Sprung hätten alle Zutaten gepasst: „Es war die perfekte Geschichte mit einem Helden, der emotional eingebunden in seinem familiären Umfeld präsentiert wurde. Dazu kam die große Herausforderung bzw. der Rekordversuch, der mit Lebensgefahr gekoppelt wurde und sich schließlich auf einen Sprung und wenige Minuten zuspitzte.“

Wenngleich ein derartiges Event sich mit der damit verbundenen medialen Aufmerksamkeit kaum leicht wiederholen lasse, könnten Agenturen, aber auch Unternehmen von dem Ereignis viel lernen. „Mehr denn je geht es heute darum, Geschichten zu erzählen, die nicht nur auf Fakten aufbauen, sondern stark auch Emotionen beinhalten. Damit kann die Botschaft eines Unternehmens weitaus besser vermittelt werden, als über klassische Werbeformen“, sagt Denkmayr.

Live als Chance für Fernsehen

Dass das Medium Fernsehen noch lange nicht tot ist und im Gegenteil von neuen Medienformen wie soziale Netzwerke und Online-Streaming profitieren kann, steht dabei für die Social-Media-Expertin Denkmayr außer Frage. „Nach all den Jahren der vorkalkulierbaren Programme hat man am Sonntag  wieder einmal gesehen, dass Live-Sendungen am besten ziehen. Der soziale Aspekt dieses Fernsehereignisses war beeindruckend, die Kommunikation darüber war offline und online enorm“, so Denkmayr.

Auch Medienpsychologe Vitouch sieht sich angesichts der Fernsehbegeisterung rund um den Stratos-Sprung einmal mehr darin bestätigt, dass das Fernsehen, ebenso wie Print-Zeitungen nicht sterben werden. „Wie man bei diesem medialen Ereignis gesehen hat, verhalten sich die neuen Medienangebote komplementär. Man schaltet zwischen Fernsehen, Facebook, Twitter und Online-Streaming hin und her. Wenn es wie am Sonntag Hand in Hand geht, profitieren am Ende schließlich alle Medien davon“, ist Vitouch im futurezone-Gespräch überzeugt.

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(futurezone) Erstellt am 15.10.2012, 14:30

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