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Wissenschaft & Blödsinn Der gesunde Griff ins Klo.

Foto: Martin Gerten, dpa
Urin soll gegen praktisch alle Krankheiten helfen – getrunken, injiziert oder als Badezusatz. Mit Wissenschaft hat das allerdings nichts zu tun.

Wertvolle Medizin wird täglich ungenutzt im Kanal entsorgt. Durch unsere Abwasserrohre sprudeln streng riechende Gesundheitselixiere. Das ist zumindest die Meinung von Urintherapie-Fans, die von der Hautunreinheit bis hin zu Krebs so ziemlich jedes gesundheitliche Leiden mit Urin heilen wollen.

Frisch gepisst ist halb genesen! Lang ist mittlerweile die Liste der Bücher über die heilende Kraft des Urins. Im deutschen Sprachraum trug die Journalistin Carmen Thomas in den Neunzigerjahren mit ihrem Buch „Ein ganz besonderer Saft“ zur Popularisierung der biologischen Eigenbau-Medizin bei. Andere Autoren schlossen sich an, jubelten über das „Wasser des Lebens“ oder die Kraft der „Goldenen Fontäne“. Wenn man Urin vor dem Trinken abkocht, dann wird er zu „Superharn“, auch „Shiva-Wasser“ genannt, und hat dann sogar noch bessere Wunderkräfte.  Bis heute gibt es erstaunlich viele Leute, die an die Wirksamkeit der Urintherapie glauben. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das zwar Unsinn, doch das hat noch selten eine alternativmedizinische Methode am Erfolg gehindert.

Urin kann nicht nur getrunken werden, man kann ihn laut Urintherapie-Literatur auch in die Augen träufeln oder damit gurgeln. Normalerweise wird empfohlen, den eigenen Urin zu verwenden, aber das ist nicht zwingend nötig. In antiken Quellen kann man nachlesen, dass der Urin unschuldiger Knaben gegen Atemnot helfen soll, auch Hunde, Ziegen und Esel lassen sich angeblich als sprudelnde Quelle der Medizin nutzen.

Das wirklich Großartige an der Urintherapie ist: Sie wirkt gegen praktisch alle Krankheiten, daher ist eine medizinische Diagnose eigentlich unnötig. Egal, woran Sie leiden – nehmen Sie einen Trinkbecher mit aufs Klo und trinken Sie regelmäßig einen kräftigen Schluck, dann wird alles wieder gut.

Pfui!

Die erste Reaktion auf Urintherapie ist Ekel. Das mag berechtigt sein, doch Ekel ist kein wissenschaftlich sauberes Argument. Auch vor Maden und Würmern ekelt uns, und trotzdem spricht nichts dagegen, sie als wertvolle, gesunde Proteinquelle zu betrachten und zu einem saftigen Maden-Burger zu verarbeiten. Und vielleicht ist in unserer hygiene-begeisterten Welt ein etwas entspannterer Umgang mit Körperflüssigkeiten sogar wirklich sinnvoll? Man muss sich die Sache also genauer ansehen.

Bei gesunden Menschen ist Urin tatsächlich beinahe steril, er ist also nicht unbedingt gefährlich. Das heißt aber noch lange nicht, dass er gesundheitsfördernd ist. Das Team von Medizin-transparent.at (Cochrane Österreich) hat die wissenschaftliche Faktenlage analysiert und stellte fest: „Es gibt keinen Wirksamkeitsnachweis gegen irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden, zwei kleine Studien mit Harnstoff sprechen gegen eine Wirksamkeit bei Krebs.“

Urintherapie ist nichts als eine originelle Idee, seltsame Bücher zu verkaufen, gesund wird man davon nicht. Es wäre auch äußerst verwunderlich und unlogisch, wenn unser Körper mit großem Aufwand Stoffe filtern und loswerden würde, die er in Wahrheit bräuchte um gesund zu werden. Richtig gefährlich wird Urintherapie bei Harnwegsinfektionen, und wie bei jeder alternativmedizinischen Methode besteht die Gefahr, eine Krankheit zu verschlimmern, weil man auf echte Therapie verzichtet.

Verschwörung!

Doch wer weiß – vielleicht sitzen wir hier einer finsteren Verschwörung auf? Vielleicht stecken die wissenschaftliche Medizin und die Cochrane Collaboration mit der Pharmaindustrie unter einer Decke, und man will uns gezielt vom uralten Erfahrungswissen über die Urintherapie fernhalten?

Hat sich schon mal jemand überlegt, warum bei Großveranstaltungen mobile Toilettenanlagen aufgestellt werden, die man gratis nutzen kann? Vielleicht um aus unseren gesammelten Hinterlassenschaften goldstrahlenden Profit zu schlagen? Wir erinnern uns doch alle an den verdächtigen Gelbschimmer im Kleinkinderschwimmbecken – und trotzdem ist die Kindersterblichkeit bei uns äußerst gering. Vielleicht gerade deshalb? Wie lange wird es noch dauern, bis der Staat das finanzielle Potenzial nutzt, das sich aus einer Urin-Steuer ergäbe? Wenn man für jeden Toilettenbesuch den für Pharmaprodukte üblichen Steuertarif einheben würde – die Staatsfinanzen wären saniert!

Fans der Urintherapie sollten daher vielleicht jetzt schon beginnen, ihre Eigenproduktions-Medikamente in großen Kanistern zu sammeln. Wer weiß, wozu man das eines Tages noch brauchen kann. Ich persönlich bleibe lieber bei Leitungswasser, das ist schließlich nichts anderes als eine homöopathisch potenzierte Urin-Verdünnung. Das ist also vermutlich sogar noch gesünder. Prost!

 

Webtipp: Auf http://www.medizin-transparent.at findet man wissenschaftlich fundierte Antworten auf viele interessante Gesundheitsfragen. Behauptungen über Behandlungsmethoden oder Gesundheitsgefahren kann man dort einschicken, der Wahrheitsgehalt der Aussagen wird dann anhand der heute verfügbaren wissenschaftlichen Literatur geprüft.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 11.08.2015, 06:00

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