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Debatte Anonymität: "Technischer Schutz der Privatsphäre".

Foto: Gregor Gruber
Sowohl Befürworter als auch Gegner von Pseudonymen im Internet melden sich dieser Tage vermehrt zu Wort. Während Wirtschaft und Politik auf eine Abschaffung der Online-Anonymität drängen, fürchten Aktivisten und Randgruppen um ihre Sicherheit. Was übersehen wird: Es gibt bereits ein funktionierendes Modell, das beide Seiten zufriedenstellen könnte.

Es musste ausgerechnet ein Schauspieler, den die meisten nur als „Captain Kirk“ kennen, der die Diskussion um Online-Identität neu entfacht hat: Nachdem Google das Profil von William Shatner aus dem neuen Online-Netzwerk Google+ löschte, brach in den USA eine Grundsatzdebatte um die Online-Identität aus. Shatner war der Prominenteste unter jenen Nutzern, deren Profile aufgrund der Namensgebung für gefälscht gehalten und deswegen von Google+ verbannt wurden. Für Nutzer mit Pseudonymen hat man keinen Platz – gewünscht sind echte Namen, unter denen Menschen auch offline bekannt sind.

Dieser Entwicklung gegenüber steht die immer stärker werdende Hacker-Bewegung "Anonymous", die genau das Gegenteil möchte und Aktivismus mit Maskerade paart. Gipfeln könnte die Auseinandersetzung am 5. November - da plant Anonymous nämlich einen Großangriff auf Facebook, der in einem Online-Video angekündigt wurde.

Politischer Druck
In Europa wurde die Klarnamen-Debatte durch die Attentate in Norwegen angefacht. So holte sich der bekennende Massenmörder Anders Breivik Inspiration bei dem rechtsradikalen Blogger Peder Nøstvold Jensen, der online unter dem Decknamen “Fjordman” agierte (er hat sein Pseudonym mittlerweile fallengelassen). Der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) forderte in Folge ein Ende der Anonymität im Internet. Denn dort würden politisch motivierte Täter wie Breivik jede Menge “radikalisierter Thesen” finden und sich nur mehr in dieser “geistigen Sauce” bewegen. “Normalerweise stehen Menschen mit ihrem Namen für etwas ein. Warum nicht auch ganz selbstverständlich im Internet?”, so Friedrich.

Wirtschaftliche Interessen

Der Druck, dass die Anonymität im Internet abgeschafft wird, steigt insgesamt. Dabei ist aber nicht die Politik, sondern vor allem die Wirtschaft die treibende Kraft. Immer größere Teile des Internet drängen auf Klarnamen. Bei Facebook sind offiziellen Zahlen zufolge weltweit mehr als 750 Millionen Menschen angemeldet, und Google hat mehr als eine Milliarde Nutzer, die potenzielle Mitglieder seines Online-Netzwerks Google+ sind. Allein die beiden US-Unternehmen konfrontieren so künftig mehr als  die Hälfte aller Internetnutzer (derzeit rund zwei Milliarden) mit der Frage nach ihren echten Namen. Dass die beiden Internet-Unternehmen damit etwa das Problem von anonymen Beschimpfungen in Foren lösen wollen, ist nur ein vorgeschobenes Argument. Tatsächlich geht es ihnen um die genaueren Daten. Google und Facebook machen mehr als 90 Prozent ihres Umsatzes mit Online-Werbung - und diese lässt sich nur verkaufen, wenn die Werber echte Personen und nicht fiktive Online-Identitäten ansprechen können.

Gegner

„Ich glaube, dass sich Menschen hinter der Anonymität verstecken und dann denken, sie können hinter verschlossenen Türen alles tun und sagen“, sagt Randi Zuckerberg, die Schwester des Facebook-Gründers Mark und bis vor kurzem hochrangige Managerin des Online-Netzwerks. Sie plädiert gemäß Firmenpolitik dafür, dass “Anonymität aus dem Internet verschwinden muss”. Auch Facebook-Managerin Tina Kulow bekräftigt die Klarnamen-Regelung gegenüber der futurezone: “Facebook ist für viele Menschen eine vertrauensvolle Plattform, weil wir auf Echtnamen bestehen. Wenn ich etwas anonym machen möchte, gibt es dafür andere Möglichkeiten.”

Die Annahme, dass echte Identitäten für einen besseren Umgangston zwischen den Nutzern sorgt, ist aber längst nicht bewiesen. Cybermobbing auf Facebook ist nach wie vor ein ernst zu nehmendes Problem. Auch konnte die Klarnamen-Politik die mehr als fragwürdigen Äußerungen des FPÖ-Abgeordneten Königshofer nicht verhindern, wegen denen er aus der Partei geworfen wurde. Dabei wird die Echtnamen-Kontrolle nur halbherzig durchgeführt: Studien zufolge (z.B. von Ambuzzador) haben sich etwa zehn Prozent der Nutzer in Österreich eine falsche Identität zugelegt oder sind mit Fantasienamen vertreten. Auch bei Google+ gibt es nach wie vor Accounts von Firmen, Medien und unter Preudonym.

Befürworter
“Provokateure, die in Gruppen für Unruhe sorgen, sind kein Phänomen sozialer Netzwerke. Diskussionsforen leben ja gerade von solchen, oft künstlichen Diskussionen”, sagt Georg Markus Kainz von der Wiener Datenschutz-Initiative quintessenz. Menschen würden sich online wie offline in unterschiedlichen Gruppen bewegen, und diese Gruppen sollte man nicht vermischen - etwa Lehrer und Schüler. “Pseudonyme, Nicknames und Avatare sind die einzige Möglichkeit, sich in
unterschiedlichen Gruppen frei bewegen zu können”, so Kainz. Insofern sei “Anonymität ein technischer Schutz der Privatsphäre im Internetzeitalter.”

“Für Menschen, die in Diktaturen leben, stellt es ein Risiko dar, wenn sie im Netz identifiziert werden können”, schreibt Jillian York von der US-Internet-Bürgerrechts-Initiative “Electronic Frontier Foundation” in einem Kommentar auf Zeit.de. Sie würden riskieren, wegen ihrer politischen Meinung, sexuellen Orientierung oder religiösen Überzeugungen so leichter verfolgt werden zu können. Die US-Wissenschaftlerin Danah Boyd sieht in dem Klarnamen-Zwang durch Google+ und Facebook schließlich einen “Missbrauch von Macht”. “Man garantiert keine Sicherheit, indem man Menschen davon abhält, Pseudonyme zu benutzen. Aber man schränkt die Sicherheit von Menschen ein, wenn man es tut”, schreibt sie in einem Kommentar auf Spiegel Online.

Dabei ist Anonymität im Netz oft ein trügerischer Schutz: So wurden bereits Mitglieder des Hacker-Kollektivs Anonymous oder Netzaktivisten im Iran ausgeforscht und verhaftet. Laut einem BBC-Bericht ist es Forschern zudem gelungen, Personen anhand der Aktionen ihrer Online-Avatare bei “Second Life” eindeutig zu identifizieren.

Mittelweg
In der Debatte um Für und Wider wird derweil übersehen, dass es bereits ein funktionierendes Modell gibt, das sowohl echte Identität als auch Anonymität erlaubt: Twitter. Denn zwar bittet der Kurznachrichten-Dienst neue Nutzer den echten Namen anzugeben, “damit Freunde und Bekannte Dich finden können”, verpflichtend ist das aber nicht. So können Personen wie ORF-Moderator @ArminWolf genauso glaubhaft ein Twitter-Profil betreiben wie die Hacker von @AnonAustria. Auch weltweit können sich Wirtschaft (@Google), Politik (@BarackObama) und Aktivisten (@aiww) auf das Modell einigen und nutzen es aktiv.

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(futurezone) Erstellt am 09.08.2011, 07:30

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