Meinung

Sich dumm fühlen ist gut!

Albert Einstein war verzweifelt. Seit Jahren kämpfte er bereits mit den abartig komplizierten Formeln der Gravitation, aber die Mathematik, die er dafür benötigte, war einfach zu schwierig „Du musst mir helfen, sonst werde ich verrückt!“ schrieb er an seinen Freund Marcel Grossmann. Und tatsächlich: Grossmann half.

Einstein war damals schon einer der berühmtesten Physiker der Welt. Er galt als hochbegabtes Genie, als fachliche Autorität. Er hätte sich einfach mit selbstgefälliger Überheblichkeit auf den Standpunkt zurückziehen können: „Wenn ich das nicht verstehe, dann versteht es ohnehin keiner!“ Doch das tat er nicht. Das Ohnmachtsgefühl, eine Aufgabe nicht lösen zu können, versuchte er nicht zu vermeiden, sondern er führte es gezielt herbei. Genau in diese Aufgabe vergrub er sich. Er war nicht zu stolz, um seine Überforderung einzugestehen und sich Hilfe zu suchen. Und genau deshalb entstand die Allgemeine Relativitätstheorie. Aus Einsteins Gefühl, nicht klug genug zu sein, wurde der größte Triumph seines Lebens.

Überfordern wir uns!

Niemand fühlt sich gerne dumm. Doch in der Wissenschaft ist diese Erfahrung unvermeidlich: Ständig bekommt man es mit Aufgaben zu tun, die auf den ersten Blick unlösbar erscheinen. Egal wie schlau man ist, manchmal hört man einen Fachvortrag, bei dem man kein Wort versteht. Daneben sitzt aber jemand, der verständnisvoll nickt. Oder man liest einen Fachartikel, mit hirnverbiegend komplizierten Formeln, die man trotz größter Anstrengung nicht nachvollziehen kann. Aber jemand anderer hat diese Formeln hergeleitet. Ein Verstehen wäre also prinzipiell möglich.

Die eigenen geistigen Grenzen mit voller Unerbittlichkeit aufgezeigt zu bekommen ist nicht unbedingt angenehm, aber es ist wichtig. Vielleicht ist es ein entscheidender Schritt für die Persönlichkeitsentwicklung: Es ist ein gutes Mittel gegen die eigene Überheblichkeit. Man wird daran erinnert, nicht unfehlbar zu sein. Ein Blick auf überlegene Fähigkeiten anderer zeigt uns, wo wir uns noch verbessern können. Und wir lernen, dass man manchmal einfach andere Menschen um Hilfe bitten muss.

“A very stable genius”

Manche Leute scheinen solchen Erfahrungen aber sehr konsequent aus dem Weg zu gehen. Bei gewissen Ex-US-Präsidenten oder raketenproduzierenden Milliardären scheint dieses Bewusstsein der eigenen Beschränktheit leider zu fehlen. Und das ist ein Problem: Wenn man sich nur noch mit Menschen umgibt, von denen man für genial und großartig erklärt wird und man nie mehr Unterlegenheit spürt – wie soll man dann besser und klüger werden?

Ein Tennisspieler, der nie gegen einen haushoch überlegenen Gegner antritt, wird kein guter Tennisspieler werden. Eine Hochspringerin, die sich niemals die Latte viel zu hoch legen lässt, kann keine gute Hochspringerin werden. Und wer sich nie an geistige Aufgaben heranwagt, die ihn völlig überfordern, kann kein richtig kluger Mensch sein.

Überforderung als Abenteuer

Leider erleben wir Überforderung meistens anders als Albert Einstein: Vielleicht erinnern wir uns an Mathematik-Schularbeiten, bei denen wir uns ziemlich dumm vorgekommen sind – das hat sich dann am Ende nicht immer in Triumph aufgelöst. Wir trainieren uns auf ein Idealziel der Fehlerlosigkeit hin, das man nur erreichen kann, wenn man kein Risiko eingeht. Scheitern ist schambesetzt. Es ist gesellschaftlich nicht erlaubt, man gibt es nicht gerne zu, man versucht es zu vermeiden.

Das ist schade. Wir sollten das Erkennen der eigenen Beschränktheit feiern. Schon in der Schule sollte man vermittelt bekommen: Wenn dir die Aufgabe eine Nummer zu groß ist, dann ist das nicht schlimm. Vielleicht brauchst du Hilfe, vielleicht musst du die Aufgabe in kleinere Teile zerlegen, vielleicht musst du erst einfachere Aufgaben lösen, damit du übernächste Woche auch mit dieser Aufgabe zurechtkommst.

Und selbst wenn man tatsächlich keine Lösung findet, kann man zumindest das Problem bewundern. Schon dadurch lernen wir wichtige Dinge: Wir sehen, welche Fragen sich überhaupt stellen lassen, zu welchen beeindruckenden Gedanken andere Leute fähig sind, und in welche Richtung wir uns selbst weiterentwickeln können – weil es in dieser Richtung offenbar noch spannende Möglichkeiten zu entdecken gibt.

Und alleine dadurch ist man schon mal klüger, als jene Leute, die sich für perfekt und unfehlbar halten.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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