Netzpolitik

E-Control: Energieversorger "zu blöd" für Smart Meter?

E-Control-Vorstand Walter Boltz dürfte es sich mit den Netzbetreibern sowie Kritikern von intelligenten Stromzählern (Smart Metern) mit seinen jüngsten Aussagen in einem Interview mit der Austrian Presse Agentur (APA) wohl gründlich verscherzt haben. „Ich hoffe, dass wir nicht die blödesten Netzbetreiber haben“, sagte Boltz etwa auf die Frage, durch welche Szenarien der Stromverbrauch durch die Einführung von intelligenten Stromzählern steigen könnte. Wenn man Informationen von den einzelnen Messgeräten einzeln übermitteln würde, würde der Stromverbrauch acht bis zehn Prozent steigen. Bei der Benutzung bestehender Glasfaserkabeln sei allerdings kein zusätzlicher Stromverbrauch durch die neuen Zähler messbar. Josef Witke, Bundesinnungsmeister der Elektrotechniker, rechnete am Montag vor, dass die angeblich „intelligenten“ Zähler so viel Strom verbrauchen wie alle 50.106 Klagenfurter Haushalte zusammen.

Entwicklung "verschlafen"

Boltz behauptet zudem, dass die Netzbetreiber die Entwicklung rund um Smart Meter „verschlafen“ hätten und es eine allgemeine Technologiefeindlichkeit im Land gebe. Es sei „kommoder nichts zu tun“ und die wirtschaftliche Lage der Branche sei „nicht so super“, sodass auch wenig Bereitschaft bestehe, ins Netz zu investieren. Er sehe durchaus die Probleme, es sei aber „nicht OK“, statt mehr Zeit zu verlangen, die Einführung per se in Frage zu stellen. In Italien seien problemlos in zwei Jahren 18 Millionen Smart Meter ausgerollt worden „und so viel blöder sind wir doch wohl nicht“, meint Boltz.

Im Gegenteil, könnte man meinen. Zur Einführung der Smart Meter in Italien lässt sich nämlich auf jeden Fall Folgendes sagen: Das Council of European Energy Regulators (CEER) hat in einem Bericht festgehalten, dass Italien die schlauen Zähler derzeit vor allem dazu einsetzen soll, säumigen Kunden den Strom abzudrehen. „Das volle Potenzial durch die neue Messtechnik wird in Italien derzeit nicht ausgeschöpft“, so die CEER.

"Überteuerte Regelungen"

Die E-Wirtschaft weist die Vorwürfe von Boltz außerdem vehement zurück. „Dass Österreichs Netzbetreiber die Entwicklung verschlafen hätten, davon kann überhaupt nicht die Rede sein“, antwortete Barbara Schmidt von Österreich Energie. Eher müsse sich die E-Control vorwerfen lassen, Regelungen erzwingen zu wollen, die nicht abgesichert und überteuert seien. „Statt über die Diskussion drüberfahren zu wollen, sollte der Regulator die Argumente der Branche ernsthaft diskutieren und bei der Suche nach Lösungen Kompromissfähigkeit im Sinne der europäischen Normen zeigen“, so Schmidt.

Gegen die Einführung der neuen Stromzähler gibt es seitens zahlreicher Branchen-Insider nämlich seit längerem heftigen Widerstand wegen Datenschutzbedenken und diverse Rechtsunsicherheiten. Die im Juli 2013 im Gesetz verankerte „Opt-Out“-Möglichkeit sorgt bei den Energieversorgern für große Verunsicherung, weil sie gleichzeitig eine Roll-Out-Rate von 95 Prozent zu erfüllen haben. „Es bringt niemand weiter, wenn die zuständige Behörde über Technologiefeindlichkeit lamentiert und Netzbetreiber als potenziell blöd bezeichnet“, sagte Schmidt von Österreich Energie.

"Panikmache wegen gar nichts"

Zu den Datenschutzbedenken, die auch zahlreiche Kritiker in der Bevölkerung auf den Plan gerufen haben, äußerte sich Boltz folgendermaßen: „Panikmache wegen gar nichts“. Zwar sei es richtig, dass bei sekundengenauer Ablesung im Extremfall nachweisbar wäre, welcher Film im TV geschaut wurde. In Österreich würden die Daten aber nicht in Sekunden-Intervallen, sondern „nur alle Viertelstunden“ abgelesen und aus diesen Daten lasse sich nichts mehr nachweisen. Das mag zwar „potenziell richtig“ sein, dennoch gibt es in Brüssel kaum ohne Grund eine eigene Expertengruppe rund um das Thema „Privatsphäre und Datensicherheit in Smart Grids“.

Für den Datenschutz-Experten Andreas Krisch ist eine Auswertung der Daten in 15-Minuten-Intervallen keinesfalls „zu unregelmäßig“, um Rückschlüsse auf das Verbrauchsverhalten zu ziehen. „Im Gegenteil muss man dabei berücksichtigen, dass die Auswertung von Lastprofilen noch eine vergleichsweise junge Disziplin ist", sagte Krisch bereits vor längerem im futurezone-Interview. Mit weiterer Verbreitung von Smart Metern werde es hier Fortschritte geben, wenn etwa Lastprofile bereits aus früheren Auswertungen bekannt sind und die Identifizierung einzelner Haushaltsgeräte dadurch noch deutlicher erreicht werde.

Klicken Sie hier für die Newsletteranmeldung

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Vortragende. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

mehr lesen