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A1 Smart N9 im Test: Geschenkt ist noch zu teuer

Sei es nun Porsche, Marshall, Caterpillar, Land Rover, Energizer oder Lamborghini: Mittlerweile gehen unzählige Unternehmen unter die Smartphone-Hersteller. Kein Wunder, der Aufwand ist vergleichsweise gering. Man muss sich lediglich einen beliebigen ODM (Original Design Manufacturer) auswählen, ein vorgefertigtes Smartphone mit dem eigenen Branding versehen und das Gerät auf den Markt werfen.

Von diesem Trend blieb man bislang in Österreich verschont - bis jetzt. Der Mobilfunker A1 kündigte mit dem Smart N9 das erste “eigene Smartphone” an. Tatsächlich handelt es sich um ein Gerät von A1-Partner Vodafone, der seine Smart-Reihe bereits seit einer Weile in Deutschland und Großbritannien anbietet. Dabei handelt es sich um günstige Einsteiger-Smartphones, die meist in China gebaut werden - manchmal von Coolpad-Tochter Yulong, gelegentlich aber auch von Alcatel-Hersteller TCL - und vom Mobilfunker mit Software-Updates versorgt werden. Auch A1 verspricht beim Smart N9 zeitnahe Updates und ein Smartphone frei von lästiger Bloatware.

Doch während Vodafone seine Geräte in Deutschland und Großbritannien frei anbietet, muss man hierzulande einen Vertrag abschließen, um an das A1-Smartphone zu kommen. Eine lohnende Investition? Die futurezone hat die österreichisch-britische Koproduktion getestet.

Besser aus der Ferne betrachtet

Optisch erinnert das Smart N9 an Motorolas Moto G-Serie. Während der Rahmen links und rechts neben dem Bildschirm mit je drei Millimeter recht dünn gehalten werden konnte, verraten die knapp einen Zentimeter dicken Balken über und unter des Bildschirms, dass es sich um ein eher günstigeres Modell handelt. Auf Hardware-Tasten wird, abseits von Power-Taste und Lautstärkewippe an der rechten Seite, verzichtet. Daher geht ein Teil des 5,5-Zoll-Bildschirms an die eingeblendeten Soft Keys verloren.

Während man beim Rahmen auf geriffeltes Metall setzt, ist die Rückseite mit einem glatten Kunststoff versehen. Dieser soll mit einer silberfarbenen Lackierung den Eindruck erwecken, dass es sich ebenfalls um Metall handelt. Optisch mag das gelingen, doch spätestens nach der ersten Berührung weiß man, dass hier Kunststoff zum Einsatz kommt. Die Verarbeitung ist gut, der Übergang zwischen Metallrahmen und der nicht abnehmbaren Rückseite ist nahtlos. Diese gibt lediglich unter starkem Druck leicht nach, das dicht gepackte Innere gibt aber ohnedies nicht viel Spielraum.

Die glatte Oberfläche ist alles andere als kratzfest und erwies sich im Test auch als wahrer Fingerabdruck-Magnet, was auch die mitgelieferte Schutzhülle erklären dürfte. Diese bietet zumindest - wie unfreiwillig erprobt wurde - guten Schutz vor dem Fall aus niedrigen Höhen. Über eine IP-Zertifizierung, die das Smartphone vor Wasser oder Staub schützen würden, verfügt das Smartphone nicht. Die Front wird aber von Dragontrail-Glas geschützt, die etwas günstigere Alternative zu Cornings Gorilla Glass. Diese verhinderte zumindest beim Transport in Rucksack und Hosentasche Kratzer, weist aber auch einen unangenehmen Widerstand beim Wischen auf. Auf der Oberfläche sammelten sich besonders rasch Fettschmierer, sodass das Smartphone bereits einem Bildschirm eines besonders rege frequentierten Bankomaten glich. Daher ist eine Schutzfolie, die das Smartphone vor Fingerabdrücken schützt, durchaus empfehlenswert.

Das Smartphone setzt auf einen 18:9-Bildschirm, weswegen es trotz der relativ großen Bildschirmdiagonale (5,5 Zoll) mit 68,8 Millimeter relativ schmal ist. So ließ es sich im Test problemlos mit einer Hand bedienen, auch die obere Bildschirmhälfte ist gut mit dem Daumen erreichbar. Auch der Fingerabdrucksensor auf der Rückseite ließ sich gut mit dem Zeigefinger erreichen und erkannte diesen meist zuverlässig.

Beim Bildschirm setzt man auf ein 5,5 Zoll großes IPS-LC-Panel, das mit 1440 mal 720 Pixel auflöst. Die Auflösung ist mehr als ausreichend, um Bilder scharf darzustellen, einzelne Pixel lassen sich nicht mit dem freien Auge erkennen. Auch die Helligkeit fiel überraschend gut aus, auch an besonders hellen Tagen konnte der Bildschirminhalt noch gut abgelesen werden. Umso stärker fiel jedoch der Kontrast aus, wenn man das Gerät neigte. Bereits leicht zur Seite gekippt erscheint der Bildschirm nur mehr halb so hell wie zuvor, aus besonders steilen Winkeln ist der Bildschirminhalt nur mehr teilweise erkennbar. Eine Farbverfälschung ließ sich nicht erkennen, der Bildschirm neigte aber eher zu kalten Farben. Im Gegensatz zu anderen Herstellern ist es leider nicht möglich, die Farbtemperatur in den Einstellungen anzupassen.

Schneckentempo

Das wohl größte Manko des Smart N9 ist dessen SoC (System on a Chip). Der Mediatek MT6739 ist ein Einsteiger-Chip aus dem Vorjahr, der vorwiegend in Budget-Smartphones, wie dem HTC Desire 12, dem Alcatel 3 oder Huaweis Y5 Prime, zum Einsatz kam. Die vier verbauten CPU-Kerne nach Cortex-A53-Architektur sind mit je 1,28 GHz getaktet und bekommen zwei Gigabyte an Arbeitsspeicher zur Seite gestellt. Damit ließe sich theoretisch arbeiten, im Test kam das Smartphone aber des Öfteren ins Stottern.

Die ersten Probleme zeigten sich bereits in den Benchmarks. Obwohl die verbaute GPU und das installierte Android 8.1 Vulkan unterstützen, konnte 3DMark nur mit OpenGL ausgeführt werden. Die Ergebnisse waren mehr als ernüchternd: Magere 81 Punkte kamen in mehreren Durchläufen zusammen. Üblicherweise erreichen hier bereits Mittelklasse-Geräte vierstellige Ergebnisse. Wirft man einen Blick auf die technischen Daten der verbauten GPU, der knapp eineinhalb Jahre alten PowerVR GE8100, überrascht das nicht. 

Mit einer Füllrate von rund 0,5 Gigapixel pro Sekunde erreicht man das Leistungsniveau des mittlerweile fast acht Jahre alten Adreno 220. Auch in anderen GPU-lastigen Benchmarks zeigte sich ein ähnliches Bild. BaseMark war geradezu rekordverdächtig langsam und erzielte in einem mehrstündigen Durchlauf magere 28 Punkte. An 3D-Spiele war nicht zu denken. PUBG Mobile ließ sich beispielsweise zwar starten, doch selbst auf den niedrigsten Grafikeinstellungen verkam das Spiel zum Daumenkino - das zudem nicht einmal die Spielermodelle anzeigte, sondern lediglich deren Haare.

Während derartige Benchmarks meist kaum Aussagekraft für den Alltag haben, sieht das beim Smart N9 anders aus. Die Leistung des Smartphones brach des Öfteren dermaßen stark ein, dass selbst vermeintlich einfache Aufgaben, wie das Öffnen einer App, Scrollen im Browser oder das Herunterziehen der Benachrichtigungsleiste mit starkem Ruckeln verbunden waren. Obwohl diese Einbrüche lediglich sporadisch auftraten, hinterließen sie einen fahlen Beigeschmack und erschwerten die Bedienung. Das rasche Navigieren durch eine App wird so stark erschwert, denn ein falscher, intuitiver Tastendruck könnte bereits eine unerwünschte Aktion auslösen. Eine problematische Drittanbieter-App konnte als Verursacher ausgeschlossen werden, denn die Probleme traten auch auf, wenn das Smartphone im Werkszustand benutzt wurde.

3DMark (Sling Shot Extreme, v2.0.4580 - OpenGL): 81 Punkte
PCMark (v2.0): 2861 Punkte
AnTuTu (v7.0.9): 37.968 Punkte
AndroBench 5 (sequenzielles Lesen/Schreiben): 241,15/47,66 MB/s
BaseMark ES 3.1 (v1.0.7): 28 Punkte
GeekBench (v4.2, Single-Core/Multi-Core): 580/1651 Punkte

Eine weitere Enttäuschung: Der Speicher. Von den 16 Gigabyte an internem Speicher lassen sich lediglich 7,7 Gigabyte frei nutzen. Hier dürfte wohl veralteter eMMC-5.0-Speicher zum Einsatz kommen. Denn während die Lesegeschwindigkeit mit rund 240 MB/s solide ausfiel, konnte beim sequenziellen Schreiben die Marke von 50 MB/s nie geknackt werden. Selbst günstige microSD-Karten können hier mehr Bandbreite bieten. Offiziell werden laut Hersteller bis zu 32 Gigabyte an Zusatzspeicher unterstützt. Der Arbeitsspeicher erwies sich kurioserweise fast nie als Flaschenhals, auch wenn das Betriebssystem und damit verknüpfte Google-Apps meist die Hälfte davon belegten. 

Ein kleiner Silberstreif am Horizont: Das Modem des SoC unterstützt LTE-Cat4 und somit Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 150 Mbit/s. Die Videowiedergabe war ebenfalls mit Full-HD-Qualität problemlos möglich, bei 4K-Videos ging der Chip jedoch in die Knie. Der Lautsprecher verrichtet seine Arbeit jedoch gut, die Wiedergabe ist klar und überraschend laut möglich.

Obwohl die niedrig getakteten CPU-Kerne relativ wenig Energie benötigen, war die Akkulaufzeit des Smart N9 eher durchschnittlich. Das Smartphone hielt mit einer Akkuladung rund einen Tag problemlos durch, spätestens am nächsten Morgen sollte es jedoch an das Netzteil angeschlossen werden. Schnellladen wird nicht unterstützt, der 2900-mAh-Akku ist in etwas mehr als zwei Stunden vollständig gefüllt. 

Pures Android

Laut A1 sei man an der Anpassung der Software beteiligt gewesen. Im Test konnten aber fast keinerlei Anpassungen entdeckt werden: Es handelt sich einfach um ein fast unverändertes Android 8.1. Das Positive daran: Es sind nur eine Handvoll Apps installiert, wobei es sich ausschließlich um Google-Apps handelt. Die Auswahl ist beschränkt, aber so wird der Nutzer zumindest nicht mit einer Flut an unnötigen Apps überfordert. Wie bei Samsung und Huawei wurde ein “Smart Manager” in die Einstellungen integriert, in dem Energiesparmodi, Speicherverbrauch und Hintergrundaktivitäten von Apps verwaltet werden können.

Da es sich um eine nahezu unveränderte Version von Android handelt, dürfte es für A1 tatsächlich relativ einfach möglich sein, Updates an den Nutzer weiterzugeben. Auch bei den Sicherheitsupdates ist man mit dem Juni-Update relativ aktuell unterwegs. Dennoch ist unklar, ob das auch langfristig so bleiben wird, zu konkreten Aussagen ließ man sich auch auf Anfrage nicht hinreißen. 

Zumindest bei der Kamera-App verzichtet man offenbar auf eine Google-Lösung, Das macht unter anderem der rudimentäre, aber dennoch praktische manuelle Modus deutlich. Dort können ISO-Wert (bis ISO 1600), Belichtungsdauer (maximal eine halbe Sekunde), Belichtungskorrektur, Weißabgleich sowie der Fokus manuell angepasst werden. Doch egal an welcher Stellschraube man auch dreht, die Ergebnisse werden nicht wirklich vorzeigbar. Insbesondere bei Nacht fiel es dem Autofokus schwer, den Fokus zu finden, sodass die ohnedies stark rauschenden Aufnahmen aussahen, als wäre die Linse mit Vaseline eingeschmiert.

Mit 13 Megapixel kann man eine solide Auflösung bieten, die zumindest bei Tageslicht ausreichend Details aufnehmen kann. Doch mangels Bildstabilisator sind die Aufnahmen meist enttäuschend. Insbesondere der Kontrast sowie das deutlich sichtbare Bildrauschen sorgten für Frust, wenn man ein gutes Motiv an diese Kamera verschwendet hat. Die App verfügt neben dem Automatik- und manuellen Modus auch über eine Funktion für Panorama-Aufnahmen (Breitbild oder als 360-Grad-Sphäre), die die Aufnahmen gut zusammenfügt. Zudem gibt es einen Zeitraffer- sowie einen Mikrovideo-Modus - letzterer scheint die Videoaufnahme im Instagram-Stil zu ermöglichen. Solange der Nutzer die Aufnahme-Taste gedrückt hält, wird aufgenommen. Dabei kann man die Taste jederzeit wieder loslassen und erneut betätigen, die Aufnahmen werden zu einem Video nach gewünschter Länge zusammengestickt. Da die Videoaufnahme im für Instagram passenden 1:1-Format erfolgt, dürfte man sich wohl direkt an Nutzer der Foto-Plattform richten.

Fazit

Das Smart N9 ist kein empfehlenswertes Smartphone. Das einzige Argument, das für das A1-gebrandete Gerät sprechen würde, wäre die versprochene Update-Garantie. Doch diese ist derzeit so lose formuliert - die Updates sollen “zeitnah” erfolgen, wie lange man das Gerät unterstützen will, ist ebenso unklar - dass man diesem Versprechen eine gehörige Portion Skepsis entgegenbringen sollte. Auch andere Hersteller haben ähnliche Versprechen abgegeben und konnten diese schlussendlich nicht einhalten. Von den technischen Spezifikationen abgesehen kommt auch der vollkommen überzogene Preis dazu. Das Smartphone ist derzeit lediglich mit Vertragstarif erhältlich. Für das Gerät bezahlt man nichts, allerdings bindet man sich für zwei Jahre an einen Tarif, der (ohne A1 Internet) mindestens 27,90 Euro pro Monat kostet.

Wer einen Vertrag bei A1 abschließen möchte, bekommt selbst im günstigsten Tarif deutlich bessere Alternativen geboten. Die Mittelklasse-Modelle Samsung Galaxy A6, Sony Xperia XA2, HTC Desire 12+, Huawei Mate 10 Lite sowie LG Q6 sind allesamt um 0 Euro erhältlich. Selbst der BlackBerry KeyOne, der Vorgänger des aktuellen Top-Modells Key 2, ist ohne Aufzahlung im günstigsten Tarif erhältlich. Wie das Smart N9 bekommt dieses regelmäßig System- und Sicherheitsupdates, weswegen es von Google Firmenkunden empfohlen wird. 

Wer auf der Suche nach einem einfachen, günstigen Smartphone mit hoher Update-Wahrscheinlichkeit ist, findet auch freie Alternativen. Nokias 3.1 ist bereits für rund 150 Euro erhältlich und erhält dank Android One regelmäßig Updates und kommt ohne Bloatware aus. Xiaomis Mi A1 ist mittlerweile dank des kürzlich angekündigten Nachfolgers auch bereits für rund 170 Euro erhältlich und dürfte wohl noch eine Weile mit Updates versorgt werden. 

Modell:
A1 Smart N9
Display:
5,5 Zoll LC-Bildschirm (IPS) - 1440 x 720 Pixel (18:9, 293 ppi)
Prozessor:
Quadcore-SoC (Mediatek MT6739, 1,28 GHz)
RAM:
2 Gigabyte
Speicher:
16 GB intern (microSD-Kartenslot vorhanden)
Betriebssystem:
Android 8.1
Anschlüsse/Extras:
microUSB (USB 2.0), Bluetooth 4.0, WLAN (a/b/g/n/ac), FM-Radio, Fingerabdruck-Sensor
Akku:
2900 mAh
Kamera:
13 Megapixel (Autofokus, LED-Blitz) 
Frontkamera: 
8 Megapixel
Videos:
Aufnahme in 1080p bei 30 fps möglich
Maße:
147,1 x 68,8 x 8,5 mm, 145 Gramm
Preis:
nicht im freien Handel erhältlich, ab 0 Euro mit A1-Vertrag

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Michael Leitner

derfleck

Liebt Technik, die Möglichkeiten für mehr bietet - von Android bis zur Z-Achse des 3D-Druckers. Begeistert sich aber auch für Windows Phone, iOS, BlackBerry und Co. Immer auf der Suche nach "the next big thing". Lieblingsthemen: 3D-Druck, Programmieren, Smartphones, Tablets, Open Hardware, Videospiele

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