B2B
17.10.2012

„Crowdfunding ist knochenharte Arbeit“

Ende Oktober startet Kickstarter nun auch in Europa. Die US-Plattform wird vorerst in Großbritannien online gehen. Im Gespräch mit der futurezone schildern die zwei heimischen Spielestudios Three Coins (Kicked Out) und Cliffhanger (Shadowrun Online) ihre Erfahrungen mit der Finanzierungsmethode. Dabei zeigen sich beide Firmen ernüchtert und konstatieren eine Kickstarter-Übersättigung.

Die einen haben es geschafft, die anderen sind gescheitert. Ausgezahlt hat sich das Kickstarter-Engagement jedoch für beide Wiener Spielestudios. Während Cliffhanger für die Produktion von Shadow Run Online in letzter Minute das Ziel von 559.000 US-Dollar erreichte, konnte das gescheiterte Facebook-Spiel Kicked Out von Three Coins weltweit Publicity generieren. Entsprechend positiv blicken beide auf ihre Kickstarter-Kampagnen zurück.

Kein Geld, viel Ansehen
„Es war extrem viel Aufwand, den wir zu Beginn unterschätzt haben, aber es hat sich ausgezahlt", sagt Katharina Norden von Three Coins zur futurezone. Zwei Vollzeitarbeitskräfte waren während der Kickstarter-Phase mit der Betreuung der Community und der Aufbreitung des Material beschäftigt. Was sich laut der Firmen-Cogründerin definitiv ausgezahlt hat. Weltweit wurde über das Lernspiel, das Finanzierung und Selbstständigkeit zum Thema hat, berichtet. Das wiederum hatte zur Folge, dass Projektanfragen aus diversen Ländern eintrudelten. „Wir konnten uns einen Ruf als Experten bei Serious Game und Risikokompetenz aufbauen", sagt Norden.

Viel Geld, viel Arbeit
Auch Cliffhanger Productions sind mit ihrem Abschneiden auf Kickstarter höchst zufrieden. Für ihr Spielprojekt Shadow Run Online konnte das Wiener Studio 559.000 US-Dollar an Spenden lukrieren. In der Rangliste der erfolgreich finanzierten Computerspiele nimmt Cliffhanger weltweit einen Platz unter den Top 15 ein, in Kontinentaleuropa liegt es mit dem erreichten Budgetziel auf Platz Eins. Im Schnitt lag der Spendenwert bei 95 US-Dollar, die höchste Beträge lag bei 10.000 US-Dollar. „Dieser Unterstützer wird als Rockstar im Shadow Run Universum integriert. Wir schreiben ihm eigene Songs und hängen Plakate von ihm auf", sagt Firmenchef Michael Paeck zur futurezone.

Gute Vorbreitung ist alles
Dass es solch spendable Fans gibt, hat selbst den routinierten Game-Designer überrascht. Was ihn ebenfalls verblüfft hat, war der Aufwand, der mit dem Kickstarter-Engagement verbunden war. „Wer nicht auf die Community achtet und auf deren Wünsche eingeht, ist draußen", sagt der Firmenchef. Zudem wurde festgestellt, dass sich 70 Prozent den Projektext nicht durchlesen und nur auf das Demo-Video achten. Das wiederum wird nur von 35 Prozent zu Ende gesehen. „Man muss sich extrem gut vorbereiten und sehr schnell zum Punkt kommen", sagt Paeck. Um das Publikum – 70 Prozent der Spender kommen aus den USA – nicht zu verstören, wurden US-Sprecher engagiert. Zudem waren während der Kickstarter-Phase Teammitglieder abgestellt, um sich rund um die Uhr um Anfragen zu kümmern.

Die potentiellen Geldgeber haben das Game-Studio dann auch recht rasch mit der Realität des Marktes konfrontiert. Die Nutzer erklärten, was ihnen nicht passt und entsprechend musste  das Spiel angepasst werden. „Es war knochenharte Arbeit", resümiert Paeck.

Ein hartes Geschäft ohne Raum für Visionen
Ein weiteres Fazit, dass er gezogen hat: Kickstarter ist längst nichts mehr für Indie Studios. Es sei ein Spielplatz für etablierte Namen. Zudem komme man ohne Konkretes nicht mehr weit. Die Zeit der Visionen ist vorbei, nun müsse man eine Demo oder Prototypen vorweisen können. Das wiederum bedingt hohe Anfangsinvestitionen. Auch Cliffhanger habe vor dem Start der Kampagne viel Geld in Shadow Run investiert. Und obwohl 559.000 US-Dollar eingenommen wurde, mache dies nur einen Teil des Budgets aus.

Werkzeug für Werbung und Analyse
Laut Norden von Kicked Out ist Kickstarter längst kein Finanzierungswerkzeug mehr, sondern ein gutes Marketing-Tool. Die Spenden-Plattform decke immer nur einen Teil des Budgets und als kleiner Entwickler habe man keine Chance. Wenn man es jedoch als Werbeform sieht, helfe es auch kleinen Studios. Wenn sich aus dem Projekt eine gute Schlagzeile ableiten lasse, greifen es laut Norden Medien gerne und schnell auf. So könne man auch für Randthemen, wie eben den Umgang mit Geld, Interesse aufbauen. In weiterer Folge kann man das Projekt dann nützen, um Marktforschung zu betreiben und mit potentiellen Käufern in Kontakt zu treten. Auch Paeck hat diesen Aspekt zu schätzen gelernt: „Man lernt die Spieler besser zu verstehen. Es ist besser als jede Marktanalyse."

Ermüdung setzt ein
Kicked Out soll nun nebenbei weiter entwickelt werden. Das Augenmerk liegt bei Three Coins mittlerweile aber auf einem neuen Spiel namens „The Cure", das im Mai 2013 kommen soll. Ob dafür wieder auf Kickstarter zurückgriffen wird, bezweifelt Norden. „Es ist keine Kickstarter-Kampagne geplant, wir sind diesmal zurückhaltend", sagt die Firmenchefin. Das Engagement zahle sich nicht aus, es sei eine Übersättigung zu beobachten.

Unter den Nutzer regt sich zudem Unmut, da finanzierte Projekte oftmals nicht fertig werden oder Produkte nicht vom Fleck kommen. Laut einer US-Studie der Wharton School werden 75 Prozent der Technik- und Design-Projekte nicht wie versprochen fertig. Die Nutzer, die ihr Investment als Kauf eines Produkts sehen, werden zunehmend ungeduldig. Kickstarter hat letztens reagiert und darauf hingewiesen, dass sie kein Shop seien und es eben Risiko geben.

Auch Michael Paeck, der den Shadow Run Start für Mitte 2013 anvisiert, steht Kickstarter nicht mehr so euphorisch gegenüber. Der junge Markt wurde von Projekt überschwemmt, weshalb „eine Ermüdung ganz sicher kommen wird."

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Kickstarter Fakten:
Bis dato wurden mehr als 280 Millionen US-Dollar an rund 30.000 Projekte vergeben. Zu den erfolgreichsten Projekten zählt etwa die Pebble Watch, die 10,3 Millionen einnahm. Bei Spielen war das Double Fine Adventure (3,2 Millionen), Project Eternity (3,9 Millionen).

Kickstarter ist die größte, aber nicht einzige Crowdfunding-Plattform. Weltweit gibt rund 500 vergleichbare Seiten. Zu den bekanntesten Konkurrenten zählen IndieGoGo, Startnext oder etwa Inkubato.

Kürzlich war Crowdfunding auch Thema bei der Subotron Pro Games Vortragsreihe, die von der WKW unterstützt wird. Zum Thema "Crowd-Funding: Finanzierungsalternative oder Marketingtool?" diskutierten Denis Bartelt und Anna Theil von Startnext, Michael Paeck von Cliffhanger Productions, Katharina Norden von Three Coins) sowie Martin Langhammer von Cyber Arena