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10.02.2013

Crowdfunding: "Wir brauchen Innovationskultur"

Knapp 320 Millionen US-Dollar konnten 2012 allein über Kickstarter für Crowdfunding-Projekte gesammelt werden. International hat sich in den vergangenen Jahren ein wahrer Hype um dieses alternative Finanzierungsmodell entwickelt. Die kürzlich gestartete Plattform 1000x1000.at will das Thema Crowdfunding nun auch hierzulande etablieren.

"Die Entwicklungsarbeiten für 1000x1000.at haben im Jahr 2010 begonnen. Im März 2012 ist bereits eine erste Version der Plattform online gegangen", sagt Reinhard Willfort, Geschäftsführer der in Graz ansässigen Firma Innovation Service Network (ISN), von der die Crowdfunding-Plattform betrieben wird, zur futurezone. Danach sei man mit Behörden und potenziellen Partnern in Kontakt getreten. Auf europäischer Ebene habe sich 1000x1000.at parallel dazu in die Entwicklung des laut Willfort derzeit einzigen Rahmenwerks für Crowdfunding, A Framework for European Crowdfunding, eingebracht. "Auf dieser Wissensbasis aufbauend sind wir dann nach einem Relaunch mit Beginn dieses Jahres richtig an den Start gegangen", fasst Willfort den Entstehungsprozess zusammen.

Premiere für Österreich
Bislang hatte sich - anders als bei den deutschen Nachbarn - in Österreich in dem Bereich eher wenig getan, die Risikokultur in Finanzierungsfragen ist nur sehr schwach ausgeprägt (siehe futurezone-Bericht), was zu regelmäßigem Wehklagen in der heimischen Start-up-Szene führt. Abgesehen von der Plattform Respekt.net gab es de facto keine Möglichkeiten, Projekte nach dem Crowdfunding-Prinzip zu finanzieren. 1000x1000.at will das nun ändern und sieht dafür den richtigen Moment gekommen.

"Crowdfunding generell sowie unsere Plattform treffen den Zahn der Zeit. Wenn Sparer maximal 1,7 Prozent Zinsen bei 2,8 Prozent Inflation erhalten und Unternehmer mit innovativen Ideen kaum an Risikokapital kommen, eröffnet sich ein neuer Markt mit neuen Akteuren und Angeboten", sagt Willfort. Unternehmen werde neben dem Zugang zu Risikokapital auch ein wertvolles Netzwerk mit den richtigen Leuten aus der Branche geboten. Investoren hätten die Chance, mit überschaubaren Summen sinnvolle Projekte zu unterstützen und nah an der Umsetzung mit dabei zu sein, ohne selbst unternehmerisch tätig werden zu müssen. "Jeder Mikroinvestor hat die Chance, sich ein Portfolio von unterschiedlichen Unternehmensbeteiligungen zusammenzustellen und so sein persönliches Risiko zu senken", sagt Willfort. Es sei absehbar, dass sich derzeit mit Crowdinvesting ein neuartiges Ökosystem der direkten und transparenten Innovationsfinanzierung erfolgreich in Österreich etabliere.

Große Herausforderungen
Auf internationaler Ebene haben Plattformen wie Kickstarter, Indiegogo (futurezone-Interview hier) oder Startnext über die vergangenen Jahre das Thema Crowdfunding so richtig in Fahrt gebracht. Der globale Markt wird derzeit auf 500 Milliarden Dollar geschätzt. Doch auch hier gilt wie so oft: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt auch kritische Stimmen, die warnen, beim Thema Crowdfunding nicht blind dem Hype zu verfallen. In der heimischen Gamesbranche etwa spricht man von "knochenharter Arbeit" (futurezone-Bericht hier). Auch Willfort sieht noch große Herausforderungen zu bewältigen, soll ich das Thema Crowdfunding und Crowdinvesting hierzulande etablieren: "Wir haben aktuell mehr als 60 Projektanfragen, aber noch zu wenige Crowdinvestoren, um diese Nachfrage zu bedienen", sagt der Unternehmenschef. Nachdem in den vergangenen Jahren vermehrt Anleger alternative Geldanlageformen gewagt hatten und diese Werte inzwischen aus bekannten Gründen im Keller gelandet seien, sei nun bei vielen Menschen wieder mehr Vorsicht angesagt.

"Insofern gilt es nun Informationen zu neuen, transparenten Anlageformen wie dem Crowdfunding zur Verfügung zu stellen", so Willfort weiter. Mittelfristig sei es das Ziel von 1000x1000.at, 10.000 Crowdinvestoren zu vernetzen. Crowdfunding habe das Potenzial, das Finanzsystem wieder ein Stück weit zum Ursprungsgedanken der Bankenwelt zurückzuführen.

Eine weitere Hürde: "Wir brauchen in Österreich eine Innovationskultur, dazu gehört, dass Projekte auch mal schief gehen dürfen", so Willfort. "Wer in Österreich ein Projekt in den Sand setzt, wird an den Pranger gestellt. Damit bekommt man wenig Lust noch einen Anlauf zu wagen." Das sei in den USA ganz anders, dort schaue sich ein Investor vorher an, ob ein Unternehmer auch diese Erfahrung mitbringt und beziehe das dann in seine Entscheidung mit ein.

So funktioniert 1000x1000.at
Wer bei 1000x1000.at als Investor mitmachen möchte, muss sich zunächst auf der Plattform registrieren. Je nach Projekt hat man dann die Möglichkeit, zwischen 250 und 5.000 Euro zu investieren. "Die Investoren werden entsprechend der Höhe ihres Investments mittels Genussscheinen prozentuell am laufenden Ertragswert (jährlicher Gewinn) sowie am Substanzwert im Falle des Unternehmensverkaufs beteiligt", heißt es seitens der Plattform. Die Investoren finanzieren Projekte über 1000x1000.at mit jeweils bis zu 100.000 Euro.

Mit der Crowdinvesting-Plattform eng verknüpft ist die Ideenplattform Neurovation.net. "Wer eine erste Idee hat, kann die hier eingeben und sie auch einem ersten Markttest in Form einer Community-Bewertung unterziehen", erklärt Willfort. An der Stelle gehe es darum, das Wissen der Crowd zu nutzen und die Ideen auszubauen. "Im Idealfall bilden sich Teams, die komplementäre Kompetenzen in die weitere Umsetzung einbringen können. Die aussichtsreichsten Ideen werden dann durch die Community herausgefiltert und eingeladen, weitere Unterlagen wie etwa einen Businessplan zu erstellen. "Auf Basis dieser ausführlicheren Ausarbeitung der Unternehmensidee tritt die 1000x1000.at-Expertenjury in Aktion und filtert erfolgsträchtige Projekte heraus", so Willfort.

Nicht für Crowdfunding geeignete Geschäftsideen werden an interessierte Partner - vorrangig VIP-Mitglieder des 1000x1000.at-Investorennetzwerkes oder weitere Partner - zur Unterstützung und weiteren Betreuung vorgeschlagen. Geschäftsideen, die bereits einen entsprechenden Reifegrad besitzen, können laut Willfort auch direkt in die Juryphase einsteigen. Dabei werden laufend Projekte ausgewählt, die dann allen Investoren zur Unterstützung vorgeschlagen werden. Investieren kann grundsätzlich jeder. "Wir empfehlen aber nicht, sein gesamtes Kapital auf ein Projekt zu setzen, sondern als Investor die Chance zu nutzen, sich ein Portfolio an verschiedenen Projekten aufzubauen", sagt Willfort. Es sei relativ unwahrscheinlich, dass alle Projekte schiefgehen.

"Sicherheit und Transparenz"
Vor dem Start einer Finanzierung wird bei 1000x1000.at eine angepeilte Mindestsumme sowie ein Finanzierungszeitraum festgelegt. Der Investor muss dann sein Geld auf ein Treuhandkonto überweisen, wo die Beiträge "zwischengeparkt" würden. "Ab Erreichen der vom Unternehmen festgelegten Mindestsumme gilt die Beteiligung als erfolgreich ungesetzt", erklärt Willfort. Wird die Mindestsumme innerhalb des festgelegten Finanzierungszeitraums nicht erreicht, erfolge eine Rücküberweisung der eingezahlten Beträge an die Investoren. "Sicherheit und Transparenz sind oberstes Gebot bei Crowdfunding", betonen die Plattform-Betreiber.

1000x1000.at selbst macht sein Geschäft damit, indem für die Vermittlerrolle zwischen Investoren und Unternehmen Geld verlangt wird. "Nur wenn eine Finanzierung erfolgreich abgeschlossen wird, erhält der Plattformbetreiber für seine Leistungen Geld", erläutert Willfort. Darüber hinaus biete das Unternehmen ISN auch Serviceleistungen für die Umsetzung der Projekte an. "Wir tragen auch das Risiko mit und sorgen dafür, dass Projekte mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Ziele erreichen."

Abgrenzung zu Kickstarter und Co
"1000x1000.at betreibt sogenanntes Equity Based Crowdfunding oder kurz gesagt: Crowdinvesting", erklärt Willfort. Das sei eine mögliche Form unter verschiedenen Formen des Crowdfunding. Im Gegensatz zu Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo erhalten die Crowdinvestoren hier eine Option auf Ertrags- und Substanzwerte des Unternehmens. "Das eingesetzte Kapital ist auf jeden Fall als Risikokapital zu verstehen", so Willfort. Crowdinvesting sei derzeit in den USA rein rechtlich gar nicht möglich. Die US-Plattformen würden im Erfolgsfall nur kleine Anerkennungen oder erste Prototypen an die Spender zurück liefern.

Der typische Exit eines Investors größeren Stils sei nicht das Hauptziel von Crowdinvesting. Es könne potenteren Investoren aber in der Projektauswahl in einer sehr frühen Phase helfen, da sie über eine Zeit lang mit wenig Kapitaleinsatz ein Unternehmen aus nächster Nähe beobachten könnten, sagt Willfort.

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