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Digitalisierung "Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist eine Option".

Bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze werden laut Schätzungen von Ökonomen langfristig von der Digitalisierung betroffen sein.
Bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze werden laut Schätzungen von Ökonomen langfristig von der Digitalisierung betroffen sein. - Foto: Getty Images/iStockphoto/Thinkstock.com/Ociacia
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING DiBa, über den Umbruch am Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung, Donald Trump und ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Die Digitalisierung wird den Arbeitsmarkt verändern, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING DiBa. Studien der Direktbank gehen davon aus, dass langfristig bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland vom digitalen Wandel betroffen sein werden. Viele Jobs werden wegfallen, Berufsbilder werden sich verändern. Nun gehe es darum, den durch die Automatisierung und Digitalisierung entstehenden Mehrwert gerecht zu verteilen, sagt Brzeski im Interview mit der futurezone.

futurezone: Ist die Digitalisierung bei Unternehmen in Österreich und Deutschland angekommen?
Carsten Brzeski:
Die Digitalisierung steckt noch in den Kinderschuhen und wird vorwiegend dazu genutzt, um Kosten zu reduzieren. Das heißt, die Produktion wird automatisiert und Prozesse werden schlanker gemacht. Das ist schön und gut, aber um richtig in der Digitalisierung anzukommen, braucht es neue Produkte, Dienstleistungen und Distributionskanäle.

Warum wird gezögert?
Das liegt einerseits an der Unternehmensstruktur, wir haben relativ viele Mittelständler, die in den vergangenen zehn bis 15 Jahren mit Investitionen zurückhaltend waren, weil sie gesehen haben, dass ihr bisheriges Modell ganz gut funktioniert hat. Es gibt auch eine Zurückhaltung bei technologischen Entwicklungen, weil wir eine ähnliche Situation schon Ende der 1990er-Jahre hatten. Auch damals ging es um Digitalisierung und das Internet. Viele Unternehmen, die aus dieser Blase entstanden sind, sind wieder verschwunden, während die Industrie in Deutschland und Österreich das gemacht hat, was sie davor auch getan hat, nämlich effizient zu produzieren.

Lässt sich die derzeitige Situation mit der Internet-Blase der Jahrtausendwende vergleichen?
Wir sind jetzt weiter, als nur eine Internet-Blase zu haben. Die Weltwirtschaft ändert sich fundamental. Das verarbeitende Gewerbe schrumpft. Wir sehen eine strukturelle Veränderung hin zu mehr Dienstleistungen und digitalen Produkten. Es wäre zu kurzsichtig, darauf zu vertrauen, dass es auch diesmal so ausgehen wird wie zur Jahrtausendwende.

Studien gehen davon aus, dass die Automatisierung zu einem massiven Jobverlust führen wird. Was kommt auf uns zu?
Routinetätigkeiten werden künftig noch mehr von Maschinen oder Computern übernommen werden. Der Digitalisierungsschub wird aber auch einen Teil des Arbeitsmarktes treffen, der davor relativ sicher war. Und zwar Berufe, die stark von Wissen abhängig waren.  Wir haben eine Studie für Deutschland gemacht und kommen zu dem Schluss, dass es langfristig mehr als fünfzig Prozent der Arbeitsplätze sein werden, die der Digitalisierung zum Opfer fallen. Dem steht gegenüber, dass sich Tätigkeiten verändern. Es muss nicht unbedingt der Job verschwinden, aber gewisse Tätigkeiten werden verschwinden.

Carsten Brzeski - Chefvolkswirt, Ing DiBa…
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING DiBa - Foto: /ING DiBa
Zum Beispiel?
Röntgenaufnahmen können auch von Computern analysiert werden. Der Radiologe der heute 15 Minuten dazu braucht, wird in Zukunft maximal zwei Minuten auf die Aufnahmen schauen, um die Computeranalyse zu überprüfen. Es gibt viele Berufsbilder, die sich verändern werden. Manche werden komplett verschwinden, wie viele neu entstehen, ist ungewiss. Nicht alle Leute, die ihren Job verlieren, können Software-Entwickler werden. Es wird einen Umbruch am Arbeitsmarkt geben.

Weil Maschinen unsere Arbeit übernehmen, wurde zuletzt häufig ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Diskussion gestellt. Ist das eine Perspektive?
Die Thematik ist relevant. Wir haben auch schon heute eine auseinandergehende Schere auf dem Arbeitsmarkt. Nicht nur zwischen Leuten, die Arbeit haben und solche die keine haben, sondern auch zwischen Leuten, die mit ihrem Einkommen nicht auskommen und solchen, die sehr üppig ausgestattet sind. Mit der Digitalisierung und Automatisierung werden diese Unterschiede noch weiter auseinandergehen. Es entsteht ein weiterer Druck auf die Gesellschaft. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist eine Option damit umzugehen. Die Idee, dass wir durch die Automatisierung eine neue verbesserte Form der Umverteilung brauchen, ist mittlerweile auch in den Köpfen der Politiker angekommen.

Weil sonst Trump und Brexit Schule machen?
Es gibt einen starken Zusammenhang mit dem Populismus. Trump gibt immer der Globalisierung die Schuld, in Europa ist die EU der Sündenbock. Mir ist das ein bisschen zu weit hergeholt. Denn letztendlich ist die Gesellschaft Schuld, der es nicht gelungen ist, den ökonomischen Mehrwert durch die Globalisierung und durch die EU so umzuverteilen, dass alle Gruppen der Bevölkerung davon profitieren können. Jetzt geht es darum, den ökonomischen Mehrwert, den die Digitalisierung bringt, gerecht zu verteilen.

Arbeit bestimmt in unseren Gesellschaften das Leben, womit werden die Leute die Zeit verbringen, wenn es nicht mehr so ist?
Das ist eine philosophische Frage. In einem positiven Szenario hätte man mehr Freiwilligenarbeit und Nächstenhilfe, in einem negativen Szenario sitzen die Leute nur zuhause und sehen fern.

Welche Fähigkeiten, Qualifikationen werden Menschen für die Arbeit der Zukunft brauchen?
Eine Affinität zur Digitalisierung und lebenslanges Lernen und Flexibilität. Man muss in der Lage sein, sich selber zu hinterfragen und neu zu erfinden. Es wird notwendig sein, sich im Laufe einer beruflichen Karriere stark zu verändern und man wird auch von dem  Gedanken Abschied nehmen müssen, dass man mit zunehmendem Alter automatisch mehr verdient.

Disclaimer: Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit der ING-DiBa. Die redaktionelle Verantwortung obliegt alleine der futurezone-Redaktion.

(futurezone) Erstellt am 28.02.2017, 06:00

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