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Neuer Player

Lenovo: "Wir können uns vieles leisten"

Als 2005 die Übernahme der PC-Sparte durch den damals weitgehend unbekannten Konzern Lenovo abgewickelt wurde, runzelten viele die Stirn. Das chinesische Unternehmen zahlte damals 1,75 Milliarden US-Dollar für die Traditionsmarke und übernahm fortan die Produktion der in Business-Kreisen für ihre Robustheit bekannten Thinkpads sowie der Desktop-PCs. Kritiker ächzten damals, dass die billige China-Ware und die hohen Erwartungen an IBM-Notebooks und Computer nicht zusammen gehen. Acht Jahre später duelliert sich das 27.000 Mitarbeiter starke Lenovo nun mit Hewlett Packard weltweit

am PC-Markt, wobei über 40 Prozent der Gesamteinnahmen weiterhin aus China kommen.

Smartphones zum Dreißiger
Zum Jubiläum des 30-jährigen Firmenbestehens 2014 soll der Siegeszug in anderen Geschäftsbereichen fortgesetzt werden. Lenovo spricht hier von der „Protect and Attack"-Strategie. Bestehende Geschäftsfelder werden mit allen Mitteln geschützt und dienen dazu, den Angriff auf neue Segmente zu finanzieren. Letztere generieren jetzt schon knapp die Hälfte des Konzernumsatzes. Durch Expansion im Server-Bereich und bei Cloud-Diensten – das Service Lenovo Reach wird Ende des Jahres online gehen – wird man sich breiter aufstellen. Innerhalb von drei Jahren will man international ein ernstzunehmender Player werden. Im Consumer-Bereich liegt der Fokus wiederum ganz auf Smartphones.

Eindrücke aus den Pekinger Lenovo Büros

Nummer Zwei nach Samsung
„Wir sind optimistisch, dass wir auch bei den Smartphones schnell wachsen werden", sagt Lenovo-CEO Yang Yuanging zur futurezone bei einem Besuch des Firmensitzes in Peking. Am Heimatmarkt ist man hinter Samsung (17 Prozent) auf Platz Zwei (13 Prozent), noch vor Apple (11), Huawei (9) und Coolpad (9) – was insofern beachtlich ist, da Lenovo erst 2010 sein erstes Smartphone auf den Markt brachte. Seit kurzem ist man am Heimatmarkt auch profitabel unterwegs.

Diesen Erfolg will man nun auf das Ausland umlegen. Wie so viele andere Hersteller setzt man dabei auf ein Portfolio aus Android-Geräten, an dessen Spitze derzeit das Modell K900 steht. Ein stylisches 5,5-Zoll Handy aus Metall, das auf einen Intel-Prozessor setzt. Das Flaggschiff soll kommendes Jahr nach Westeuropa und die USA kommen.

Afrika hat Vorrang
Seine Premiere wird es auf diesen Märkten aber nicht feiern. „Wir gehen dorthin, wo man schnell wachsen und erfolgreich sein kann", sagt Europa-Chef Gianfranco Lanci. Der gesättigte Markt in den westlichen Ländern habe Nachrang. Laut Lanci, der jahrelang bei Konkurrent Acer die Geschäfte leitete, wird das K900 beispielsweise in Nigeria deutlich früher kommen. „Die Absatzzahlen und Wachstumschancen sind dort deutlich besser als in Deutschland", so der gebürtige Italiener.

Hinzu kommt, dass außerhalb von Europa das Vertriebsmodell offener ist und Geräte vorwiegend im freien Verkauf gehandelt werden. Das Modell der gestützten Handys sieht Lenovo für sich als problematisch, da man laut Lanci mit zu vielen Providern verhandeln müsse. Erst wenn eine Konsolidierung bei der Betreiber-Anzahl eintritt, würde ein größeres Engagement Sinn machen. Bis dahin werden die Bemühungen auf Schwellenländer gelegt. 50 Millionen Smartphones sollen heuer verschifft werden, so die interne Schätzung. Wird das Ziel erreicht, entspricht das einer Steigerung zum Vorjahr von über 70 Prozent.

Keine Angst vor ZTE und Huawei
Dass man sich etwa in Afrika mit anderen chinesischen Konzernen wie Huawei und ZTE in die Quere kommt, glaubt Lanci nicht. Auch sieht er für Lenovo keinen Nachteil, obwohl die beiden anderen Mitstreiter bereits durch den Bau von Infrastruktur erfolgreich vor Ort agieren. „Es ist ein offener Markt auf dem der Wettbewerb entscheidet", so Lanci knapp. Die Wachstumsmärkte und die gute Position am Massenmarkt China sollen jedenfalls langfristig die Eroberung der westlichen Märkte finanzieren.

Übernahmen nicht ausgeschlossen
Dass man sich Hilfe durch Zukäufe holt, schließt man bei Lenovo nicht aus. Auf etwas Konkretes will man sich allerdings nicht festlegen. „Wir haben drei Milliarden US-Dollar Geldreserven. Wir können also vieles kaufen, uns vieles leisten. Es sollte zudem nicht schwer fallen, für etwaige Übernahmen Kredite zu bekommen. Wir schlagen jedoch nur zu, wenn es für uns Sinn macht, zu uns passt und sich gut integrieren lässt", sagt Firmenchef Yang Yuanging.

Weg vom Low-Tech-Schrauber-Image
Dass man es ernst meint, belegen die jüngsten Investitionen. So hat Lenovo eine Milliarde US-Dollar für eine neue Fabrik im Landesinneren für Smartphones ausgegeben. Zudem fließt den Managern zufolge ein beachtlicher Teil des 450 Millionen Dollar großen Forschungsbudgets in den Mobile-Sektor. Technisch wähnt man sich auf dem richtigen Weg, um das Image des PC-Schraubers abzulegen. So wird man künftig eigene Prozessoren und Chips entwickeln, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Vorteile herauszuarbeiten – ein Rezept, auf das auch Konkurrent Huawei (HiSilicon) setzt. Das Personal der Chip-Sparte wird hierfür auf 100 Mitarbeiter aufgestockt.

Technischer Vorsprung
Die Firma ist überzeugt, dass man technologisch den anderen voraus ist. Durch strategische Partnerschaften mit Zulieferern im Heimatland habe man keine Angst vor Engpässen wie dies etwa HTC beim One zu spüren bekommen hat. Als chinesischer Hersteller, der vor Ort ist, habe man Vorteile. „Wir sind in direktem Kontakt und die Wege sind kurz", sagt Lenovo Technik-Chef George He zur futurzone.

Aufpoliertes Image
Parallel arbeitet Lenovo am eigenen Image und will mittels Marketingmaßnahmen die eigenen Brands stärken und positiv aufladen. „Man muss nicht nur technisch top sein, sondern auch in Sachen Software und Design Einzigartiges bieten", sagt Yao Yingjia, Chef-Designer bei Lenovo zur futurezone. Die Markentreue geht, so der Experte, zurück. Niemand bleibe mehr blind bei einer Marke, Konsumenten informieren sich genauer. Zu allererst zähle die Qualität, dann erst komme die Marke.

Wobei der Designer eingesteht, dass gerade bei Smartphones kurzlebige Modeerscheinungen einen großen Einfluss haben und Image ein nicht zu unterschätzender Faktor ist. So ist beispielsweise Lenovos Marktanteil auf dem Land deutlich größer als in den Metropolen. In letzteren geht es immer mehr um Image und Mode, weniger um den praktischen Nutzen. Dort wird deutlich öfter das Gerät gewechselt und der Wettbewerb ist schärfer.

Eigener App-Store und exklusive Inhalte
Warum man zu Lenovo-Geräten greifen soll, beantwortet Lanci mit dem breiten Produktangebot, der Integration neuester Technologie und mit Partnerschaften mit lokalen Software-Firmen, wie etwa Tencent in China. Zudem wird in China ein eigener App-Store betrieben, der seit dem Start 2010 eine Milliarde Downloads verzeichnen konnte. Heuer kommt ein neues vernetztes Spiele-Service im Stil von Apples Game Center hinzu. „Bei mobilen Geräten geht es nicht nur um Hardware, sondern auch um Software, Apps und Inhalte", sagt CEO Yang Yuanging. Dieses Kooperations- und Content-Modell wolle man künftig im Ausland kopieren und hofft so, erfolgreich zu sein. In Europa sind laut Lanci diesbezüglich allerdings keine Gespräche am Laufen, „aber wir wissen, dass wir hier etwas tun müssen, um nicht in  Verzug zu kommen."

Das Lenovo K900

Absage an Nischen-Systeme
Exklusivität und Kaufanreize durch den Einsatz von eigener Software wird seitens Lenovo aber ausgeschlossen. So gibt es keine Pläne für Modelle mit Firefox OS. Ein eigenes Betriebssystem, wie es etwa Samsung mit Tizen verfolgt, sei laut den Managern des chinesischen Konzerns auch nicht der richtige Weg. Ein eigenes OS wäre eine Isolation, die für die Firma und den Kunden keinen Sinn macht, mit offenen Systemen fährt man Lenovo zufolge besser.

Erster Platz unerwünscht
Laut Europa-Chef Lanci - der selbst ein altes Nokia-Handy "wegen des guten Akkus" sowie ein HTC-Smartphone zur "Konkurrenzbeobachtung" verwendet - will man nun die Marken Thinkphone und Yogaphone so aufbauen wie die Galaxy-Brand von Samsung. Ob im Popularitätszyklus nach Nokia, Apple und Samsung schon bald Lenovo als nächstes „in" sein wird? Er wolle eigentlich nie ganz oben stehen, so der Italiener. Anstatt eines rasanten Aufstiegs und dem tiefen Fall danach, sei ihm ein konstanter, unaufgeregter Platz Zwei mit kontinuierlichem Wachstum lieber. „Eine Top-Brand zu sein, hat auch Nachteile."

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