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Blue Code

Mit Barcode am Handy zahlen: "Henne-Ei-Problem gelöst"

Eine positive Bilanz über das vergangene halbe Jahr zieht Blue-Code-Gründer Michael Suitner im Gespräch mit der futurezone. Durch die bequeme Freischaltung des Dienstes für Erste-Bank- und Sparkassen-Kunden seien ab Juli viele neue User dazugekommen. Mit Bipa, den Kinoketten Cineplexx und Hollywood Megaplex, dem Parkhausbetreiber BOE sowie lokal verankerten Anbietern wie der Vorarlberger Lebensmittel-Kette Sutterlüty konnten zudem einige große Handelspartner gewonnen werden, welche das Bezahlen per Barcode-App unterstützen.

Handscanner und Smartphone

Als Hindernis für mobile Bezahlsysteme galt bisher stets, dass Händler nicht in Technologien investieren wollen, die sich zukünftig vielleicht gar nicht durchsetzen werden. Aus User-Sicht ist die Nutzung von innovativen Services wiederum wenig zielführend, wenn kein Händler die verwendete Handy-Plattform oder das eigene Smartphone unterstützen. Die Blue-Code-Verantwortlichen glauben, die entscheidende Lösung gefunden zu haben.

„Ich denke, wir haben das Henne-Ei-Problem beim mobilen Bezahlen gelöst“, sagt Suitner. „Jeder versteht, wie ein Barcode funktioniert – der Verkäufer an der Kassa genauso, wie der Kunde, der das Scannen von Codes Tag für Tag selber beim Zahlen beobachten kann.“ Der technologische Mehraufwand für Händler sei gering – neben der Anbindung des sicheren Systems ist lediglich ein Handscanner notwendig, der für das Ablesen des Strichcodes vom Handy des Kunden benötigt wird. In den meisten Geschäften seien diese ohnehin standardmäßig vorhanden. Auch Bezahlterminals müssen nicht umgerüstet werden.

Ein weiterer Vorteil liegt laut Suitner auf der Hand. Anders als die geplante mobile Bankomartkarte, die auf NFC-fähige Android-Gerät beschränkt und einen SIM-Karten-Tausch notwendig macht, sowie Apples Bezahlsystem Apple Pay, das wiederum nur mit iPhones funktioniert und in Österreich noch gar nicht gestartet ist, kann die Barcode-App praktisch von allen Smartphone-Usern verwendet werden. Lediglich Windows-Phone-Benutzer bleiben derzeit außen vor.

Psychologischer Effekt

Abgesehen von der Einfachheit und Schnelligkeit der Lösung sei auch der tiefenpsychologische Effekt nicht zu unterschätzen, ist Suitner im futurezone-Gespräch überzeugt. „Die Kunden fordern per PIN-Eingabe einen Barcode an. Indem dieser aktiv hergegeben wird, wird die Ware bezahlt – das ist mit der Hergabe von Bargeld vergleichbar bzw. mit dem TAN-System, das Kunden bereits vom Online-Banking her gut kennen“, sagt Suitner. Dadurch, dass ein Strichcode generiert werde, der keinerlei Hinweise auf persönliche Bankdaten beinhalte und zudem auch nur wenige Minuten gültig sei, biete die Lösung zudem einen hohen Grad an Anonymisierung und Datenschutz.

Auf die Frage, wie viele Kunden Blue Code lukrieren konnte, bleibt der Blue-Code-Gründer zugeknöpft. Diese würden sich im fünfstelligen Bereich bewegen – Tendenz steigend. Konkreter wird man da schon bei der Erste Bank, die auf Nachfrage von 200-300 Transaktionen täglich berichtet, die von eigenen Kunden über Blue Code getätigt werden. „Ungeachtet dessen, dass die Lösung noch gar nicht so stark kommuniziert wurde, steigen die Userzahlen stetig an. Die Schnelligkeit und die Einfachheit der Lösung werden immer wieder von Kunden als positives Feedback genannt“, erklärt Petra Postl, Leiterin Channel Development bei der Erste Bank im futurezone-Interview.

Prozessbrüche vermeiden

Als Bank wolle man Kunden nicht vorschreiben, wie sie zu zahlen haben, aber entsprechende Wahlmöglichkeiten anbieten. Jede Entscheidung für ein neues Bezahlsystem sei auch ein Lernprozess. „Die Händler müssen wissen, wie das System funktioniert – die Rewe-Gruppe hat das im Fall von Blue Code vorbildhaft gelöst. Aus Kundensicht muss die Aktivierung ganz einfach sein, was uns über unser Netbanking-Angebot und unsere Banking-Plattform George, denke ich, gut gelungen ist. Gleichzeitig muss man versuchen, Prozessbrüche zu vermeiden: Wenn Kunden vor oder nach dem Zahlen wieder ihre physische Kundenkarte zücken müssen, um Treuepunkte zu sammeln, ist das nicht optimal“, erklärt Postl.

Letzeres konnte bei vielen Händlern mittlerweile durch eine bessere Integration der Blue-Pay-Bezahlfunktion in den eigenen Apps verbessert werden, indem direkt aus der Händler-app zu Blue Code gewechselt werden kann. Aber auch auf Geräte-Seite hat sich einiges getan. Die bereits angekündigte Nutzung von Blue Code über die Apple Watch ist seit Anfang November nun auch für Erste- und Sparkassen-Kunden möglich – zusätzliche Sicherheitsprüfungen hatten den Start einige Monate verzögert. Laut Blue-Code-Gründer Suitner soll in Bälde auch eine Android-Wear-Lösung für Android-Smartwatches angeboten werden.

Expansion nach Deutschland

Im Frühjahr 2016 sollen zumindest ein weiterer großer Lebensmittelhändler und eine große Bäckerei-Kette als Partner dazukommen, neben den bisherigen Partnerbanken Erste und Sparkassen sowie Hypo Bank Tirol werden auch mit anderen österreichischen Banken konkrete Gespräche geführt. Nutzen kann das System auch heute schon jeder Bankkunde – die Abrechnung erfolgt etwas zeitversetzt über das Lastschriftverfahren, auch die Anmeldung ist weniger komfortabel als für Kunden der genannten Banken.

Als nächster großer Schritt will das österreichische Start-up im kommenden Jahr zudem nach Deutschland expandieren. „Unser Vorteil ist: Wir bieten hier nicht irgendein Konzept an, das nur in Köpfen existiert, sondern verfügen über ein hochstabiles System, das sich Tag für Tag bewiesen hat. Die rechtlichen und technischen Strukturen sind vergleichbar, die Vorteile – wie das einfache Verständnis hinsichtlich Barcodes und die Plattform-Unabhängigkeit – kommen hier wie dort zum Tragen“, ist Suitner zuversichtlich, dass der „wichtigste Markt in Europa“ erobert werden kann.

Hausaufgaben gemacht

Dass ausgerechnet eine österreichische Alternativlösung sich gegen globale Konkurrenten wie Apple Pay, Mastercard, Google und Co durchsetzen wird, mag auf den ersten Blick unrealistisch erscheinen, für Postl von der Erste Bank ist das aber nicht ausgeschlossen. „Wenn ein Start-up seine Hausaufgaben gemacht hat und dafür sorgt, dass der Dienst für User bequem auf vielen Plattformen und Geräten nutzbar ist sowie Händler und Partner aus der Finanzbrache anspricht – warum nicht? Wie wir in fünf oder zehn Jahren hauptsächlich bezahlen werden, wird sich natürlich erst zeigen. Blue Code scheint jedenfalls die Hausaufgaben gemacht zu haben“, sagt Postl.

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Martin Stepanek

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