B2B
08/23/2013

"USA werden bitteres Lehrgeld bezahlen"

Das Internet und die globale Vernetzung führen laut Ansicht des US-Webpioniers Jeff Hoffman zu einer ökonomischen Neuordnung der Welt. "Es ist ja nicht das Silicon Valley, wo per se die guten Ideen herkommen. Überall auf der Welt haben Leute hervorragende Ideen und wollen die Welt verbessern. Nun haben sie aber auch die entsprechenden Möglichkeiten", meinte Hoffman im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche am Donnerstag.

Gerade für die USA sieht Hoffman im Gespräch mit der futurezone wenig Hoffnung, dass deren wirtschaftliche Vormachtstellung aufrechterhalten werden kann. "Das Machtverhältnis wird sich verschieben, auch wenn die USA das noch nicht wahrhaben wollen. Wir werden an Einfluss verlieren und bitteres Lehrgeld dafür zahlen", so Hoffman, der unter anderem als Berater für Obama im Weißen Haus tätig ist.

Papua-Neuginea statt Silicon Valley
Mit einer Idee und einem Start-up erfolgreich zu sein, funktioniere heute auch genauso in einer ländlichen Gegend in Westafrika oder in Papua-Neuginea. Als Beispiel nannte Hoffman einen 19-Jährigen, der in Afrika das erste Tauschsystem von Strom-, Wasser- und Mobiltelefon-Guthaben initiiert hat. Haben Menschen dort Bedarf an Elektrizität, aber etwa noch auf ihrer Handywertkarte viel Guthaben, können sie über das Internet einen Tauschpartner finden. Das System ist kostenlos für die User, mittlerweile sind laut Hoffman alle Energie-, Mobilfunk- und Wasseranbieter an Bord.

"Das Faszinierende daran ist, dass dieser 19-jährige Afrikaner sich alles über das Internet beigebracht hat. Während er tagsüber mit seiner Familie Feldarbeit verrichtete, nutzte er den Abend, um online Gratis-Lehrgänge aus Stanford auf Coursera.org zu besuchen, gut gemachte Präsentationen auf Slideshare zu studieren und Videos von Start-up-Gründern und Entrepreneurs auf TED anzusehen", so Hoffman. Für Investoren aus den USA oder Europa sind solche Projekte und vor allem auch solche Leute spannend, weil sie eine Tür in einen Markt öffnen, der bisher völlig verschlossen war.

Werden Talente verlieren
Immer häufiger passiere die Investition und somit die gesamte Wertschöpfung aber im Land selber. Erst kürzlich etwa habe sich auf Papua-Neuginea ein Angel-Investoren-Netzwerk gegründet, um Start-ups im Land mit entsprechendem Kapital zum Geschäftserfolg zu verhelfen. "Das ist auch unser größtes Risiko als entwickelte Nationen. Wenn wir nicht in Innovationen investieren und unseren talentierten Köpfen kein entsprechendes Umfeld bilden, werden wir diese Talente verlieren. Sie werden einfach dorthin gehen, wo es die Möglichkeiten gibt", ist Hoffman überzeugt.

Wie schwierig es auch für etablierte Konzerne ist, um bei den enorm kurzen Innovationszyklen auf dem Markt nicht unter die Räder zu kommen, zeigte der McKinsey-Direktor Lothar Stein in Alpbach auf. "Dass man wie Facebook innerhalb von zehn Jahren auf eine Milliarde Nutzer kommt, war noch vor einer Generation völlig unvorstellbar. Das gleiche gilt für eine neue Produktkategorie wie die Tablets, die in drei Jahren 140 Millionen Stück absetzen konnte", so Stein. Während Google mit etwa 100 und Apple mit 30 aufgekauften Start-ups in den vergangenen Jahren die eigene Innovationskraft ankurbelte, würden sich viele Traditionsunternehmen immer noch schwer tun.

Start-up kaufen
"Wenn etwa Philips und Siemens ein Start-up kaufen, endet das bislang oft im Desaster. Wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen sie verstehen lernen, wie für diese jungen Unternehmen im Konzern ein Umfeld geschaffen wird, der sie noch schneller weiterwachsen und innovativ bleiben lässt", sagte Stein. Doch auch die Positiv-Beispiele in diesem Bereich wie Apple oder Google machen laut Hoffman nicht alles richtig.

"Die Patentkriege, die von den großen Konzernen gefochten werden, sind für die Innovation definitiv schädlich. Dazu kommen noch die sogenannten Patenttrolle. Aus meiner Sicht müssen die existierenden Gesetze überarbeitet werden - und zwar nicht nur in den USA, sondern weltweit", so Hoffman gegenüber der futurezone.

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