B2B
23.08.2012

„Welches Apple-Produkt kommt, ist egal“

Am Freitag feiert Apple-Chef Tim Cook sein erstes Jahr als CEO des Konzerns. Doch während sein geschäftlicher Erfolg unumstritten ist, zweifeln einige Kritiker weiterhin daran, ob Cook wie Steve Jobs bahnbrechende Produkte auf den Markt bringen kann. „Welches Apple-Produkt als nächstes kommt, ist aber die falsche Frage und im Prinzip egal", meint Apple-Analyst Horace Dediu im Gespräch mit der futurezone.

Medien und Analysten würden bei Apple immer nur von Quartal zu Quartal und Produkt zu Produkt blicken und dabei das große Ganze übersehen, ist der profilierte Apple-Kenner überzeugt. „Das eigentlich Revolutionäre an Tim Cook ist, dass er Apple in den vergangenen Jahren zu einem echten Industrie-Konzern umgebaut hat, der jeden Monat zig Millionen Geräte produzieren kann“, sagt Dediu. In einer Post-PC-Welt mit immer kürzeren Produktzyklen sei genau das der Schlüssel zum Erfolg.

Tim Cook - der neue Henry Ford
Während Steve Jobs ein Visionär und Designer gewesen sei, handle es sich bei Tim Cook um einen Industriellen in der Tradition von Henry Ford, der einst die industrielle Automobilproduktion revolutionierte. „Die Post-PC-Ära, die durch den Erfolg mobiler Geräte wie Smartphones und Tablets gekennzeichnet ist, funktioniert nach ganz anderen Regeln wie die Computerindustrie vor 20, 30 Jahren“, so Dediu.

Nicht Design, Software oder Hardware werde in den nächsten Jahren über Erfolg oder Misserfolg eines Konzerns entscheiden, sondern die Fähigkeit, in kurzen Zeitspannen zu produzieren. Wie man auch an den Verkaufszahlen des iPhone und iPad sehen könne, betrage das Verkaufsfenster für ein neu eingeführtes Produkt gerade einmal noch sechs Monate. „Keine Frage, die Hersteller haben diese Entwicklung selber herbeigeführt. Sie sind jetzt in der schwierigen Situation, ein Jahr an Arbeit innerhalb von sechs Monaten verkaufen zu müssen – und das bei einer Vorgabe von 100 Prozent Absatzplus pro Jahr.“

Wie im Zweiten Weltkrieg
Derartige Produktionssteigerungen wie bei Apple habe es zuletzt vermutlich im Zweiten Weltkrieg gegeben, zeigt sich der Industrie-Analyst überzeugt. Als Beweis für seine These führt Dediu enorme Investitionen in Produktionsequipment an, die sich allein bei Apple mittlerweile auf sieben bis acht Milliarden US-Dollar pro Jahr belaufen sollen. Als einziges logisches Ziel dieser Entwicklung sieht Dediu die Eroberung des Massenmarkts, die aber nur über billigere Produkte gelingen kann. Das von Jobs kategorisch abgelehnte, aber nun wieder kolportierte kleinere iPad könnte ein Schritt in diese Richtung sein.

Langfristiges Ziel: Eine Milliarde Geräte produzieren
„Im Mobiltelefon-Markt müsste Apple langfristig auf 20 Prozent Marktanteil kommen – da reden wir dann aber schon von Stückzahlen von einer Milliarde im Jahr“, wagt Dediu eine ambitionierte Prognose. Zum Vergleich: In den vergangenen drei Quartalen verkaufte Apple

. „Die bisherige Apple-Strategie, sich mit dem iPhone völlig auf den Highend-Markt zu konzentrieren und satte Gewinne einzufahren, hat einige Jahre funktioniert, wird aber adaptiert werden müssen. Dass Apple so lange zögert, in die boomenden Handy-Märkte mit billigeren Geräten reinzugehen, könnte allerdings auch damit zu tun haben, dass sie einfach den optimalen Zeitpunkt abwarten wollen.“

Die Diskussion über die Innovationsfähigkeit von Tim Cook anhand der in diesem Jahr vorgestellten Apple-Produkte hält Dediu für wenig zielführend. „Die Vorlaufzeit für ein Gerät wie das 2007 erschienene iPhone beträgt bis zu fünf Jahre, wenn man die Entwicklung der Touchscreen-Technologie miteinbezieht. Egal, was Tim Cook in seiner Zeit als CEO veranlasst hat oder nicht – man wird es im Produktportfolio derzeit einfach nicht sehen“, sagt Dediu. Und mit dem als nahezu sicher geltenden TV-Gerät habe Apple ohnehin noch einen Trumpf im Ärmel, um die Branche einmal mehr mit einem Produkt zu beeindrucken.

Tim Cook besser als Steve Ballmer
Die ebenfalls wiederholt geäußerte Kritik, Tim Cook könne der Strahlkraft und dem Charisma Steve Jobs nicht das Wasser reichen, sieht Apple-Kenner Dediu ebenfalls differenziert. Beim vielzitierten Auftritt auf der AllThingsD-Konferenz habe der als spröde geltende Cook zwar ein bisschen gekünstelt gut gelaunt gewirkt. In der medialen Außenwirkung, aber auch im Umgang mit Investoren, Geschäftspartnern und Branchenvertretern schlage sich Cook jedoch besser als die meisten CEOs anderer Groß-Konzerne. Microsoft-Chef Steve Ballmer etwa mache eine weitaus schlechtere Figur.

Cook ist definitiv mehr als nur ein trockener, langweiliger Manager. Eine persönliche Besonderheit ist, dass er Worte sehr bedacht wählt und mitunter eine poetische Sprache verwendet, wenn man es am wenigsten erwarten würde“, sagt Dediu. So habe Cook im Jänner 2009 mitten in einer Konferenzschaltung mit Finanzanalysten zu den Apple-Zahlen eine Art Manifest vorgetragen, das in kurzen Sätzen auf den Punkt brachte, wofür Apple steht. „Das war definitiv faszinierend, zumal es ja keine öffentlichkeitswirksame Veranstaltung war und folglich auch medial überhaupt keinen Niederschlag fand“, urteilt Dediu.

Apple größer als Steve Jobs
Daran, dass Apple auch ohne Steve Jobs erfolgreich bleiben werde, hegt der Apple-Kenner angesichts des vorhandenen Teams und der aufgebauten Marke und Unternehmenskultur keine Zweifel: „Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein von einem visionären Gründer aufgebautes Imperium diesen erfolgreich überlebt – man denke nur an Ford, Disney, Boeing oder Ferrari. Steve Jobs hat mit Apple definitiv etwas geschaffen, das größer als seine Person ist.“

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Horace Dediu hat sich in den vergangenen Jahren mit zuverlässigen Apple-Vorhersagen einen Namen gemacht und damit so manch etablierten Analysten großer Bankhäuser alt aussehen lassen. Der viele Jahre bei Nokia tätige 44-Jährige hat 2010 in Helsinki die unabhängige Marktforschungsfirma Asymco gegründet und publiziert die meisten seiner Analysen im gleichnamigen Blog. Im Gegensatz zu vielen "traditionellen" Analysten, die sich auf interne Informationsquellen und Gerüchte berufen, stützt Dediu seine Vorhersagen mehr auf tatsächliches Zahlenmaterial und öffentlich verfügbare Informationen. Damit war er bisher sehr erfolgreich.