B2B
20.08.2016

"Windows 10 ist das schnellst wachsende Windows aller Zeiten"

Die Microsoft-Österreich-Chefin Dorothee Ritz im Interview über Upgrade-Politik, Frauenförderung und den Stellenwert von Start-ups.

futurezone: Es gab es viel Kritik für das Vorgehen von Microsoft beim Windows-10-Upgrade, User sprachen zum Teil sogar von einem “schmutzigen Trick”. Wie sehen Sie das, sollte man Nutzern nicht doch mehr Wahlfreiheit in solchen Dingen geben bzw. weniger aggressive Methoden wählen?
Dorothee Ritz:
Grundsätzlich muss und soll der Nutzer die Wahlfreiheit haben, das ist auch das Grundprinzip, unter dem unsere Produkte hergestellt werden. Am Ende ist das Windows-10-Update aber deshalb wichtig, weil es die Nutzererfahrung für die Kunden sicherer und besser macht. Da muss man irgendwo die Balance finden. Die Updates und die Datensammlung werden am Ende dafür gemacht, um das Produkt zu verbessern - auch im Bereich dessen, was die Kunden wollen. Der Windows-10-Client wird im Hintergrund hochgeladen, damit nicht zuerst einmal ein stundenlanges Update irgendwo startet, das das System lahmlegt. Kritische Fälle kommen dann natürlich immer da auf, wo eventuell die Verbindung gerade schlecht ist, oder das Update startet in einem Moment, wo es der Kunde gerade nicht will. Aber es ist uns natürlich vor allem in Hinblick auf die Sicherheit sehr wichtig, dass die Kunden auf dem neuesten Stand sind.

Oft sind gerade Unternehmen recht langsam mit den Update-Prozessen - wie viel Prozent der österreichischen KMUs sind schon umgestiegen?
Die KMUs sind eigentlich weniger ein Thema, weil sie nicht so eine große Applikationslandschaft haben. Länger dauert es immer dort, wo wir erst einmal alle Applikationen durchtesten müssen, die in einem Unternehmen vorhanden sind. Der Wille, auch bei den Großunternehmen, ist häufig schon sehr früh da. Letztlich muss aber gewährleistet sein, dass nach dem Update sämtliche Tools, die in der Firma benutzt werden, weiterhin reibungslos laufen. Da richten wir uns auch stark nach den jeweiligen Kunden, etwa, welche Business-Prioritäten sie gerade haben. Zu einem Quartals- oder Jahresabschluss wird es eher kein guter Moment sein.

Gibt es noch einen hohen Anteil an XP-Nutzern?
Nein. Da gibt es nur mehr einen kleinen Anteil an aktiven Nutzern. Die große Bewegung gibt es vielmehr von Windows 7 zu Windows 10, das derzeit das schnellst wachsende Windows aller Zeiten ist. Weltweit gibt es bereits mehr als 350 Millionen Nutzer. Das hat in so kurzer Zeit noch kein Betriebssystem davor geschafft.

Was sind für Microsoft in Österreich die wichtigsten Themen und Strategien, mit denen man auch langfristig Geld verdienen will?
Microsoft-CEO Satya Nadella hat da eine klare Umsetzungsstrategie formuliert, die an die Vision von Bill Gates anschließt: “Empower every person to achieve more”. Dieses Mehr schaffen bedeutet: Jeder, egal ob Privatperson oder Unternehmen, soll die Möglichkeit haben, seine Produktivität zu steigern und sein Potenzial auszuschöpfen. Wir haben das in drei Kernbereiche heruntergebrochen: Personal Computing - dabei wollen wir Mobilität ermöglichen und diese sicher und einheitlich machen. Hier sprechen wir von Windows 10 und Endgeräten. Der zweite Bereich ist das Produktivitätskonzept zu erneuern - da geht es etwa um Kollaboration oder veränderte Businessprozesse. Das betrifft zum Beispiel Office oder unser CRM-System (Customer Relationship Management Anm.). Im dritten Bereich geht es um die intelligente Cloud, da gehört etwa das Thema Internet of Things dazu. Davon abgesehen ist speziell in Österreich das Thema “Moderne Arbeitswelt” ein dominierendes, ebenso wie die Optimierung von Business-Prozessen. Internet of Things entwickelt sich hierzulande ebenfalls, ist aber noch ein kleiner Bereich.

In welchen Geschäftsbereichen erwarten sie das stärkste Wachstum?
Auf jeden Fall werden wir einen wachsenden Anteil an Cloud-Umsätzen in den nächsten Jahren haben. Wie schnell sich das in Österreich entwickelt, dass wir über 50 Prozent landen, ist allerdings noch schwer zu sagen.

Welche Relevanz hat das Smartphone-Geschäft noch für Microsoft?
Das Smartphone-Business ist relevant, aber von der Mobility-Plattform-Seite aus gesehen. Da gehören natürlich auch Endgeräte dazu - wobei es Microsoft ein Stück weit egal ist, ob es eigene Geräte oder jene von Drittanbietern sind. Wir sind nicht hingegangen und haben gesagt: Wir wollen unbedingt Smartphone-Anbieter werden. Wir wollen das bestmögliche Nutzererlebnis bieten und wenn es kein Drittanbieter für uns macht, dann machen wir es selbst. Es geht uns dabei stark um den Business-Productivity-Bereich und da wollen uns die Kunden auch.

Wenn man von Cloud Computing spricht, ist Datenschutz immer ein großes Thema. In den USA wollten Behörden auch Zugriff auf europäische Server. Wie geht Microsoft damit um?
Eine Seite sind die faktischen, rechtlichen Rahmenbedingungen, die andere Seite das gute Gefühl und das Vertrauen. Ein Kunde “geht” nur dann in die Cloud, wenn er glaubt, dass der Business-Vorteil so groß ist, dass er bereit ist, sich durch diese ganzen Bedenken durchzuarbeiten. Wichtig ist Transparenz. Kunden haben ein Recht darauf zu erfahren, wo ihre Daten sind und die Kontrolle darüber zu haben. Wir haben eine klare Haltung, so haben wir ja auch die US-Regierung geklagt, damit die nicht einfach Daten von US-Bürgern aus unserem Datencenter in Irland einfordern kann. Es gibt internationale Abkommen, wo man im gegebenen Fall ganz normal über den staatlichen Weg Daten anfordern kann, das war etwa nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo der Fall. Es gibt keinen Grund, diesen Weg nicht einzuhalten. Wir wehren uns gegen einen direkten Durchgriff auf unsere Datencenter. Und wir wollen so viel Transparenz, dass Microsoft seinen Kunden sagen kann, wann deren Daten von der Regierung abgerufen wurden.

Wie bewerten Sie die gesetzliche Lage bezüglich Datenschutz in Österreich?
Österreich hat sicher eines der strengsten Datenschutzgesetze. Da gibt es auch einen bestimmten Reformbedarf. Letztlich ist das Problem aber oft gar nicht so groß, wie man denkt. Für viele Dinge gibt es bereits Lösungen und für viele Dinge, die man konkret tun will, kann man durchaus Lösungen schaffen. Es geht etwa darum, zu definieren, um welche Art von Daten es sich handelt und wofür man spezifische Lösungen als Unternehmen braucht. Es geht nicht immer nur um hoch sensitive Daten.

Welche Rolle spielen Start-ups für Microsoft als Konzern bzw. speziell auch für Microsoft Österreich?
Mit BizSpark haben wir schon lange ein Programm, wo neugegründete Unternehmen auf unsere Infrastruktur zugreifen können. Das war früher noch sehr stark physische Ausstattung, heute sind es vor allem Cloud-Kapazitäten. Runtastic ist unser bekanntestes “BizSpark-Unternehmen”. Dann gibt es das BizSpark-Plus-Programm, wo wir auch im Bereich Mentoring Unterstützung anbieten. Der größte Mehrwert, den wir Start-ups geben können, ist unser großes Partnernetzwerk und unser großer Kundenstamm - uns da zu öffnen, zusammenzuarbeiten und Interessenten mit Lösungsansätzen zusammenzubringen. In größeren Märkten wie Deutschland haben wir auch Venture Funds, wo wir mit bestimmten Start-ups wie ein Business Angel zusammenarbeiten. Es wird sich zeigen, wie sich das künftig entwickelt. In Bereichen wie Internet of Things gibt es da sicher wunderbare Möglichkeiten mit Start-ups zusammenzuarbeiten.

Wo sehen Sie derzeit die technologisch spannendsten Entwicklungen?
Da geht es auch um die Frage: Worauf fokussiert man. Ein wesentliches Thema ist Gesundheit. Es gibt einerseits Druck auf der Kostenseite, gleichzeitig die Möglichkeit, Innovation zu betreiben. Das geht von Onlineberatung für Patienten bis hin zum Hüftgelenk aus dem 3D-Drucker. Einen weiteren wichtigen Bereich sehe ich in der Bildung. Ich denke dabei zum Beispiel an eine Firma aus Schottland, die eine Lösung entwickelt hat, sodass von Legasthenie betroffene Kinder normal lernen können, weil eine Applikation diese Schwäche während des Lernens ausgleicht. Für Österreich sehe ich ein Kernthema im Smart Manufacturing - wir haben viele verarbeitende Betriebe, die die Kraft zur Innovation haben.

Als Frau ist man in einer Führungsposition im Technologiesektor oft noch die Ausnahme und wird als etwas “Besonderes” oder “Ungewöhnliches” angesehen. Was sind Ihre Erfahrungen?
Ich hatte nie das Gefühl, dass etwas für mich schwieriger ist, weil ich eine Frau bin. Ich war eigentlich immer in Unternehmen tätig, die Diversität als besonders wichtig empfunden haben. Bei Microsoft ist es ganz klar so, dass gesagt wird: Wir können uns nicht leisten, auf 50 Prozent der Talente zu verzichten, und wir können unsere Kundenbedürfnisse nur dann bedienen, wenn wir auch in unseren Teams diese Diversifizierung abbilden. Natürlich war es früher härter: Ich war bei Microsoft Deutschland zunächst die einzige Frau in der Geschäftsleitung, das war schwieriger als später, wo man dann einen Frauenanteil von 40 Prozent hatte.

Wie achten Sie heute in Ihrem Unternehmen auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis?
Bei uns wird es gelebt. Am Ende muss das Arbeitsumfeld stimmen. Wir sind nicht nur Frauen, sondern auch Frauen mit Familien und Kindern. Es ist bei Meetings die Regel, dass es Einladungen für Videokonferenzen gibt. Da muss man eben auch mal akzeptieren, dass hinten durchs Bild ein Kind flitzt. Solange die Ergebnisse stimmen und die Beziehung zu den Kollegen nicht leidet, müssen solche Dinge möglich sein. So etwas erreicht man erst, wenn ein bestimmter Anteil von Frauen da ist oder es Männer gibt, die genauso viel Wert darauf legen. Die schwierigste Phase ist oft, die Frauen von der Eingangsstufe ins Unternehmen in die Personalverantwortung zu holen. Diesen Weg durch das Unternehmen muss man sehr klar fördern.

Wie tun Sie das?
Wir haben eigene Programme dafür, weil manche auch ab und zu etwas Anstoß brauchen. Allein, wenn man darauf achtet, dass Frauen immer mit im Bewerbungsprozess sind, ändert das schon ganz viel. Wichtig ist natürlich auch zu schauen, wie man Frauen wieder zurück ins Unternehmen holt. Und eines ist klar: Wenn man Frauen in Vorbildpositionen im Unternehmen hat, ist das etwas, das sich durch den gesamten Betrieb durchzieht.