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B2B
02/08/2019

"Wir sehen die Asiatisierung der Welt"

Der Autor und Strategieberater Paragh Khanna über das "asiatische Jahrhundert", chinesische Massenüberwachung und Fake-News in Online-Netzwerken.

von Patrick Dax

Das 21. Jahrhundert werde des Jahrhundert Asiens, sagt der Autor und Gründer des Beratungsunternehmens FutureMap Parag Khanna, der Ende Jänner bei der Münchner Innovationskonferenz DLD (Digital Life Design) zu Gast war. Dieser Tage erscheint im angloamerikanischen Raum auch Khannas jüngstes Buch „The Future is Asian„ (“Die Zukunft ist asiatisch“). Im Gespräch mit der futurezone erläutert Khanna die Gründe für den Aufstieg des Kontinents zur ökonomischen und technologischen Supermacht.

futurezone: In ihrem jüngsten Buch rufen sie das asiatische Jahrhundert aus. Wo liegen die Gründe für den Aufstieg Asiens?
Parag Khanna: Asien ist bereits heute die wirtschaftlich bedeutenste Region der Welt. 40 Prozent der Weltwirtschaftsleistung geht auf Asien zurück. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt dort. Es gibt Innovation und Experimente und viel Dynamik. Amerika, Afrika und selbst Europa werden asiatischer und orientieren sich an dem Kontinent. Wir sehen die Asiatisierung der Welt.

Was verstehen Sie unter Asiatisierung?
Es geht nicht nur um Handelsbeziehungen. Die Anzahl der Asiaten, die in Europa leben steigt, viele Europäer lernen nun Chinesisch statt Französisch. Die Asiatisierung lässt sich an vielen Punkten festmachen.
Asien wird auch sichtbarer. Der Film „Crazy Rich Asians“ war im vergangenen Jahr in den USA sehr erfolgreich.

Welche Rolle spielt Technologie in diesem Szenario?
Eine große. Technologie hat sehr stark zum Aufstieg Asiens beigetragen. Begonnen hat es im 20. Jahrhundert mit Japan. Daran haben sich auch Südkorea und China orientiert. China wurde zur ökonomischen und technologischen Supermacht, indem es Japan kopiert und von Amerika gestohlen hat, um es hart auszudrücken. Man hat sich US-Technologie angeeignet und selbst produziert. Heute ist Asien Schauplatz enormer technologischer Innovationen.

In China wird Technologie auch eingesetzt, um die Bevölkerung etwa mit dem Sozialkreditsystem zu überwachen und zu sanktionieren. Hat das Vorbildfunktion?
Die Schlüsseltechnologien, die in China zum Einsatz kommen, unterscheiden sich nicht von denen in anderen Ländern. Ein Sozialkreditsystem ist aber nur in China vorstellbar. In Indien würde es nicht funktionieren. Dort gibt es bereits eine demokratische Gesellschaft, die würde sich das nicht gefallen lassen. So etwas funktioniert nur in autoritären Ländern. In China und vielleicht in Nordkorea. Aber dort hat nicht jeder ein Smartphone.

Man muss sich also keine Sorgen machen.
Nein, aus einer Reihe von Gründen nicht. Es ist selbst in China nur ein Experiment. Das Sozialkreditsystem ist auch nicht nur schlecht. In China kommt es unter anderem bei der Betrugsbekämpfung zum Einsatz. Tausende Kinder sterben dort an vergifteter Babynahrung. Gewisse Teile des Systems sind allerdings wirklich böse. Wenn Ihnen etwa der Pass abgenommen wird, weil sie den Präsidenten als korrupt bezeichnet haben. Aber es geht nicht nur darum. Wir müssen verschiedene Aspekte berücksichtigen.

Wie positionieren Sie Europa im globalen Kräftespiel?
Europa spielt eine sehr wichtige Rolle, wenn es darum geht, technologische Innovationen mit Datenschutz in Einklang zu bringen. Man vertraut dem amerikanischen und dem chinesischen Modell nicht. Europa hat in vielen Bereichen, von der Produktsicherheit bis hin zum Datenschutz, eine Vorbildfunktion.

Wir sehen in westlichen Gesellschaften einen Trend zum Seperatismus. In Amerika will Trump eine Mauer bauen, Großbritannien tritt aus der EU aus. Welche Auswirkungen hat das?
Es wird so getan als seien Brexit und Trump Teil eines globalen Trends. Das sind sie aber nicht. Es sind angloamerikanische Trends und die sozialen Standards in diesen Ländern sind nicht besonders hoch. In Asien werden hingegen Grenzen abgebaut, Mauern werden eingerissen und die Migration nimmt zu. Die Leute lieben die Globalisierung und umarmen neue Technologien. Für die USA oder Großbritannien sehe ich keine Zukunft. Was ich sehe ist Selbstzerstörung.

Technologie, etwa Propaganda und Hassreden in Online-Netzwerken, hat dabei auch eine Rolle gespielt. Wie können diese Probleme bewältigt werden?
Social Media-Technologien wurden im Westen erfunden. Zur Zeit stehen wir ihnen sehr kritisch gegenüber, wir glauben, dass sie eher ein Problem als eine Lösung darstellen. In Asien sieht man das anders. Das hat auch damit zu tun, dass sehr darauf geachtet wird, dass destruktive Inhalte entfernt werden. Es gibt strenge Regeln und hohe Strafen.

In Indien haben vor kurzem Lynchmobs nach Fake-News in Online-Netzwerken für Aufsehen gesorgt.
Das passiert nicht allzu oft. Es ist eine Anekdote. Der Trend geht in eine andere Richtung. Online-Netzwerke werden zur Diskussion relevanter Themen genutzt und helfen bei der Information von Bürgern. Dadurch steigt auch die Wahlbeteiligung und die politische Teilnahme. In Asien werden diese Technologien gerne genutzt, in Europa hasst man sie.

Gibt es Gründe, für die Zukunft optimistisch zu sein?
Viele. Die Globalisierung geht weiter. Die Finanzkrise und die Handelskriege konnten sie nicht zerstören. Auch Verteilungsgerechtigkeit gewinnt an Bedeutung, das zeigt sich an Bewegungen wie Occupy Wall Street in den USA oder den Gelbwesten in Frankreich, die Veränderungen erzwingen wollen. Auch das ist ein Grund optimistisch zu sein.