Digital Life
21.03.2013

Airbnb: "Wie wir leben, ist komplett absurd"

Die 2008 gegründete Vermietungsplattform Airbnb zählt zu den Silicon-Valley-Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahren. Über 300.000 Inserate an über 35.000 Orten sind mittlerweile auf Airbnb zu finden, allein 2012 verzeichnete die Plattform drei Millionen Gäste. Warum das Teilen des eigenen Hab und Guts das ureigene Bedürfnis der Menschheit nach sozialem Austausch bedient, erklärt Airbnb Vice President International Martin Reiter im Gespräch mit der futurezone.

11.000 Villen, 1000 Boote, 500 Schlösser und 500 Baumhäuser. Wer bei seinem Urlaub ein außergewöhnliches Quartier sucht oder den Reiseort mithilfe einheimischer Gastgeber vor Ort kennenlernen möchte, ist bei Plattformen wie Airbnb richtig. Neben diesem etwas anderen Zugang zu Tourismus steht Airbnb auch für die „Share Economy", die ausgehend von der Social-Media-Revolution in den vergangenen Jahren mit Carsharing- oder eben Wohnungs-Plattformen eine neue Dimension erlangte.

futurezone: Welche Leute nutzen Airbnb hauptsächlich?
Reiter: Gäste, aber auch Gastgeber sind interessanterweise älter, als viele vermuten. Die demografisch stärkste Gruppe sind nicht Studenten, sondern Mitt- und Spät-Dreißigjährige. Interessanterweise sind zudem relativ viele Pensionisten als Gastgeber vertreten. Wir erklären uns das so: Wenn die Kinder ausgezogen sind, ist Airbnb eine wunderbare Möglichkeit, die mitunter auch emotionale Leere im Haus auszufüllen.

Airbnb-Domizile in Bildern

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PHOTOS JILL JENNINGSAUGILLCASTLE

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Das setzt aber auch voraus, dass diese Leute internet- und technologie-affin sind, da Airbnb über das Web funktioniert.
Man darf die Generationen über uns nicht unterschätzen, die machen da schon mit und nutzen Facebook und das Internet genauso. Von Airbnb erfahren sie vielleicht von ihren Kindern, aber auch das ist nicht ungewöhnlich. Mundpropaganda ist durch alle unsere Usergruppen hindurch unser stärkster Verbreitungskanal.

Was ist die Motivation der Reisenden?
Viele wollen das Land und die Umgebung, in die sie reisen, wirklich kennenlernen und vom Austausch mit Menschen profitieren, die tatsächlich vor Ort leben. New York ist hierfür das beste Beispiel: Fast alle Hotels befinden sich in Manhatten rund um den Times Square, in Wahrheit lebt aber kein New Yorker dort und geht erst recht nicht freiwillig dorthin. Da ist man mit privaten Unterkünften in anderen Stadtteilen näher am Alltag der Stadt dran.

Der eigentlich aus den 80er-Jahren stammende Begriff der „Share Economy" wird derzeit viel bemüht. Was verstehen Sie darunter?
Das ist eine neue Art des Wirtschaftens, die tatsächlich erst durch den technologischen Fortschritt der vergangenen Jahre, die Verfügbarkeit des Internets, mobile Geräte, soziale Plattformen etc. möglich wurde. Share Economy zeigt einen Weg auf, wie man als Gesellschaft mehr konsumieren und gleichzeitig nachhaltiger leben kann. Die Popularität von Carsharing-Plattformen ist das beste Beispiel dafür.

Das Auto als Statussymbol und Besitzobjekt hat also ausgedient?
Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass jemand, der sich 30, 40 Jahre über den Besitz eines Autos definiert hat, seine Ansicht von heute auf morgen ändern wird. Fakt ist aber auch: Ein Auto zu besitzen wird immer teurer. Wenn – wie in der Stadt bereits mit Plattformen wie Car2Go ansatzweise umgesetzt – man ein Auto unkompliziert stunden- und tageweise mieten kann, stellt man sich schnell die Frage, ob es sich rentiert, Monat für Monat mehrere Hundert Euro auszugeben, nur um ein eigenes Fahrzeug zu besitzen.

Kann man bei einem börsennotierten milliardenschweren Konzern wie etwa Facebook, der als Inbegriff der Sharing-Mentalität gilt, in Wahrheit aber klassisch marktwirtschaftlich orientiert ist, wirklich von einem „neuen Wirtschaften" sprechen?
Ich denke, das hängt tatsächlich vom Geschäftsmodell dahinter ab. Facebook ist ein werbebasiertes Modell, während Airbnb auf Transaktionen aufbaut. Das heißt, nur wenn unsere User erfolgreich sind, dann verdienen auch wir als Plattform Geld. Das ist ein großer Unterschied.

Airbnb erinnert durch seine ausgeprägte Community und das starke Wachstum ein wenig an Wikipedia in den Anfangstagen. Haben Sie keine Angst, dass der User-Zuwachs wie bei Wikipedia zu Problemen – etwa hinsichtlich der Qualität des Angebots und der besonderen Charakteristik der Plattform - führen kann?
Wenn man in den Mainstream vorstößt, muss man aufpassen, dass das natürliche Immunsystem der Community und deren Zusammenhalt nicht zusammenbricht. Zudem ist es ganz wichtig, die gemeinsamen Werte und die etablierte Kultur aufrecht zu erhalten. Dass unsere Gastgeber authentisch sind und sich um ihre Gäste kümmern, ist eine Grundvoraussetzung.

So etwas kann man aber nur schwer steuern oder kontrollieren, gerade wenn viele neue User dazukommen.
Das Bewertungssystem von Gastgebern und Reisenden trägt viel zur Selbstregulierung bei. Wer zudem diese Werte nicht teilt, wird im Normalfall auch nicht diese besonderen Erlebnisse haben, die Airbnb eigentlich auszeichnen. Von unserer Seite wiederum investieren wir viel darin, die Qualitätsstandards hochzuhalten. Das fängt bei den Fotografien und der Inserate-Gestaltung an und hört bei der Kommunikation unserer Werte auf.

eBay, das anfänglich als privater Marktplatz gestartet wurde, verändert sich mehr und mehr zu einer Plattform für professionelle Anbieter und Verkäufer. Droht Airbnb nicht das gleiche Schicksal?
Derzeit fokussieren wir fast ausschließlich auf private Anbieter. Der Lebenshintergrund, die Emotionen der Vermieter spiegeln sich in den angebotenen Wohnungen und Zimmern wider. Diese Authentizität geht bei rein professionellen Anbietern verloren. Aus Sicht der Vermieter spricht auch einiges gegen das professionelle Geschäft. Wenn ich erst eine zweite Wohnung kaufen muss, um diese vermieten zu können, dann bleibt mir für mein tägliches Leben ja wieder nichts übrig. Wenn ich hingegen meine Wohnung oder mein Haus teilweise vermiete, kann ich die Lebenserhaltungskosten reduzieren und bin finanziell viel unabhängiger.

Rechnen Sie damit, dass klassische Tourismus-Anbieter auf den von Plattformen wie Airbnb ausgelösten Trend zu Privat-Unterkünften reagieren werden?
Ich denke, da gibt es kaum Überschneidungen, das sind auch ganz andere Bedürfnisse, die da bedient werden. Dass mehr Leute, die heute vielleicht nur pauschale Angebote buchen, entdecken, wie viel man bei einem Aufenthalt bei einem lokal verwurzelten Gastgeber entdecken kann, ist sicher denkbar. Vermutlich wird es ein Nebeneinander beider Tourismus-Modelle geben.

Der derzeitige Boom von Ballungsräumen fördert ja eher die Anonymität. Wird dadurch nicht die Scheu größer, sich bei einer Reise auf fremde Personen einzulassen und deren private Wohnungen (mit) zu nutzen?
Natürlich ist da eine Scheu da, aber ist die Scheu das Ziel? Wollen sich die Leute wirklich fernhalten oder gibt es eben durch das Leben in der Stadt Hindernisse, die den zwischenmenschlichen Austausch verhindern? Ich persönlich finde, dass mein Leben deutlich reicher ist, wenn ich unterschiedliche Menschen kennenlerne, auf die ich in meinem Beruf- oder Lebensumfeld sonst vermutlich gar nicht treffen würde.

Das Internet wird also zum Hilfsmittel, um die sozialen Kontakte wieder in der Offline-Welt zu verankern?
Wenn wir den großen Philosophen und Denkern vergangener Zeiten unsere heutige Welt zeigen würden, würden sie wohl zu dem Schluss kommen, dass es völlig absurd ist, wie wir leben. Der Mensch ist ein zutiefst soziales Wesen, der kollaborativ Ziele erreichen will und aus diesem Miteinander Energie schöpft. Der einzige Ort, an dem dieses Konzept heute noch aufrecht ist, ist der Arbeitsplatz. Mit dem Home Office und einer flexibleren Gestaltung verliert sich aber auch noch dieser Aspekt.

Das heißt, Sie sind wie Marissa Mayer für die Abschaffung des Home Office?
Ich arbeite selber viel von zuhause und von unterwegs. Das ist oftmals auch unvermeidlich. Gleichzeitig merke ich, dass diese Art des Arbeitens auch eine gewisse Lücke hinterlässt.

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