© Jakob Steinschaden

Interview
11/09/2011

Andrew Keen: „Netzwerke sind nicht sozial“

Der Buchautor, Techcrunch-Blogger und renommierte Internet-Kritiker wird 2012 mit "Digital Vertigo" ein neues Buch veröffentlichen. Über sein "antisoziales Manifest" hat er mit der futurezone in Santa Rosa gesprochen.

von Jakob Steinschaden

“Antichrist of Silicon Valley“ steht auf seiner Visitenkarte – und das für viele zurecht: Denn Buchautor Andrew Keen hat sich mit jenem Typ Web-Unternehmen angelegt, wie es sie in der Region bei San Francisco zu Tausenden gibt. Wetterte er 2007 in seinem internationalen Bestseller „Die Stunde der Stümper“ gegen die  Auswirkungen des Mitmach-Internet auf unsere Kultur, schießt er sich jetzt aufs „Social Web“, allen voran Twitter und Facebook,  ein.
2012 will er mit „Digital Vertigo“ (eine Anspielung auf Alfred Hitchcocks Klassiker “Vertigo”) ein „antisoziales Manifest“ veröffentlichen. Die futurezone hat Keen in seinem Haus in Santa Clara, rund 90 Kilometer von San Francisco, besucht und mit ihm über sein kommendes Werk gesprochen.

In Ihrem kommenden Buch “Digital Vertigo” attackieren Sie das Social Web. Warum?
Ich bin kein Reaktionär, der sagt, dass wir die Uhren zurückdrehen und von digitalen ins industrielle Zeitalter zurückkehren sollten. Der Boom des Social Web hat neben Twitter und Facebook hunderte ähnliche Firmen im Silicon Valley hervorgebracht, die alle behaupten, dass soziale Netzwerke das Ausbildungssystem, die Wirtschaft oder unsere persönliche Freiheit retten können. Um echte Gemeinschaften und individuelle Zufriedenheit aufrecht zu erhalten, brauchen wir aber weiterhin Privatsphäre und Autonomie - und genau das nimmt uns das Internet weg.

Laut Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist Privatsphäre nicht mehr zeitgemäß. Täuscht er sich?
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will das Internet in einen großen College-Schlafsaal verwandeln, ein Ort, wo jeder jeden kennt und wo es keinen privaten Raum gibt. Wollen wir eine Welt, wo wir online leben wie in einem Dorf? Soziale Netzwerke sind die ultimativen Dörfer, in denen es keine Toleranz für Differenzierung gibt. Wenn man heute im Web anonym sein will, muss man sich den Hackern von Anonymous anschließen und sich in die Illegalität begeben. Das Internet wird zunehmends ein hässlicher Ort.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat das?
Online-Netzwerke dringen in immer mehr Lebensbereiche ein, von der Arbeit bis in die Verwaltung. Sie fördern den Kollektivismus und die Konformität. Online-Netzwerke sind nicht wirklich sozial, weil sie viel eher radikalen Individualismus und Narzissmus zur Folge haben.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wird Ihr Buch also hassen.
Nein, das glaube ich nicht, aber er wird nicht mit mir übereinstimmen. Er hat ja recht, wenn er sagt, dass das Social Web die Zukunft ist. Facebook verändert gerade die Medienwelt, und danach wird es die Erziehung, die Wirtschaft und die Politik verändern, was seine Macht und seine Bedeutung zeigt.

Das klingt alles sehr pessimistisch. Viele sehen in Social-Media-Angeboten positive Auswirkungen - etwa bei politischer Partizipation und sozialem Engagement.
Ich greife wie auch der französische Philosoph Michel Foucault das “Panoptikum” des britischen Architekten Jeremy Bentham aus dem 18. Jahrhunderts auf. Er hat ein Gefängnis entworfen, in denen ein einzelner Wärter sehr viele Insassen gleichzeitig und ohne großen Aufwand überwachen. Das Internet ist die Verwirklichung dieser Idee. Der Unterschied ist nur, dass wir heute alle freiwillig beobachtet werden wollen.

Wieso sind wir so exhibitionistisch?
Es wäre zu einfach, das nur auf den gestiegenen Narzissmus zurückzuführen. Die Digitalisierung der Wirtschaft hat große Organisationen entwertet und die Hierarchien des industriellen Zeitalters verflacht. Heute arbeiten wir weniger für eine Firma als vielmehr für uns selbst. Social Media ist die Plattform, auf der wir uns selbst bewerben. Immer mehr Menschen sind dazu gezwungen, zu einem Produkt und zu einer Marke zu werden und müssen Facebook und Twitter zur Eigenbewerbung nutzen.

Wie drückt sich das im Alltag aus?
Die neue Welt ist viel kompetitiver. Bei Twitter sieht man das etwa sehr gut, wo die Wichtigkeit jedes Nutzers oft dadurch definiert wird, wie viele Follower er hat. Das gleiche gilt für Facebook oder den neuen Dienst Klout.com, wo Nutzer nach ihrem Einfluss auf andere eingestuft werden.

Sehen Sie einen Ausweg aus dieser Entwicklung?
Nein, Facebook ist kein Fetisch, den wir wieder ablegen können. Man kann nicht einfach wieder offline gehen, weil man dann irrelevant wird. Wir müssen akzeptieren, dass die sozialen Netzwerke unsere Zukunft prägen werden, aber wir dürfen nicht der Utopie verfallen, dass das Internet alles zum Guten wendet. Während der industriellen Revolution waren die Ideen von Marx populär, dass die Industrialisierung jedem zugute kommen kann. Aber das hat sich nicht eingestellt.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Druck der sozialen Medien um?
Ich kann auch nicht aus dem ausbrechen, ich muss mich als Autor, Redner und Redakteur genauso via Facebook und Twitter promoten wie andere.

Könnte ein großer Cyber-Krieg mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die Bevölerung eine weltweite Offline-Bewegung zur Folge haben?
Ich glaube nicht an einen großen Cyber-Krieg “USA vs. China”. Die Online-Konflikte, die es heute gibt, finden zwischen Staaten und kaum greifbaren Gruppen wie WikiLeaks und Anonymous statt. Die Frage ist eher, wie schnell sich Technologie noch entwickeln kann und wie lange es noch so schnell weitergehen kann. Kann das Internet schneller als Echtzeit werden? Nicht einmal Twitter-Mitgründer Biz Stone weiß darauf eine Antwort. Die industrielle Revolution hat auch alles verändert, wurde aber an einem bestimmten Punkt von der digitalen Revolution abgelöst. Die meisten Leute mögen schon heute den Gedanken nicht, dass sie Sklave ihres Smartphones oder Tablet-Computers sind. Sie glauben nicht daran, dass man immer und überall mit dem Internet verbunden sein muss. Es wird sicher Gegenbewegungen geben, aber es bleibt abzuwarten, wie tiefgreifend und populär diese sein werden.

Derzeit zeichnet sich ein solcher Trend jedenfalls nicht ab.
Die meisten Leute können nicht einfach ihr iPhone zerschmettern. Immer verbunden zu sein, bedeutet Macht, und ohne diese werden wir irrelevant. Nur die ganz Reichen können sich das leisten, denn die haben Diener, die die Kontakte zur Außenwelt für sie übernehmen.

Gäbe es eine andere Lösung als offline zu gehen?
Städte sind auch deswegen lebenswerte Orte, weil sie uns die Möglichkeit geben, anonym zu sein, weil sie vergessen können. Das Internet vergisst nichts, und Firmen wie Google sind sehr schlecht darin, die Notwendigkeit des Vergessens zu erlernen.

Themenwechsel: Wie bewerten Sie Ihr 2007 erschienenes Buch “Die Stunde der Stümper”, das sehr unterschiedlich aufgenommen wurde?
Ich glaube, ich habe nicht zu 100 Prozent recht gehabt, aber zumindest in mehr als 50 Prozent der Punkte. Viele Beobachter teilen mittlerweile meine Sicht, dass sich die Medien, Künstler, Musiker und Autoren in einer Krise befinden. Ich habe auch Recht behalten, dass alternative Geschäftsmodelle zum traditionellen Bezahlen von Inhalten weitgehend fehlen. Das Werbemodell funktioniert bei hochqualitativem Content nicht. Wenn man die Huffington Post mit der New York Times vergleicht, sieht man, dass sie lediglich Content neu verpackt, während die NYT weiter hohe Kosten hat, um Stories selbst zu recherchieren. Ich habe außerdem vorausgesagt, dass Buchgeschäfte und Videotheken aussterben werden.

In allen Punkten haben Sie aber nicht Recht behalten.
Zugegeben: Das schwächste Kapitel war das über Problemlösungen. Fast alle von mir vorgeschlagenen Firmen, etwa Joost, sind fehlgeschlagen. Und das Kapitel über Online-Glücksspiele und Online-Pornographie war ziemlich reaktionär.

Sie haben auch geschrieben, dass traditionelle Quellen vertrauenswürdiger sind als Social-Media-Nutzer. Haben etwa die Proteste in Nordafrika, die im Ausland stark via YouTube, Twitter und Facebook miterlebt wurden, geändert?
Das Problem mit Twitter ist, dass es nicht kuratiert wird. Man weiß nie genau, wer da wirklich etwas veröffentlicht. Es gab etwa diesen Mann in der Türkei, der behauptete, als lesbische Syrerin zu bloggen, und er hat viele eine lange Zeit an der Nase herumgeführt. In einem traditionellen Mediensystem wäre er sehr viel schneller aufgeflogen. Ich glaube, dass der wichtigste Faktor Arbeit ist. Das beste Medium ist jenes, in das die meiste Arbeit investiert wird, denn menschliche Arbeit hat signifikanten Wert bei der Erstellung von Inhalten, egal ob sie von einem Redakteur oder einem Toningenieur erledigt wird.  Ich will nicht den Umstand feiern, dass sich Menschen, die Technologie nutzen, zwischen Journalisten von ihrem Publikum stellen. Ich will auch nicht, dass sich Autoren und Publikum vermischen und heiße nicht gut, dass diese Trennung, die es im industriellen Zeitalter noch gab, verschwindet.

Wie beurteilen Sie die Rolle von Facebook und Twitter in Nordafrika?
Es besteht kein Zweifel, dass Facebook und Twitter zum Arabischen Frühling beigetragen haben. Aber die Geschichte der Revolution ist noch nicht fertig geschrieben, und langfristig wird sie in Oligarchien oder authoritären Regimen enden. Es gibt nur sehr wenig Anzeichen, dass sich im Nahen Osten echte Demokratie entwickelt. Social Media mag ein wenig helfen, aber selbst in Ägypten, dem vielersprechendsten Land, schaut es nicht gut aus.

Social Media bewegt aus Ihrer Sicht also sehr wenig.
Echte Revolutionen brauchen physisches Engagement der Menschen. Es ist kein Zufall, dass jene Bewegungen des späten 20. Jahrhunderts mit den größten Demokratiebestrebungen in der DDR und Polen stattgefunden haben. Dort gab es ohne Social Media große Solidarität in der Bevölkerung, und diese Solidarität resultierte aus selbstverlegten Büchern, Zeitungen und echten Treffen. Wenn Social Media 1989 in Polen existiert hätte, wäre die Gesellschaft nicht so solidarisch gewesen.

Der britische Premier David Cameron hat offensichtlich trotzdem Angst vor Volksaufständen und will Facebook und Twitter in so einem Fall abdrehen können.
Das ist nicht akzeptabel. Die Realität ist ja, dass man als Vandale, der darüber bei Facebook oder Twitter schreibt, viel leichter geschnappt wird. Ich wette, die Polizei hat während der Riots die Hälfte ihrer Zeit damit verbracht, Social-Media-Seiten zu durchforsten. So fundamentale Probleme einer Gesellschaft kann man nicht einfach damit beantworten, das Internet abzudrehen.

Sind also Staaten gefährlicher als Unternehmen für die Freiheit des Web?
Nein. Ich fürchte Firmen mehr, weil sie dazu tendieren, immer mächtiger zu werden. Die Regierungen in den USA oder England etwa sind sehr schwach. Ich fürchte mich mehr vor Google und Facebook als vor dem Staat, denn sie ziehen im Gegensatz zu bürokratischen Staatsapparaten die smarteren Leute an. Julian Assange hat ja etwa gesagt, Facebook hätte auch von der CIA erfunden werden können, weil man damit jeden zu jeder Zeit observieren kann. Wer nicht beobachtet werden will, sollte nicht im Internet sein. Google ist heute mächtiger als die Stasi in der DDR. Das heißt nicht, dass sie wie die Stasi sind, aber wenn die Firma in der Zukunft von anderen übernommen wird, sieht die Sache anders aus.

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Über Andrew Keen: In London geboren, gehörte Andrew Keen (51) zu jener Unternehmerriege, die in den 1990ern ins Silicon Valley gingen, um Web-Firmen aufzubauen. Im Zuge der Gründung seines Musik-Dienstes Audiocafe.com erlebte Keen die Schattenseiten des Mitmach-Internet hautnah mit und wandte sich daraufhin gegen die Internet-Branche. In seinem 2007 erschienen, kontroversen Bestseller „Die Stunde der Stümper“ kritisierte er Web-Dienste wie Wikipedia, YouTube oder MySpace scharf. Inhalte von Amateuren würden die Kultur trivialisieren, Narzissmus fördern und Geschäftsmodelle der Musik-, FIlm und Buchindustrie untergraben. 2012 erscheint sein zweites Werk „Digital Vertigo: An Anti-Social Manifesto“. Keen steht mit seinen, sicherlich streitbaren Ansichten “Cyber-Utopisten” wie Clay Shirky, Jeff Jarvis oder Chris Anderson entgegen, die in ihren Büchern neuen Web-Diensten vor allem Positives abgewinnen.