Digital Life
21.11.2013

„Das Web 2.0 ist keine Raketentechnik“

Philipp Riederle gilt als Internet-Star. Im futurezone-Interview spricht der 19-Jährige über Differenzen zwischen seiner Generation und der Generation der „Anzugträger“.

Sie gehen mit den Digital Immigrants, also jenen, die nicht im digitalen Zeitalter geboren wurden, ziemlich arg ins Gericht. Was machen die Digital Immigrants falsch?
Viele glauben, dass das Web und vor allem Web 2.0 eine Raketentechnik ist. Aber für uns war ja es immer schon da. Die digitale Welt ist kein Paralleluniversum, sondern es ist unsere Welt, und die ist eine Mischung aus analoger und digitaler Welt. Wir leben da drinnen und „stürzen“ nicht ab.

Was wissen Sie besser als andere, ältere Experten, die ebenfalls ein digitales Leben leben? Wie etwa meine Kollegen?
Ich bin glaubwürdig, weil ich aus dieser Generation Y, über die so viel gesprochen wird, stamme. Ich mache seit drei, vier Jahren nichts anderes als über die digitale Welt, in der wir leben, nachzudenken. Und ich habe vielleicht auch das Talent, Sachverhalte zu klar und verständlich erklären zu können.

Aber man sagt ja der Generation Y nach, dass sie lieber auf digitalen Kanälen kommuniziert und nicht das normale Gespräch sucht. Dass sie Internet-süchtig ist, ständig in Displays schaut und das analoge Leben verlernt.
Das ist Blödsinn. Wer digitale Medien, soziale Netzwerke nutzt, hat bessere soziale Kontakte als jene, die es nicht tun. Es gab da in Deutschland eine Studie, bei der zwei gleich große Gemeinden – eine mit und eine ohne Internet – verglichen wurden. Das Ergebnis: In der mit Internet waren die sozialen Kontakte besser als in der ohne.

Wenn man Facebook verfolgt, hat man als Erwachsener oft den Eindruck, dass Ihre Generation Y völlig auf Privatsphäre und Datenschutz pfeift.
Das war vielleicht mal so, aber seit 2012 ist das Nutzerverhalten seriöser geworden. Privates wird vor allem in geschlossenen User-Gruppen verbreitet und nicht mehr öffentlich publiziert.

Das Thema NSA & Spionage erschüttert Sie nicht?
Freilich nehmen wir das Thema „abhören“ wahr, aber dass es gemacht wird, ist ja wenig überraschend. Wer sich mit der digitalen Welt beschäftigt, weiß, dass so etwas möglich ist und gemacht wird. Und die Datenspionage funktioniert nur, wenn man ein Portal wie Facebook mit Daten füttert.

Was unterscheidet die Generation Y von der Generation analog?
Die Generation Y durchlebt einen Wertewandel. Es geht uns nicht mehr um das coolste Auto, um einen Job, mit dem wir reich werden. Wir wollen einen Job der Sinn hat und Freude macht. Wir wollen etwas bewegen und einen relevanten gesellschaftlichen Beitrag leisten. Es geht nicht mehr um Status und Reichtum. (Ein Digital Native erklärt Firmenbossen seine Generation)

Wie viele Vorträge haben Sie schon gehalten?
150 oder mehr, genau weiß ich es gar nicht. Derzeit sind es zwei bis drei pro Woche.

Was machen Sie mit den Einnahmen?
Ich lege sie auf ein Sparbuch.

Investieren Sie gar nicht in ein Start-up, würde doch zu einem Vertreter Ihrer Generation passen?
Damit habe ich mich noch gar nicht auseinandergesetzt, eigentlich eine gute Idee.

Sie kritisieren immer wieder die Ausbildung bzw. das Schulsystem. Was sollte man besser machen?
Es geht im Unterricht einfach zu wenig weiter, die digitalen Medien sind der größte Konkurrent der analogen Lehrer, die ihr altes System bewahren möchten. Aber warum sollte das System Lehrer das Beste sein? Sie sollten die digitalen Medien selbst zur Weiterbildung und Informationsbeschaffung nutzen.

In Österreich wie auch in Deutschland gibt es ja bereits einige Versuche von iPad- bzw. Tablet-Klassen. Das ist doch ein richtiger Schritt in die richtige Richtung?
Es nutzt nichts, eine Klasse mit Tablets auszustatten und dann den Frontalunterricht, wie er in den vergangenen Jahrzehnten, ja Jahrhunderten praktiziert wurde, zu „digitalisieren“. Es muss andere Wege geben. Die Schüler sollten sich zu Hause selbständig den Stoff aneignen und in der Schule mit Hilfe des Lehrers die Hausaufgaben erledigen. Lehrer sind keine Wissensinstanzen mehr, weil wir uns selbst bilden und das schneller als die Lehrer glauben.

Ähnlich wie es Salman Khan mit der „Khan-Academy" gemacht hat? (Dabei handelt es sich um eine Webseite mit eigenem YouTube-Channel, auf dem 4000 pädagogische Videos – jedes im Schnitt etwa zehn Minuten lang – abrufbar sind. In diesen Videos erklärt er, wie Mathematik, Geschichte, Wirtschaft oder Chemie funktioniert, Anm.).

Oder Sugata Mitra in Indien - der britische Professor an der School of Education in Newcastle hat herausgefunden, dass sich Kinder selbst unterrichten können. In einer armen Gegend in Indien ließ er einen Computer in die Mauer („Hole in the Wall“) einbauen. Kinder, die noch nie zuvor einen Computer bedient haben, konnten schon nach einigen Stunden Musik downloaden, einige Wochen später konnten sie Englisch – zwar ein bisschen roboterhaft gesprochen, aber immerhin. Und einige Kinder haben sich als „Lehrer“ entwickelt, die anderen etwas erklären konnten.

Wann, wie und wo soll digitale Ausbildung beginnen?
Es muss eine Beschäftigung von Grund auf geben. iPads oder Tablets sollte ein Kind erst dann erhalten, wenn es ein zweistelliges Alter hat. Denn es ist besser, wenn ein Kind soziale Fähigkeiten auf dem Spielplatz erlernt, sich dort Sand in den Mund steckt, Räuber und Gendarm spielt und sich Sand in den Mund steckt. Das heißt aber nicht, dass man den Kontakt zu digitalen Medien komplett verbietet, sondern Kindern – abhängig vom Alter – eine halbe Stunde die Woche, oder eine halbe Stunde am Tag – erlaubt, sich mit einem Computer zu befassen.

Sie sind ja ständig online. Wann und wie schalten Sie ab?
Ich genieße meine Zeit mit Freunden, in der Natur und gehe gerne in die Berge. Ich schalte mein Handy aus oder auf stumm. In der Nacht ist es im Flugzeug-Modus. Wenn ich mit Menschen zu tun habe, brauch ich nicht das Digitale, da bevorzuge ich die zwischenmenschliche Kommunikation.

Philipp Riederle

Er selbst bezeichnet sich ja als „ganz normalen Jugendlichen“, Philipp Riederle, 19, aber seit fast sechs Jahren ein Star der Internetszene. Und das wurde er mit einem Videopodcast „Mein iPhone und ich“, den er als 13jähriger startete. Damals ließ er sich ein iPhone aus den USA senden, und um es in Europa nutzen zu können, nahm er im Web mit Hackern Kontakt auf, die ihm halfen, das richtige Programm zu finden, mit dem er das iPhone cracken konnte. 2010 begann er mit seinem Zweitprojekt „Mein iPad und ich“. Da er bald mehr Zugriffe auf seinen Blog als große Unternehmen in Deutschland hatte, kontaktierten ihn diese, um sich für Tipps geben zu lassen. Daraus entstand seine Beratungstätigkeit.

Mit 15 Jahren gründete er Phipz Media. Er ist nicht nur Deutschlands jüngster Unternehmensberater, sondern hat selbst ein eigenes Unternehmen „Phibz Media“. Er berät seit einigen Jahren DAX-Konzerne, hält in ganz Europa Vorträge wie etwa bei Unternehmen wie Audi, Deutsche Bank, BMW, Bertelsmann, Daimler Benz, O2 oder Telekom und erklärt die Lebenswelt der Digital Natives. Phillipp Riederle ist so etwas wie das Aushängeschild und Sprachrohr der Generation Y. Im Mai erst hat der „Frontmann der Generation Smartphone" (© Reutlinger Generalanzeiger) seine Matura gemacht, im Sommer ist im Knaur-Verlag sein Buch „Wer wir sind und was wir wollen“ erschienen. Vergangene Woche war er auf Einladung der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft zu Gast, wo er einen Vortrag hielt und mit Schülern und Lehrervertretern diskutierte.

Generation Y

Als Generation Y (kurz Gen Y) wird von Soziologen jene Bevölkerungsgruppe genannt, deren Mitglieder um das Jahr 2000 geboren wurden. Man sagt auch Millennials zu ihnen oder, weiter verbreitet, Digital Natives. Die nächste Generation sind die Zs, die noch radikaleren Ypsiloner: Sie haben die digitalen Medien tatsächlich mit der Muttermilch aufgesogen und stecken, laut Definition, gerade in der Pubertät.

Generation Y – versus "Anzugträger"

Vergangene Woche diskutierte Philipp Riederle bei einer von der VWG organisierten Veranstaltung mit Schülern und heimischen Experten, wie Watchado-CEO Ali Malodji, Telekom-Austria Informations-Sicherheits-Chef Wolfgang Schwabl und Osiatis-CEO Robert Musil über die Kluft zwischen Generation Y und den Digital Immigrants, die Jugendliche nicht verstehen. Einig war man sich bei der Podiumsdiskussion, dass es kein Klassendenken bzw. „Schubladisierung“ in Anzugträger/Generation Y geben sollte, sondern die digitalen Herausforderungen gemeinsam gemeistert werden müsse.

Um die Digitalisierung in der Gesellschaft voranzutreiben, müsse aber auch das Bildungssystem geändert werden. „Das muss reformiert werden, damit Unterricht wieder Spaß macht“, so Watchado-Gründer Ali Malodji. Auch er ist der Meinung, dass der Frontal-Unterricht nicht mehr zeitgemäß ist und neue Methoden notwendig sind. Osiatis-CEO Robert Musil sieht sowohl Eltern als auch Lehrer gefordert, die mehr Verständnis für die Generation Y aufbringen sollten. „Kindern muss genug Freiheit gelassen werden, damit sie sich austoben können“, sagt Musil. „Sie brauchen aber auch die notwendigen Bahnen und Bewusstseinsbildung, damit sie auch in der virtuellen Welt geschützt sind.“ Der Informationssicherheitschef der Telekom Austria Group, Wolfgang Schwabl, meinte "Jeder trägt zu Sicherheit bei. Das beginnt bei den Eltern, die ihre Lebenserfahrung ihren Kindern weitergeben, z.B. Trau' keinem Fremden, auch wenn sie im Internet alles versprechen". Er riet, unterschiedliche Passwörter im Web zu verwenden, alle Sicherheitseinstellungen bewusst zu nutzen und verwies auf die kostenlosen Sicherheitsschulungen für Eltern, Lehrer und Kids im Rahmen von A1 Initiative „Internet für Alle“.