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TECHNOLOGIE
11/05/2010

Digitaler Sprengstoff-Schnüffler aus Österreich

In Europa wurden bis zum Donnerstag 14 Paketbomben abgefangen, die an europäische Staats- und Regierungschefs adressiert waren. In der EU herrscht Alarmstimmung. Eine Technologie aus Österreich könnte dabei helfen, Bomben schnell zu identifizieren. Mit Adaptierungen wäre sie in wenigen Wochen einsatzbereit.

´Eine der 14 Paketbomben, die diese Woche sichergestellt wurden, konnte erst im deutschen Bundeskanzleramt entdeckt werden. Ein weiteres Paket in Großbritannien wurde erst aufgrund eines Hinweises auf dem Weg von Yemen in die USA gestoppt. Die Behörden erklärten die Sendung als sicher, bevor eine zweite Untersuchung als Vorsichtsmaßnahme die tödliche Fracht enthüllte. In einem Drucker waren drei Kilogramm Sprengstoff und eine Zündeinrichtung versteckt.

Diese Zwischenfälle zeigen Sicherheitsmängel auf Flughäfen auf. EU-Politiker sind beunruhigt. Am Freitag diskutierten in Brüssel Luftsicherheitsexperten aus 27 EU-Staaten über eine Lösung des Problems. Am Montag werden sich die EU-Innenminister mit dem Thema beschäftigen.

Sprengstofferkennung mit Tücken

Derzeit werden zum Erkennen von Sprengstoff Ionen-Mobilitätsspektrometer eingesetzt - mit mäßigem Erfolg. Die USA mustern heuer 207 solcher Scanner, die 21 Millionen Euro gekostet haben, aus: Sie sind anfällig für Staub und Schmutz, die Reparaturen teuer und im fünfjährigen Betrieb gab es zahlreiche Fehlalarme. Eine Technologie des Innsbrucker Unternehmens Ionicon Analytik könnte Abhilfe schaffen.

"Alles-Scanner"

"Unsere Technologie ist eine Verbesserung dieses Systems", erklärt Philipp Sulzer, Forschungsleiter von Ionicon Analytik. Die Firma arbeitet eng mit den Universitäten in Innsbruck, New York und Birmingham zusammen. Das Spezielle an der Technologie, die auf einer Protonen-Tausch-Reaktions-Massenspektrometrie (PTR-MS) basiert : Bereits ein einzelnes Molekül unter Zehntausenden Milliarden, die von Paketen ausgehen, wird in Echtzeit erkannt.

Zudem könne die Technologie nicht nur die fünf üblichen Sprengstoffe erkennen, sondern auch selbst zusammengemischte Konzentrationen sowie andere gefährliche Substanzen wie Kampfstoffe oder auch Drogen, erläutert Sulzer. Davon müssten allerdings auch Proben vorliegen:"Neue Stoffe können mittels Software-Update relativ rasch ins System eingespielt werden."

Zwischen 100.000 und 300.000 Euro kostet ein derartiger digitaler Schnüffler, der derzeit in fünf verschiedenen Ausführungen erhältlich ist. Das kleinste Gerät wiegt 50 Kilogramm, das High-End-Gerät kommt auf 170 Kilogramm und geht einem mit einer Höhe von 1,30 Meter bereits bis zur Brust.

"Einsatz binnen weniger Wochen möglich"

Bisher wurden bereits 200 Geräte, die auf der PTR-MS-Technologie beruhen, verkauft. Allerdings kommen sie derzeit in Bereichen wie der Umweltphysik, in militärischen Einrichtungen und der Lebensmittelindustrie zum Einsatz. Laut Sulzer könnte das Gerät mit einigen Adaptierungen von bisher im Einsatz befindlichen Ionen-Mobilitäts-Spektrometern (IMS)-Geräten binnen weniger Wochen erfolgreich zum Laufen gebracht und eingesetzt werden.

Pakete würden in diesem Fall etwa auf ein Fließband gelegt, mit einem Pustsauger angeblasen und daraufhin analysiert. Der große Nachteil der bisher häufig verwendeten IMS-Technologie sei nämlich, dass sie auch auf nicht gefährliche Substanzen wie bestimmte Parfüms anspricht.

Auch Sprengstoffhunde mit hohen Trefferquoten

Das US-Militär fand in der Vergangenheit beispielsweise nur etwa 50 Prozent des Sprengstoffes mit bisher eingesetzten Technologien, während die Genauigkeit bei eigens ausgebildeten Sprengstoffhunden bei 80 Prozent lag, erklärte Michael Oates, Befehlshaber der Joint Improvised Explosive Device Defeat Organisation bei einer Sicherheitskonferenz im Oktober.

Suchhunde wären auch günstiger, sie könnten aber nicht mit der gewaltigen Menge an Paketen fertig werden. Allein am Flughafen Wien-Schwechat wurden letztes Jahr täglich 509 Tonnen Luftfracht verzeichnet.

Aber auch an anderen Lösungen wird geforscht. An der Tel-Aviv-Universität in Israel arbeiten Forscher an einem Nano-Sensor, der in ein bis zwei Jahren Serienreife erreichen könnte. Der winzige Chip soll verlässlich Sprengstoffe erschnüffeln können und bedeutend günstiger als bisherige Systeme sein.

EU will Panik vermeiden

In der EU ist man unterdessen bemüht, mit Bedacht auf die Paketbomben zu reagieren. Man nehme die Bedrohung ernst, doch dürfe jetzt weder Panik gemacht werden, noch übertriebene Maßnahmen voreilig beschlossen werden, erklärte EU-Verkehrsminister Siim Kallas. Sollten alle Flughäfen verpflichtet werden, teure Bombenscanner zu kaufen und diese zu verwenden, könnte das Verschicken von Paketen nicht nur teurer werden, sondern den Transport auch deutlich verlangsamen. Das Motto könnte lauten "No flight, no risk" ("Kein Flug, kein Risiko"), betonte Kallas.

Deutschland, der größte Umschlagplatz für die Paketindustrie in Europa, will als erstes Land reagieren und Personal beim Luftfahrtsbundesamt aufstocken. Die EU will aber auch die großen Paketdienste in die Pflicht nehmen, indem in Zukunft "verlässliche Frächter" für die Kontrolle der Pakete und der Sicherheit des Transports gerade stehen sollen.

(futurezone/Barbara Wimmer/Bernhard Gaul/Gregor Gruber)