Digital Life
12.12.2015

„Es wird bald ein Uber für Energie geben“

E-Control-Vorstand Martin Graf sieht die Energieversorger vor der größten Revolution der Branche und geht von raschen Anpassungen an den digitalen Markt aus.

Ob Google, Tesla, VW, IBM oder Telekom-Unternehmen, „Stromkunden werden in den kommenden Jahren mit Unternehmen konfrontiert sein, die heute mit dem Energiethema noch nichts zu tun haben“, sagt der Vorstand der Energieregulierungsbehörde E-Control, Martin Graf. „Die Strom- und Gasmärkte in Europa und freilich auch in Österreich befinden sich im Umbruch. Man kann durchaus sagen, dass es auf diesem Sektor zu einer Art Revolution kommen wird.“

Die Prosumenten kommen

Derzeit konzentrierten sich die Energieversorger auf die Erzeugung, auf den Betrieb des Netzes und auf den Vertrieb, so Graf. Das sei eine konventionelle Methode, die in Zukunft in der digitalen Ära überholt sei, denn der ehemals passive Konsument wird immer mehr zum aktiven Prosument, der eine günstige, saubere und sichere Energie will. „Und auf diese Prosumenten haben sich noch nicht alle Energieversorger ausreichend eingestellt. Viele experimentieren und optimieren, aber sind noch nicht auf einen grünen Zweig gekommen, wie man auch an den deutschen Beispielen RWE und E.ON erkennt“, so Graf. Er sieht hier Parallelen zu der Telekombranche, die hauptsächlich die Infrastruktur für die Content-Lieferanten (Facebook, Google & Co.) bereitstellt. „Die Energieunternehmen müssen sich rasch darauf einstellen und rasch verstehen, wie die neuen Player agieren“, so Graf. Dass Tesla, der Elektroautobauer, mit der Powerwall auch in den Speichermarkt für daheim einsteigt, sei vor kurzer Zeit noch nicht absehbar gewesen, zeige aber, wie anfällig aber auch offen dieser Markt geworden sei.

Neue Energieprodukte

Die Digitalisierung der Energiewirtschaft finde im Vergleich zu anderen Industriemärkten relativ spät statt, aber Smart Grids und die umfangreichere Nutzung von Internet und Telekommunikation werden für die E-Wirtschaft weitreichende Folgen haben, sagt der E-Control-Chef: „Die Energiebranche muss ihren Kunden wettbewerbsfähige Tarife anbieten können.“ Neben günstigen Tarifen müssten sie auch investieren und neue Produkte und Dienstleistungen anbieten, von Home-Automation bis hin zur Energieselbstversorgung. Dennoch sieht der E-Control Vorstand auch Potential für die heimische Energiewirtschaft, wenn sie rechtzeitig ihre Geschäftsmodelle umstellt.

Start-up-Mentalität gefragt

„Es wird nicht lange dauern, bis es auch in der Energiewirtschaft so etwas wie ein Uber geben wird“, sagt Graf. Er ist überzeugt, dass es bald schon Plattformen geben wird, auf der die kleinen Stromerzeuger sich Kunden suchen werden können, die aktuell Strom benötigen. Die neuen Mitbewerber seien mit einer Start-up-Mentalität ausgestattet und orientierten sich an den Kundenbedürfnissen und arbeiten an neuen Geschäftsmodellen. Die heimische Energiewirtschaft verfügt aber auch über Vorteile gegenüber ihren neuen Mitbewerbern. „Das hoch spezialisierte Know-How in allen Energiefragen und die oft jahrzehntelangen Kundenbeziehungen sind Assets, die für die klassischen Energieunternehmen eine gute Grundlage für neue Geschäftsmodelle sind“, zeigt sich Graf zuversichtlich, der auch darauf verweist, dass für die Regulierungsbehörde neue Aufgaben anstehen. „ Die Digitalisierung des Energiemarkts stellt auch für uns eine Herausforderung dar, denn wir als Regulierungsbehörde müssen die Rahmenbedingungen schaffen, um neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen“, so Graf.