Digital Life
18.12.2015

Flimmit: “Grenzen sollen keine Rolle mehr spielen”

Der österreichische Streaming-Anbieter Flimmit tritt seit neun Monaten mithilfe des ORF gegen US-Riesen Netflix an. Im Gespräch mit der futurezone ziehen die Gründer Bilanz.

Fernsehen ist tot, lange lebe Streaming. Nach mehr als sechs Jahrzehnten kommt das dominierende Medium kräftig ins Wanken. Schuld daran sind Plattformen wie Netflix, Hulu oder Maxdome. Statt sich dem Diktat des Fernsehprogrammes zu unterwerfen, können Streaming-Kunden Filme, Serien und Sport-Übertragungen rund um die Uhr nach eigenem Belieben schauen. Mittlerweile ist Marktführer Netflix zu Spitzenzeiten für 36,5 Prozent des weltweiten Internet-Traffics verantwortlich - zumindest in Nordamerika.

Flimmit App in Bildern

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Flimmit iOS App

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Europa legt im Vergleich dazu ein noch eher gemächliches Tempo hin, mitunter auch wegen des uneinheitlichen europäischen Marktes. Kaum ein Unternehmen kann es sich leisten, Streaming-Rechte und Synchronisationen für 28 EU-Staaten zu erwerben. So sucht man bisher vergeblich nach einem “europäischen Netflix”. Doch ein österreichisches Unternehmen versucht, mit ungewöhnlichen Mitteln dem US-Riesen Paroli zu bieten. “Wir versuchen, mit 15 Leuten das zu machen, was 2200 Leute bei Netflix machen”, erklärt Flimmit-Mitgründerin Karin Haager gegenüber der futurezone.

Dankbar für Netflix

Flimmit ist einer der Veteranen der europäischen Video-on-Demand-Branche. Seit 2009 vertreibt das Unternehmen europäische Filme und Serien, der Schwerpunkt liegt auf deutschsprachigen Inhalten. Bisher setzte die Plattform auf den Verkauf und Verleih von einzelnen Titeln, seit einigen Monaten bietet man auch ein Abo an. Mit Erfolg: “Wir haben derzeit knapp 33.000 registrierte Kunden, 14[KH1] .000 mehr als im Jahr zuvor.” Das starke Plus sei auch Netflix zu verdanken, meint Haager. “Mit jedem Artikel, Posting oder medialen Diskussion wird über das Thema Video-on-Demand gesprochen. Und dann wird ja nicht nur ein Vertreter genannt, sondern alle anderen auch.”

Doch auch wenn man wie Netflix auf ein Streaming-Abo setzt, bei den Inhalten gibt es zwischen dem US-Goliath und dem österreichischen David kaum Überschneidungen. Während Netflix vorwiegend Hollywood-Blockbuster und US-Serien anbietet, setzt man bei Flimmit auf heimische Inhalte. “Man sieht ja auch bei den Zuschauerzahlen im Fernsehen, dass regionale Inhalte viel besser gehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer dieses Thema besetzt.” Flimmit sieht die Regionalisierung nicht als Schwäche, sondern als Stärke: “Start-ups wie uns hilft die Regionalisierung, weil es globalisierte Firmen gibt, die sich nur mehr um das große Ganze kümmern.”

Vorher auf Flimmit, später im Kino

Dabei geht man zum Teil aber auch ungewöhnliche Wege. So haben bereits einige Filme und Serien ihre Premiere auf Flimmit gefeiert, unter anderem David Schalkos Serie “Altes Geld” sowie drei Ausgaben der “Landkrimis”. Zudem wurde die Verfilmung von Cornelia Travniceks Buch “Chucks” auf Flimmit veröffentlicht, während er noch im Kino lief. “Schön langsam kommt jetzt auch das Bewusstsein zu den Filmemachern, Produzenten und Vertrieben durch, dass man verschiedene Dinge ausprobieren sollte”, zeigt sich Ulrich Müller-Uri, Flimmit-Mitgründer, erfreut. In den nächsten Monaten sind weitere Kooperationen geplant, beispielsweise mit dem Grazer Filmfestival Diagonale.

In das Abo schaffen es diese Titel aber meist nicht. Das habe lizenzrechtliche Gründe. “Wenn wir die Aktualität haben wollen, dann geht das nur mit Einzelabruf”, so Müller-Uri. Man experimentiere aber auch. So wurde bei der Dokumentation “Streif - One Hell of a Ride” überlegt, ob der Titel sofort im Abo verfügbar sein soll oder vorerst als Einzelabruf angeboten wird. Letztendlich entschied man sich dazu, den Titel als „Event“ bei der VoD-Premiere für ein paar Tage im Abo laufen zu lassen, und ihn danach nur zum Kauf oder zur Leihe anzubieten. Pünktlich zur Abfahrt in Kitzbühel soll er aber auch wieder im Abo verfügbar sein. Da illegale Downloads von aktuellen Filmen und Serien dank Programmen wie Popcorn Time mittlerweile ein Kinderspiel sind, haben auch die Rechteinhaber Interesse an digitalen Lösungen. “Nur ein Gesetz zu beschließen, das besagt, der Download ist jetzt verboten, ist nicht der richtige Weg. Wir müssen herausfinden, wie man diese Piraterie-lastige Zielgruppe wieder zurück in die richtige Richtung bekommt.”

Mieten statt besitzen

Spotify, Netflix, PlayStation Now - bei all diesen Diensten darf man die Inhalte nutzen, solange man ein Abo besitzt. Der Umstand, dass man lediglich Nutzungsrechte auf Zeit erwirbt, scheint ein Pro statt Contra zu sein. Nicht so in Österreich, wo nach wie vor bevorzugt physische Datenträger gekauft werden. Ein ungewöhnlicher Trend, der laut Müller-Uri auch das Wachstum des Video-on-Demand-Marktes ausbremst. Allerdings habe man bereits einige kleine Erfolge erzielen können. “Altes Geld”, das seine Premiere auf Flimmit feierte, war trotz Einzelabruf ein Erfolg. 60 Prozent aller Käufer haben die digitale Kopie dauerhaft erworben. Üblicherweise tun dies lediglich 15 Prozent der Käufer, die überwiegende Mehrheit “leiht” den Film aus.

Ein Abo, in dem die gesamte Bibliothek enthalten ist, werde es laut den Flimmit-Gründern nie geben. Derzeit sind rund 73 Prozent der 5.300 Filme und Serien mit dem Abo abrufbar. Der Großteil davon, rund 38 Prozent, stammen aus Österreich. Obwohl das Start-up den Fokus auf die Heimat legt, blickt man auch über den Tellerrand. Man wolle einen Mix aus europäischen Titeln bieten - Inhalte, die man auf anderen Plattformen nicht findet. So will man sich als “Ergänzung” zu Anbietern wie Netflix oder Maxdome platzieren, die ihren Fokus auf “amerikanisierten Content” legen würden.

Umstrittene Partnerschaft

Ähnliche Töne waren bereits im Vorjahr von Miteigentümer ORS zu hören, der Flimmit als “Feinkostladen” bezeichnete. Die ORF-Tochter hat sich gemeinsam mit der ORF Enterprise zu 25,1 Prozent an Flimmit beteiligt. Das Investment des öffentlich-rechtlichen Senders sorgte 2014 für Schlagzeilen und Diskussionen. “Es ist natürlich eine Herausforderung, wenn sich ein kleines Start-up mit einem großen Konzern verbündet, aber es hat funktioniert”, erklärt Müller-Uri. Die Partnerschaft ist vor allem ungewöhnlich, da Streaming-Dienste wie Netflix meist als “Feinde des klassischen Fernsehens” angesehen wurden. Eine Meinung, die Müller-Uri nicht vertritt: “Der gesamte Streaming- und Broadcast-Markt kann sich nur ergänzen. Eine Koexistenz ist förderlich für die Inhalte, die sich vielleicht auf der einen Plattform leichter tun als auf der anderen.”

Das Investment wurde aber auch kritisch beäugt, zumindest von vielen GIS-Gebührenzahlern. Kritik, die die Flimmit-Gründer nicht nachvollziehen können. “Unsere Beteiligungsunternehmen sind die ORS comm und die ORF Enterprise. Das sind zwei kommerzielle Töchter des ORF“, erklärt Müller-Uri. GIS-Gebühren seien nicht geflossen, da die beiden Unternehmen ihre Gelder auf dem freien Markt erwirtschaften. „Für den ORF ist diese Zusammenarbeit strategisch wichtig, um am wachsenden VoD-Markt präsent zu sein“. Laut Haager wünscht man sich in vielen anderen EU-Staaten ähnliche Lösungen. “Ich glaube ganz stark, dass jedes europäische Land einen nationalen Player braucht. Das ist wichtig für die europäische Wertschöpfung. Langfristig muss das auch durch die Fernsehsender kommen, denn die sind der richtige Ansprechpartner.”

Aus für Geoblocking

Aus der Minderheitsbeteiligung könnte in Zukunft eine Mehrheit werden. ORF Enterprise und ORS comm besitzen Optionen, mit denen der Anteil auf 88 Prozent aufgestockt werden kann. „Bei einer Beteiligung an einem Start-Up ist es ganz natürlich, dass man sich ein Vorkaufsrecht für die weiteren Anteile sichert“, so Müller-Uri. Diese Optionen wurden aber bislang noch nicht gezogen. Unabhängig von den Eigentumsverhältnissen seien die Ziele für die mittelfristige Zukunft bereits festgelegt. So erhält die App bald eine Funktion, die Netflix-Nutzer schon lange fordern: Offline-Wiedergabe. So können Inhalte auf Tablet und Smartphone zwischengespeichert und auch ohne aktive Internet-Verbindung wiedergegeben werden, beispielsweise auf Flug-Reisen.

Zudem sollen neue Apps für Amazon FireTV, Apple TV, PlayStation 4 und Windows entwickelt werden. Ebenfalls auf der Agenda: Die Diskussion um Geoblocking. Auf EU-Ebene wird das Aus für Ländergrenzen bei Web-Diensten noch heftig diskutiert, bei Flimmit hofft man auf eine baldige Einigung. Grundsätzlich konzentriere man sich bei der Lizensierung der Titel auf den gesamt deutschsprachigen Raum. Bereits jetzt seien 89 Prozent der Bibliothek auch in Deutschland und der Schweiz abrufbar. Das Ziel lautet aber weiterhin 100 Prozent. “Wir versuchen, das Angebot am deutschsprachigen Markt so weitläufig wie möglich abzudecken, damit irgendwann Grenzen keine Rollen mehr spielen”, so Müller-Uri.