Digital Life
08.11.2016

"Glaube lässt sich nicht in Excel-Tabellen fassen"

Shubamrita Chaitanya lebt als Mönch und Übersetzer des weiblichen Gurus Amma im Ashram in Indien. Im Interview erklärt er, warum man Wissenschaftler und gottgläubig sein kann.

Im Rahmen einer Reportage über Amrita University und einiger dort angesiedelter Technologie-Initiativen, welche das Leben für die indische Landbevölkerung und Frauen verbessern sollen, verbrachte ich auch einige Tage im naheliegenden Ashram des weiblichen Gurus Amma. Dort traf ich ihren persönlichen Übersetzer Shubamrita Chaitanya zum Interview.

futurezone: Es hat mich überrascht, an diesem spirituellen Ort und vor allem in dieser ländlichen Gegend so viel Technologie anzutreffen.
Shubamrita Chaitanya:
Amma schreckt nicht vor technologischem Fortschritt zurück, im Gegenteil. Unser Geist ist diesem unbändigen Streben nach Wissen und neuen Erkenntnissen unterworfen. Diesen Vorgang zu unterdrücken, ist ihrer Ansicht nach daher völlig kontraproduktiv. Die Gesellschaft kann enorm von Technologie und Wissenschaft profitieren, wenn sie auf verantwortliche und positive Weise eingesetzt werden.

Gibt es Grenzen des Fortschritts, die moralisch oder spirituell nicht vereinbar sind?
Als in den USA die ersten Klonexperimente durchgeführt wurden, wurde auch Amma dazu befragt. Ihre Antwort damals war, dass man wissenschaftlichen Fortschritt nicht aufhalten kann. Da das Thema aber so delikat ist, müsse man alles daran setzen, dass dieses Wissen nicht in die falschen Hände gelangt und man damit verantwortungsbewusst umgeht.

Viele Initiativen im Amma-Netzwerk zielen auf den ländlichen Raum ab. Warum kann der Einsatz von Technologien das Leben gerade dort verbessern?
Die Unterschiede zwischen Städten und Dörfern sind in Indien enorm. Am Land fehlt es vielerorts an ganz elementarer Infrastruktur, von Elektrizität über Trinkwasserversorgung bis zu einem Abwasser- und Kanalsystem. Auch Toiletten in den Häusern, schlechte Bildung und medizinische Versorgung sind ein verbreitetes Problem. Das können sich auch viele indische Studierende aus den Städten nicht vorstellen – drum schicken wir sieeinige Wochen dorthin, um vor Ort Lösungen zu erarbeiten.

Wie ist das Feedback der Studierenden und Freiwilligen?
Die meisten kehren geläutert zurück. Wir kennen das ja, wir haben im Grunde alles und leben im Überfluss und dennoch sind wir unzufrieden, weil wir vielleicht das neueste Gadget noch nicht haben. Dort merkt man, wie gut es einem eigentlich geht. Und auch, wie viel Reichtum die Kultur und die Menschen gerade in so entlegenen Regionen bieten können. Diese Tradition soll durch die Arbeit der Helfer auch nicht zerstört werden, gleichzeitig sollen die Menschen aber überall Zugang zu Wasser, Strom, Bildung und Hygiene haben.

Sie haben sich für ein Leben als Mönch entschieden. Wie schwierig ist es, im digitalen Zeitalter Raum für spirituelle Ruhe zu finden?
Es stimmt wohl, dass man von seinen Geräten zunehmend kontrolliert wird. Früher nutzte man eine Auszeit, um sich irgendwo hinzulegen, wo man die Sterne und den Mond sah. Heute legt man sicher eher da nieder, wo man eine Steckdose für das Handy in der Nähe hat. Aber so ist es nun einmal. Am schwierigsten finde ich, angesichts des ständigen Multitaskings fokussiert zu bleiben. Wenn das Gehirn dauernd fragmentiert agiert, verliert man die Kontrolle. Ich versuche deshalb mich auf eine Aktivität nach der andere zu konzentrieren, Meditation hilft.

Meditation als Mittel gegen den digitalen Overkill?
Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass die Gehirnströme von Menschen, die wiederholt meditieren, sich verändern. Mir persönlich hilft es jedenfalls, mich zu konzentrieren. Manchmal hilft es einfach auch, sich einem Augenblick hinzugeben und die Schönheit einer Umgebung aufzusaugen, ohne alles mit dem Smartphone festhalten zu müssen.

Kann man spirituell sein, ohne an einen Gott oder eine göttliche Kraft zu glauben?
Amma sagt immer, dass man nicht an Gott glauben muss, um spirituell zu sein. Spiritualität hat vielmehr damit zu tun, dass man an sich selbst und sein wahres Ich glaubt, das oft verschüttet ist. Es geht auch darum, ob man seine Handlungen mit gewissen Werten anreichert. Wenn jemand empathisch für andere ist und seine Stärken teilt, dann kann er Amma zufolge auch sehr spirituell sein, selbst wenn er nicht an Gott glaubt.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen der lokalen Bevölkerung und Europäern, die Amma als spirituelle Leitfigur aufsuchen?
Viele Inder suchen Amma auf, weil sie mit elementaren Problemen kämpfen – etwa weil sie kein Dach über dem Kopf, kein Geld für eine Operation oder für die Ausbildung der Kinder haben. Gleichzeitig gibt es auch viele, die einfach ihren spirituellen Weg suchen. Bei Menschen aus der westlichen Welt geht es hingegen oft um die Suche nach einem höheren Sinn – zerbrochene Beziehungen, ein Fehlen von Liebe und Zuneigung und vor allem Einsamkeit. Letzteres ist ein ganz großes Thema in der westlichen Welt.

Inwiefern ist Wissenschaft und Glaube an Gott eigentlich unvereinbar? Wissenschaftler operieren normalerweise ja mit messbaren Ergebnissen und weniger mit unerklärlichen Entitäten.
Als Naturwissenschaftler – ich studierte damals Mikrobiologie und Biochemie – habe ich genau diese Frage Amma gestellt. Wie kann ich an etwas glauben, dass nicht verifizierbar oder mit bloßem Auge erkennbar ist? Sie verglich den Glauben an etwas Höheres mit der universitären Ausbildung. In beiden Fällen müsse man zunächst einem Lehrer vertrauen, dass das Gesagte stimme. Dann müsse man aber für sich die Behauptungen prüfen und seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Dennoch – als analytisch denkender Mensch fällt es mir persönlich sehr schwer, etwas Unerklärliches wie eine unsichtbare höhere Kraft zu akzeptieren.
Der Glaube lässt sich nicht in Excel-Tabellen fassen. Und auch der Widerstand, etwas nicht in Zahlen und Statistiken Verifizierbares zu akzeptieren, ist mir nicht fremd. Gleichzeitig: Selbst der größte Agnostiker würde zugeben, dass er große Liebe für sein Kind oder seinen Partner empfindet, und dass das ein wichtiger Teil seines Lebens ist. Aber wie wird diese Liebe gemessen? Auch sie kann nicht in Zahlen gegossen werden, auch wenn sie völlig real für diese Person ist. Als Wissenschaftler stößt man schnell an Grenzen, die Raum für unerklärliche Erklärungen lassen.

Shubamrita begleitet Amma derzeit als einer ihrer Übersetzer durch Europa. Von 15. bis 17. November gibt es noch in München Gelegenheit, die indische Persönlichkeit in Europa kennenzulernen.