Digital Life
09.01.2015

Grachtenhaus aus dem 3D-Drucker

Im Amsterdamer Stadtteil Noord entsteht ein Grachtenhaus. Vier Stockwerke, 13 Zimmer, charakteristischer Treppengiebel. Doch es wird nicht gemauert, sondern gedruckt.

Mit einer herkömmlichen Baustelle hat dies nichts zu tun. Auf dem Gelände gleich hinter dem futuristischen Amsterdamer Filmmuseum stehen weder Kräne noch Planierwalzen. Statt lärmender Betonmischer hört man die Möwen kreischen und den Drucker leise surren.

Forschungsprojekt

Das 3D-Grachtenhaus ist ein Forschungsprojekt: Unternehmen, Universitäten, Städteplaner und auch Amsterdamer Bürger arbeiten und denken mit. „Uns geht es ja nicht darum, ein Produkt auf den Markt zu bringen“, sagt Hedwig Heinsman. Die 34-Jährige gehört zu dem Trio des jungen Architektenbüros Dus, das das Haus entwarf: Schmal, hoch und mit reich verziertem Giebel wie seine mehr als 400 Jahre alten Vorbilder. Doch eben nicht aus roten und weißen Backsteinen.

Herzstück des Projekts ist ein umgebauter alter Seecontainer, den die drei jungen niederländischen Architekten zu einem 3D-Drucker umbauten - den „Kamer-Maker“ - übersetzt heißt das Zimmer-Macher. Drei Meter ist er hoch, er steht auf einer Grundfläche von zwei mal zwei Metern. Was er produzieren kann, liegt aufgereiht draußen. Ein Stück Treppe, Wände, Teile der Fassade. Bei manchen Bauteilen ist die Oberfläche glatt, andere haben eine Struktur wie eine Honigwabe.

„Wie Lego“

Alles ist fix und fertig zum Zusammenbauen. Einen Maurer braucht man dafür nicht. „Das ist wie Lego nur für Große“, sagt Heinsman lachend. Der Kamer-Maker wird mit Bio-Kunststoff gefüttert. Das sind kleine weiße Kügelchen. „Zu 80 Prozent aus Pflanzenöl“, erklärt die Architektin. Die werden erhitzt, durch die Kanüle geleitet und wie die Tinte in einem herkömmlichen Drucker auf die Grundfläche gespritzt. Sobald eine Schicht fest ist, kommt die folgende. Millimeter für Millimeter.

Das deutsche Unternehmen Henkel ist einer der Partner des 3-D-Grachtenhauses und entwickelt den Baustoff, zum Beispiel aus Bio-Leinsaat. „Ab und zu kriegen wir wieder einen neuen Sack mit Kügelchen zum Ausprobieren“, erzählt die junge Architektin.

Die relativ leichten Wände und Dächer müssen natürlich auch dem kräftigen Amsterdamer Wind standhalten können. Der niederländische Bauunternehmer Heijmans entwickelt die Konstruktionsmethoden. Die Hohlräume der einzelnen Bauteile kann man etwa mit Bio-Beton füllen.

„Gesamter Bau revolutioniert“

„Durch die 3-D-Technik wird der gesamte Bau revolutioniert“, sagt die Architektin Heinsman selbstbewusst voraus. Und das ist auch der Kern des Amsterdamer Projekts: Was kann die neue Technik für die Architektur, den Bau und die Städteplanung bedeuten? Eine Vision der Initiatoren ist: Jeder kann sein eigener Architekt werden und selbst per Computer Fassaden oder die Aufteilung der Räume gestalten. „Wir entwerfen nur die DNA des Gebäudes“, sagt sie.

Das Haus aus dem Drucker könnte auch eine Hilfe für Katastrophengebiete sein, finden die Dus-Architekten. Statt Baumaterialien und teure Grundstoffe aufwendig dorthin zu transportieren, müsste man nach ihrer Ansicht nur ein paar Mega-Drucker aufstellen und aus den am Ort verfügbaren Materialien Unterkünfte drucken.

Die Amsterdamer Dus-Architekten sind Pioniere, auch wenn sie das Wettrennen um das erste gedruckte Haus der Welt verloren haben. In China sollen bereits zehn Bungalows pro Tag aus dem Drucker kommen.

Ob das Grachtenhaus 2.0 jemals serienmäßig hergestellt wird, ist offen. Denkbar ist allerdings, dass flexible Wände für Hotels oder Büros gedruckt werden. Das hängt vor allem von den Kosten ab. Dazu wollen die Dus-Architekten sich noch nicht äußern. Ihr Projekt wird aus Subventionen und Spenden finanziert.