© Kai Foerstling, apa

Autobiographie
08/29/2011

Hacker Kevin Mitnick packt aus

In seiner Autobiographie "Ghost in the Wires" geht Hacker-Legende Kevin Mitnick aufs Ganze: Er nennt Namen, Methoden, Telefonnummern und zitiert Codezeilen. Das Buch ist eine Zeitreise zu den Anfängen des PC-Zeitalters. Doch der Social Engineering-Aspekt, mit teils haarsträubenden Beispielen, ist brandaktuell.

Es ist der 30. September 1992. Kevin Mitnick bemerkt, dass jemand am Schloss seiner Eingangstüre hantiert. Es ist sechs Uhr Früh. Er hat das FBI im Verdacht, doch würden die nicht an die Türe hämmern? Die Antwort kommt postwendend: „FBI, machen Sie auf!“, brüllt jemand draußen. Jetzt ist alles vorbei, denkt sich Mitnick, ich muss zurück ins Gefängnis.

Zu Ende ist das Katz-und-Maus-Spiel erst im Herbst 1996. Davor sollte Mitnick noch vier Jahre Zeit haben, in denen er weiterhin hackt, vor der Exekutive flüchtet, sich zwei neue Identitäten zulegt und zwischendurch einem braven Job nachgeht. Erst danach schnappen ihn die Bundesbehörden, mit Haftbefehl, und überstellen ihn in die Untersuchungshaft.  1992, als Mitnick schlaftrunken und unbekleidet die Tür öffnet, fehlt der Haftbefehl noch. „Vorne dabei war eine weibliche Agentin, die es sich nicht verkneifen konnte, an mir herunterzublicken“, schreibt Mitnick. Größere Enthüllungen sollte es an diesem Morgen nicht mehr geben, das FBI lässt ihn gehen.

Getäuscht werden macht Spaß
Mitnick wächst in den 60er- und 70er-Jahren in Südkalifornien auf. In den Ferien fährt er am liebsten mit dem Bus durch die Gegend. Pro Strecke zahlt er 25 Cent, das Ticket zum Umsteigen kostet zehn Cent. Ein Magier, der in der Nachbarschaft wohnt, bringt ihn auf den Geschmack von Karten- und Münztricks. Mitnick findet das cool, doch tiefer prägt sich eine andere Beobachtung ein: das Publikum hatte Vergnügen daran, getäuscht zu werden.

Ein Busfahrer, den er auf einer seiner Exkursionen kennenlernt, zeigt ihm wie man mit Hilfe von Amateurfunk die Technik der Telefongesellschaften überlistet und Gratisgespräche führt. Mitnick ist begeistert. Als Teenager legt er die Amateurfunkprüfung ab und versucht alles über das Telefonsystem in Erfahrung zu bringen. Das sogenannte Phreaking, die Manipulation von Telefonverbindungen, sollte lange eine seiner größten Leidenschaften bleiben.

Wie man zum Hacker wird
Als Volksschüler war er noch darauf bedacht, möglichst viele Busfahrten für möglichst wenig Geld zu bekommen. Die Lösung liegt für ihn bei den Transfertickets: wenn er diese selbst abstempeln könnte, wären sämtliche Fahrten gratis. Unbenutzte Tickets findet Mitnick in den Müllcontainern hinter den Busgaragen, die Abstempelmaschine kauft er sich um 15 Dollar im Fachhandel.

Als Teenager scheint Mitnick eine Mischung aus Spaß am Nepp und Forscherdrang anzutreiben. Hinzu kommt eine Art Stehaufmännchenmentalität, wenn es um Gefahren geht: einmal hinfallen bedeutet nicht es nicht noch einmal zu versuchen. Mehrmals versucht Mitnick herzuleiten, warum er zum Hacker wurde. „Mum hatte drei Ehemänner und mehrere Partner als ich groß wurde. Einer misshandelte mich, ein anderer - der für die Exekutive arbeitete - missbrauchte mich“, schreibt er. „Nicht, dass ich nach Entschuldigungen suche, aber ich frage mich, ob diese Männer nicht damit zu tun haben, dass ich in ein Leben hineinwuchs, in dem ich mich über Autoritätsfiguren hinwegsetze.“

„Echtes“ Hacking: das PC-Zeitalter
In den 80ern geht es richtig los. Computer für zuhause kommen auf den Markt: IBM bringt den ersten Personal Computer heraus, Apple verkauft seinen Apple II. Hacking hat für Mitnick jetzt mit Computern zu tun und in Lewis De Payne findet er einen Gleichgesinnten: „Wir hatten dasselbe Ziel: Zugang zu Unternehmensrechnern, Zugang zu Passwörter, Zugang zu Informationen, den wir nicht haben sollen.“ Immer wieder argumentiert Mitnick, dass er die Grenze zu „echter“ Kriminalität nicht überschritten hätte: nie habe er Dateien auf den gehackten Rechnern zerstört oder beschädigt, nie hätte er seine Einbrüche zu Geld gemacht.

Mit 17 Jahren verlegt Mitnick das Hacken in die Computerräume der University of California, Los Angeles. Als ihn dort eines Tages die Campus-Polizei erwischt, ist in Kalifornien bereits ein Gesetz gegen Hacking in Kraft. Doch niemand weiß so recht, wie so ein Tatbestand aussieht oder sich nachweisen lässt. So durchsucht die Polizei etwa sein Auto und findet einen Packen bedrucktes Endlospapier, kann die Informationen aber nicht deuten. Mitnick wird im Anschluss zwar immer wieder einmal erwischt, aber nichts davon scheint ernste Konsequenzen zu haben - vorerst. „Vielleicht war ich unangreifbar“, erinnert er sich.

Ein Einbruch zu viel
Im Frühjahr 1981 beschließt er sich im Hauptquartier der Pacific Telephone Company einzuschleichen, dem kalifornischen Arm von Bell System. Mit dabei: sein Phreaker-Kumpel Steven Rhoades. „Da wir schon mit Phreaking beschäftigt waren, schien es der ultimative Hack, bei der Telefongesellschaft persönlich hineinzuspazieren.“ Doch der Sicherheitsmann erkennt den Schwindel und Mitnick und Rhoades kommen gerade noch davon.

Im Herbst darauf ist der Schrecken vergessen und Mitnick will zum Mainframe des Unternehmens vordringen. Er gibt sich als Pacific Telephone-Mitarbeiter aus und der Sicherheitsmann lässt ihn passieren. In den Büros des zuständigen Teams angekommen, scheinen an die Wände gepinnte Einwahlnummern und Logins, nur so auf Mitnick zu warten. Jede Telefonleitung in der Region ließe sich damit kontrollieren. Er stößt auf Handbücher, die jedes Detail des Systems erklären. Dass er einige Exemplare davon tatsächlich mit nach Hause mitnimmt, kommentiert er heute so: „Das war die dümmste Entscheidung meiner Jugend.“

Der Einbruch holt Mitnick ein, als ihn Polizisten in Zivil auf der Autobahn stellen. Das Szenario erinnert an eine Verbrecherjagd im Fernsehen und er gesteht heute, zu weinen begonnen zu haben. Einer der Beamten vermutet, dass er eine „logic bomb“ im Auto hätte. Anstatt Software stellt dieser sich darunter eine buchstäbliche Bombe vor. Solche vermeintlichen Peinlichkeiten will Mitnick heute bloßstellen: der Polizist war Steve Cooley, der seit 2000 Staatsanwalt in Los Angeles County ist.

Gratistelefonate aus dem Gefängnis

Wenig später steht Mitnick vor dem Jugendgericht und wird für 90 Tagen in eine Besserungsanstalt eingewiesen. Die anderen Insassen seien dort im Unterschied zu ihm „echte“ Gesetzesbrecher gewesen: Vergewaltiger, Gangmitglieder, Mörder. Die Angst, die ihm in Norwalk eingejagt wird, hält aber nicht lange an. „Sicher war es gefährlich, es hat aber auch ordentlich Spaß gemacht“, schreibt er über seine Hacks, mit denen er, nachdem er freikommt, wieder weitermacht.

Weil ihn die Sicherheitsleute an den Unis inzwischen erkennen - die Los Angeles Times brachte Storys über ihn - landet er nach Verletzung seiner Bewährungsauflagen wieder in Haft, dieses Mal im Gefängnis von Van Nuys. Zufällig saß in Van Nuys einige Wochen zuvor sein Onkel Mitchell ein, der ihn gebeten hatte, das dortige Telefon für kostenlose Anrufe zu freizuschalten. Die Gratisschaltung ist noch aktiv, als Mitnick seine Strafe antritt. Einen großen Teil seiner Zeit bringt er damit zu, kostenlos mit Freunden und der Familie zu telefonieren.

Lesen Sie morgen, Dienstag, in der futurezone, wie sich die US-Bundesbehörden auf Mitnick einschießen und er daraufhin in Denver untertaucht. Zwei Jahre später endet seine Flucht in North Carolina.

Kevin Mitnicks Autobiographie "Ghost in the Wires" ist vor kurzem beim US-Verlag Little Brown and Company erschienen.