© Jürg Christandl

10 Jahre Jubiläum

Hauptbücherei: Junge Nutzer, alte E-Book-Leser

"Die Bibliothek als Ort funktioniert. Auch Digital Natives - Leute, die mit Computer und Internet aufgewachsen sind - nutzen unser Angebot", sagt Christian Jahl, Leiter der Wiener Hauptbücherei. Die Bibliothek am Wiener Gürtel feiert diese Woche ihren zehnten Geburtstag. Am 8. April 2003 wurde das Haus am Urban Loritz-Platz eröffnet. Täglich zählt die Bücherei rund 3.000 Besucher, sieben Millionen waren es in den vergangenen zehn Jahren insgesamt. Rund 80 Prozent der Besucher sind jünger als 40 Jahre. 55 Prozent sind zwischen 15 und 30.

"Bibliotheken sind für junge Leute nach wie vor ein interessanter Ort", meint Jahl. Die Büchereien müssten heute jedoch geänderten Medienwelten gerecht werden und auch digitale Angebote machen, so der Leiter der Hauptbibliothek: "Wir müssen an sieben Tagen 24 Stunden ein Angebot haben, das unabhängig von Öffnungszeiten funktioniert,  und wir müssen auch die Räume der Bibliothek interessant gestalten."

Digital und analog
Rund 100 Internetarbeitsplätze finden sich in der Hauptbücherei ebenso wie Audio- und Videoplätze sowie ein kostenloses WLAN-Netzwerk, über das etwa auch über den Austria Kiosk auf österreichische Zeitungen und Zeitschriften zugegriffen werden kann. Das aus mehr als 300.000 Büchern und Noten, sowie fast 70.000 audiovisuellen Medien (von CDs bis zu Konsolenspielen) bestehende Angebot der städtischen Bibliothek wird längst auch durch eine virtuelle Biblithekt ergänzt, in der E-Books, Audio-Dateien und elektronische Zeitschriften leihweise zum Download angeboten werden.

Überraschend ist das Durchschnittsalter der E-Book-Nutzer, das laut einer internen Statistik der Büchereien aus dem vergangenen Monat bei 39 Jahren liegt. "Die meisten Nutzer sind zwischen 40 und 50 und weiblich", sagt Monika Reitprecht von den Büchereien Wien: "Das haben wir nicht  erwartet."

Virtuelle Bücherei
Im Vergleich zur Anzahl der gedruckten Medien ist das Angebot der seit September 2010 bestehenden virtuellen Bücherei mit rund 18.000 E-Medien noch bescheiden. "Viele Titel, die wir gerne hätten, gibt es schlichtweg nicht", so Reitprecht. Das sei auch ein urheberrechtliches Problem, meint Bibliotheksleiter Jahl. Denn während öffentliche Bibliotheken in der EU gedruckte Bücher ohne Einwilligung von Verlagen und Autoren einfach kaufen und in ihre Regale stellen dürfen, gäbe es dieses Recht bei E-Books nicht, da diese rechtlich als Software eingestuft würden.

Durch den Kauf von Lizenzen ergibt sich auch die für digitale Medien ungewöhnliche Situation, dass jedes Exemplar jeweils nur von einem Benutzer entlehnt werden kann. Es sei denn die Bibliothek hat mehrere Lizenzen erworben. "Das hat anfangs zu Irritationen geführt", meint Reinprecht: "Wenn man den Leuten aber die Problematik erklärt, haben sie Verständnis dafür."

"Die Verlage haben nach wie vor große Ängste"
Beim Angebot an elektronischen Büchern und Zeitschriften arbeiten die Wiener Büchereien, wie auch andere österreichische öffentliche Bibliotheken, mit dem deutschen Anbieter DiviBib zusammen, der Lizenzen für den Verleih von den Verlagen erwirbt und sie an Bibliotheken weiterverkauft. Nicht alle E-Books, die im elektronischen Handel käuflich erworben werden können, werden auch für den Verleih freigegeben. "Verlage haben nach wie vor große Ängste", meint Reitprecht. "Manchmal gibt es auch komische Konditionen." So gäbe es Verlage, die für E-Books den selben Preis wie für gedruckte Bücher verlangen. "Das ist eine Preispolitik, die wir nicht unbedingt unterstützen möchten." 

Die Downloads steigen dennoch rasant. Im vergangenen Jahr wurden elektronische Titel 160.000 Mal heruntergeladen. Im Vergleich dazu lag die Zahl der Downloads 2011 noch bei 80.000.

Viele technische Fragen
Mit den digitalen Medien würden sich auch die Anforderungen an die Bilbiothekare ändern, sagt Reitprecht. "Die digitalen Medien sind nicht selbsterklärend. Wenn man jemanden ein Buch in die Hand gibt, ist die weitere Bedienung kein Problem. Bei einem E-Book-Reader oder einem MP3-Player ist das anders." Bibliothekare seien heute auch mit vielen technischen Fragen konfrontiert: "Es ist auch Aufgabe des Bibliothekars Medienkompetenz zu haben und den Nutzern helfen zu können."

Stark genutzt werden auch die Internet-Arbeitsplätze . Der Bücherei komme dabei durchaus auch die Rolle eines Kommunikationsanbieters zu, meint Reitprecht. "Aufgrund unserer Lage am Gürtel kommen viele Jugendiche aus den angrenzenden Bezirken, die zuhause vielleicht nicht über Computer und Internet verfügen."

Kommuniziert wird mit den Nutzern schon längst nicht mehr nur vor Ort sondern auch über Online-Netzwerke. YouTube-Videos über die Büchereien zählen ebenso zum Angebot wie Kurznachrichten auf Twitter und ein Facebook-Auftritt, der bereits mehr als 10.000 "Likes" zählt. "Bei uns wird jede (r), die sich `50 Shades of Grey` ausborgen will, ausgepeitscht", ist dort etwa unter Verweis auf den Sado-Maso-Bestseller zu lesen. "Es geht ein bisschen in die Nonsense-Richtung", sagt Reitprecht, die die Seite der Büchereien in dem Online-Netzwerk betreut: "Auf unserer Website sind wir seriöser."

Die Bücherei der Zukunft
Und wie sieht die Bücherei der Zukunft aus? Audiovisuelle Medien wandern immer mehr in den Download-Bereich", sagt Jahl. "Da können wir mit großen Anbietern etwa bei Popmusik und Filmen nicht mithalten". Das gedruckte Buch sei aber weiterhin sehr stark. Im vergangenen Jahr gab es Zuwächse bei Entlehnungen. E-Books seien eine funktionierende Ergänzung dazu. Wichtiger werde aber die Bibliothek selbst. Als Lernort und als Kommunikationszentrum.

"Menschen brauchen nicht nur Wohnort und Arbeitsplatz, sondern auch Orte wo man sich trifft und wo man kommuniziert", sagt Jahl unter Verweis auf die Theorie der dritten Orte des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. "Man will sich manchmal nur hinsetzen und Leute beobachten." Auf diese Weise lerne man auch Leute anderer sozialer Schichten oder anderer nationaler Zugehörigkeiten kennen und komme vielleicht mit ihnen ins Gespräch, meint der Leiter der Wiener Hauptbücherei: "Öffentliche Orte ohne Konsumationszwang werden immer weniger. Diese Funktion ist aber gerade in der Stadt sehr wichtig."

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