Digital Life
05.01.2018

IOTA: "Unser Tangle ist die bessere Blockchain"

IOTA © Bild: IOTA/Fotomontage

Kaum eine Kryptowährung sorgt für so viel Diskussionsstoff wie IOTA mit seiner Tangle-Technologie. Wir haben bei einem IOTA-Entwickler nachgefragt.

Robert Bosch Venture Capital hat kurz vor Weihnachten eine Investition in die Kryptowährung IOTA, das auf Transaktionen für das "Internet of Things" spezialisiert ist, bekannt gegeben. Laut einer Aussendung von IOTA hat die Risikokapital-Tochter von Bosch eine "bedeutende Menge" an IOTA-Token gekauft. Wie viel genau investiert wurde, ist nicht bekannt.

Was aber steckt hinter IOTA, dass es das Interesse von Anlegern, Investoren und renommierten Tech-Unternehmen wie Microsoft oder Samsung auf sich zieht?

Blockchain 3.0

Eine Blockchain, die keine Blockchain ist und alles besser machen will: Es klingt fast zu schön um wahr zu sein, doch ebendas will IOTA mit dem Tangle entwickelt haben. Dezentral, manipulationssicher, skalierbar und keine Transaktionsgebühren - so die Eckpunkte, die sich das IOTA-Projekt auf die Fahnen schreibt.

Die erste Blockchain-Generation ist mit Bitcoin in seinen Anwendungsmöglichkeiten noch recht limitiert. Ethereum, sozusagen die zweite Generation, hat diese Begrenzungen aufgehoben und ermöglicht Messaging- und Social-Networking-Anwendungen genauso wie Finanzanwendungen, Micro-Payments oder Smart Contracts. Dennoch kämpfen die Ethereum-Entwickler mit der Skalierbarkeit ihrer Open-Source-Plattform, Stichwort Sharding.

Wenn man so will ist mit IOTA nun bereits die dritte Blockchain-Generation am Start. Um genau zu sein, stellt IOTA mit seiner Tangle-Technologie gar keine Blockchain dar. "Im Gegensatz zur eindimensionalen Blockchain, die nur in eine Richtung wachsen kann, ermöglicht das mathematische Konzept des Directed Acyclic Graph (DAG) dem Tangle an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig zu wachsen", erklärt Andreas Osowski, Core Developer bei der IOTA Foundation, den die futurezone in Berlin zum Interview getroffen hat.

Ohne Mining

Anders als bei der Blockchain ist der Tangle nicht auf Miner angewiesen, um Transaktionen verifizieren zu können. Denn die Tangle-Technologie soll so leichtgewichtig sein, dass sogar kleinere Rechner, etwa in Autos, Smartphones, Drohnen, Laptops oder anderen vernetzten Geräten die Transaktionen verarbeiten können. "Transaktionsgebühren fallen dadurch weg. Wenn man so will, bezahlt jeder Netzwerkteilnehmer die Transaktion mit seiner eigenen Rechenleistung", sagt Osowski.

Damit die indirekt miteinander verknüpften Transaktionen im IOTA-Meshnetzwerk sicher, dezentral und schnell verifiziert werden können, sei eine gewisse Größe des Netzwerks notwendig, erklärt Osowski: "Derzeit haben wir noch einen so genannten Koordinator mit mehreren Implementierungen laufen, die für die nötige Stärke des Netzwerks sorgen. Dass derzeit ein Teil der Graphenstruktur verifiziert werden kann, ist eben durch den Koordinator auch eine gewisse Zentralisierung unumgänglich. Durch immer mehr Teilnehmer am Netzwerk wächst aber auch dessen Robustheit. Ab einer gewissen Größe können wir dann die einzelnen Implementierungen des Koordinators nach und nach rausnehmen."

"Proof of Concept"-Projekte

Beim Aufbau eines robusten Netzwerkes arbeitet IOTA mit mehr als 30 namhaften Tech-Unternehmen wie Microsoft, Bosch, Fujitsu oder Samsung zusammen. Im Rahmen eines Pilotprojekts wird dabei ein Daten-Marktplatz mit dem Tangle aufgebaut. Im Austausch von IOTA-Tokens können die Unternehmen untereinander beispielsweise Wetter-Daten oder Informationen über die Luft-Qualität handeln. "Für den Proof-of-Concept arbeiten wir mit insgesamt 30 Unternehmen aus der Industrie zusammen", sagt Osowski.

Ähnlich wie bei der Blockchain sind auch beim Tangle die Anwendungsszenarien so vielfältig wie richtungsweisend, wobei sich IOTA vorerst auf das Internet der Dinge und der damit einhergehenden Machine-to-Machine-Kommunikation fokussiert. "Immer wenn etwas kryptografisch verifiziert und protokolliert werden muss, könnte der Tangle zur Anwendung kommen", erklärt Osowski.

Der Tangle von IOTA visualisiert © Bild: IOTA

Beispiele wären etwa Fahrtenbücher bei Speditionen oder beim automatisierten Fertigen in der Industrie 4.0. "Muss etwa in Rechenzentren oder Unternehmen regelmäßig ein Update eingespielt werden, könnte dies ebenso mithilfe des Tangle protokolliert werden und der Hardware-Hersteller kann jederzeit nachsehen, ob die Geräte mit den Updates ausgestattet wurden", sagt Osowski. Man könne sich auch vorstellen, dass die Graphen-Struktur des Tangle regional sehr unterschiedlich ist. Netzwerke also, die sehr lokal sind, dadurch aber genau dort die nötige Rechenleistung aufbringen können.

Schwierigkeiten

In der Kryptowährungsszene und unter Blockchain-Enthusiasten sorgt IOTA mit seinem Tangle-Konzept für zahlreiche Diskussionen. Auf der einen Seite wird IOTA in den Himmel gelobt, im Glauben eine Alternative zur klassischen Blockchain gefunden zu haben, deren Limitierungen immer stärker zum Problem werden. Auf der anderen Seite wird IOTA für den Tangle stark kritisiert: nicht umsetzbar, nicht dezentralisiert und sicherheitstechnisch lückenhaft, sind hier die zentralen Vorwürfe.

Wie es in der Kryptoszene üblich ist, wird auch hier mit Unwahrheiten und starken Übertreibungen gearbeitet. So glauben manche, dass der Tangle ohne Koordinatoren gar nicht funktioniert und daher kein dezentral organisiertes Netzwerk sein kann. Außerdem soll die Adressverwaltung sowie die zeitliche Zuordnung der einzelnen Transaktionen Lücken aufweisen.

Auch das Verhältnis von IOTA zu Microsoft sorgte in den vergangenen Tagen für Wirbel. Streitpunkt dabei war die genaue Bezeichnung der Beziehungen zwischen den beiden Unternehmen. Fakt ist: "Wir arbeiten mit Microsoft zusammen; mitunter sind sie Teilnehmer am Data Marketplace", stellt Osowski klar.

Ternär statt binär

Für Stirnrunzeln sorgt zudem, dass die IOTA-Technologie nicht auf ein binäres System aufbauen, sondern ein Ternärsystem verwenden. Will ein Device mit dem Tangle kommunizieren, ist es also notwendig, dass die Daten umgewandelt werden, was zusätzliche Rechenleistung verlangt. Gerade bei IoT-Devices, die mit kleinen Recheneinheiten ausgestattet sind, könnte dies zum Flaschenhals werden, so die Kritiker.

Auch wegen seiner ungewöhnlichen Wallets, die von Kritikern als unzureichend gesichert bezeichnet werden, steht IOTA unter Druck. Daran werde jedoch mit Hochdruck gearbeitet: "Eine auf Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit ausgelegte Wallet wird Anfang des Jahres erscheinen", erklärt Osowski.

Ob und in welche Weise Smart Contracts in das IOTA-Netzwerk implementiert werden können, ist noch nicht ganz klar. Der IOTA-Entwickler wollte sich dazu nicht im Detail äußern, nur so viel: "Zum Thema Smart Contracts wird es Mitte 2018 Neuigkeiten geben."

Taten statt Worte

Ob IOTA den Kritikern und Zweiflern entgegentreten kann, wird davon abhängig sein, welche Fortschritte das Projekt in den kommenden Wochen und Monaten vorweisen kann. "Wir wollen nicht das nächste Gold werden, Stichwort Bitcoin. Wir wollen einen Standard schaffen, der von der Industrie proaktiv genutzt wird", sagt IOTA-Entwickler Osowski: "Wir wollen eben kein reines Spekulationsobjekt sein. Wir wollen in nächster Zeit immer mehr Unternehmen und Player an Bord holen und zeigen, dass der Tangle das ist, was wir versprechen."