Digital Life
22.10.2017

Webseite sammelt sexuelle Übergriffe, erntet Shitstorm

Die Web-App #Keinekleinigkeit dokumentiert sexuelle Übergriffe und bietet weiterführende Hilfe © Bild: #Keinekleinigkeit

Eine Webseite, auf der man anonym sexuelle Belästigungen melden kann, will Betroffenen Mut machen, sich dagegen zu wehren. Das ruft Sexisten und Ausländerfeinde auf den Plan.

"Sexuelle Belästigung passiert überall und zu jeder Zeit. Sie kann verletzen, verunsichern, einschüchtern, aus der Fassung bringen, beängstigen,... Nur wenige Fälle werden zur Anzeige gebracht und dadurch dokumentiert. Die Dunkelziffer ist sehr viel höher. (...) #keinekleinigkeit ist eine App, die es dir anonym ermöglicht, jede Form sexueller Belästigung im Alltag mit einem Klick sichtbar zu machen", schreiben die Initiatorinnen auf der neu gegründeten Plattform keinekleinigkeit.de.

Tausende Vorfälle gemeldet

Über die Web-App wurden eine Woche nach dem Start über 16.000 Vorfälle gemeldet. Wer mehr über den Vorfall preisgeben will, kann dies nach dem ersten Klick tun - diverse Kategorien - etwa Belästigungen mit Worte, durch Exhibitionismus oder auch körperliche Belästigungen werden kategorisiert. Im Detail werden beispielsweise Vorfälle wie "Hinterherlaufen", "in den Weg stellen" und "gegen den Willen berühren" zusammengefasst. Da jeder die Webseite anonym nutzen kann, stellen die Betreiberinnen der Seite keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

Die Web-App #Keinekleinigkeit dokumentiert sexuelle Übergriffe und bietet weiterführende Hilfe © Bild: #Keinekleinigkeit
Vielmehr solle die Web-App sichtbar machen, dass solche Vorfälle existieren und eben "keine Kleinigkeit" sind. Neben dem Meldebutton finden sich auf der Seite auch eine Reihe von Telefonnummern und weiterführenden Links für Menschen, die einen Übergriff erleben mussten. Weiters sind die Polizeidienststellen aller deutschen Bundesländer verlinkt, über die ein Vorfall online angezeigt werden kann. Aktuell fokussiert das von Berliner Studierenden der Hochschule für Technik und Wirtschaft gegründete Projekt auf Deutschland, seine Erfahrungen mitteilen, kann aber jeder.

Hassattacken auf Twitter

Wie brisant das Thema ist, zeigen die heftigen Reaktionen, mit denen die Betreiberinnen seit dem Start vor gut einer Woche zu kämpfen haben. Eine DDoS-Attacke legt die Seite lahm und trieb den Meldezähler über ein gebasteltes, automatisiertes Script in die Höhe. Auf Twitter, Instagram und Facebook gibt es seitdem ein Dauerfeuer von Sexisten, die neben frauenfeindlichen Kommentaren auch vor Fremdenfeindlichkeit nicht zurückschrecken.

Die Wucht, mit der der Shitstorm auf das Projekt einprasselte, hat die Betreiberinnen überrascht. "Diese Hater fühlen sich vom Feminismus bedroht, dabei ist das Projekt einfach eine Bestandsaufnahme. Sexuelle Übergriffe passieren außerdem allen Geschlechtern und unsere Seite richtet sich nicht speziell an Frauen", wird Initiatorin Mareike Geiling von der Plattform jetzt.de zitiert. Die ihnen entgegengebrachten Aggressionen hätte das Team nur bestärkt, weiterzumachen und zeige darüber hinaus, dass #Keinekleinigkeit auch einen gesellschaftlich wunden Punkt treffe.

"Sexuelle Belästigung ist die Norm"

Ähnlich wie die weltweit laufende Kampagne #metoo will die Aktion Betroffenen Mut machen, bei derartigen Übergriffen nicht weiter zu schweigen und dagegen aufzustehen. Auf den Einwand eines Professors bei der Präsentation der Web-App, dass durch die große Anzahl an Meldungen sexuelle Belästigung als Normalität empfunden werden könnte, antwortete eine anwesende Studierende laut jetzt.de: "Wir tun das, weil sexuelle Belästigung für uns Normalität IST."