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Spionage
07/05/2013

Lauschangriff mit versteckter Elektronik

Aufgedeckte Abhörversuche des US-Geheimdienstes NSA in Brüssel sorgen derzeit für diplomatische Verstimmungen. Die Geräte, mit denen Agenten Gespräche belauschen, werden immer winziger. Oftmals werden Vorkehrungen gegen unerwünschtes Abhören aber auch vernachlässigt.

von David Kotrba

Methoden und Geräte, um ohne das Wissen beteiligter Personen Gespräche abzuhören, gibt es zuhauf und wirklich sicher fühlen kann man sich im Umgang mit vertraulichen Informationen nie, lautet die einhellige Meinung verschiedener Experten. Ob Techniker, Detektiv oder Wirtschaftsspionage-Spezialist, die Tätigkeiten der NSA in Brüssel überraschen niemanden. Die Überwachung elektronischer Kommunikation, etwa durch die Geheimdienstprogramme PRISM oder Tempora, scheint jegliche weitere Form von Spionage obsolet gemacht zu haben. Dennoch sind "Wanzen", wie Abhörgeräte umgangssprachlich genannt werden, weiterhin im Einsatz, vor allem wenn es um persönliche Gespräche geht, deren Inhalt es herauszufinden gilt.

In Form und Funktion bietet die Wanzen-Welt vielfältige Unterscheidungen. Der Klassiker einer Wanze ist jedoch ein winziges Mikrofon mit Aufzeichnungs- oder Übertragungsfunktion, das in Innenräumen, etwa in Konferenzzimmern, versteckt wird. "Wer sich moderne Hörgeräte ansieht, merkt wie unheimlich klein diese Geräte sein können", sagt Ewald Benes, Akustikexperte an der TU Wien. "Ganze kleine, winzige Mikrofone können überall platziert werden, etwa unter einer Tapete oder im Telefonhörer. Das Signal kann mittels Funk übertragen werden, in einen Nebenraum oder auch auf größere Entfernung."

Die klassische Wanze
Durch die potenziell winzige Bauform kann ein Mikrofon in allen möglichen Einrichtungsgegenständen eines Zimmers versteckt werden. Fix verbaute Installationen sind eine Option, etwa Steckdosen, Deckenleuchten oder auch Tapeten. Letzterer Ort diente auch Wanzen als Versteck, die 1997 im Wiener Marriot-Hotel entdeckt wurden. Bei Renovierungsarbeiten wurden Kabel und Mikrofone in Größe von Stecknadeln entdeckt, die offenbar dazu dienten, Mitglieder der Russenmafia zu belauschen. Andere Mikro-Verstecke können Kugelschreiber sein, Radios, Wandbilder, Feuerzeuge, Kaugummipackungen, Armbanduhren, Schlüsselanhänger oder Fernbedienungen. Dieselben Gegenstände können zudem winzige Kameras beinhalten.

Eine andere Form eines Geräts, das am Einsatzort installiert wird, ist das Körperschallmikrofon. Dieses zeichnet Schall-Vibrationen auf, die über Zimmerinstallationen, etwa Fenster oder Heizungsrohe übertragen werden. Im Rohr-Fall kann das Körperschallmikrofon beispielsweise auch in einem der umgebenden Räume installiert werden.

Um Vibrationen geht es auch beim Lasermikrofon. Ein Laserstrahl, im besten Fall in unsichtbarer Wellenlänge, wird auf ein Fenster gerichtet und reflektiert. Winzige Entfernungsänderungen durch Vibration werden in Schall umgewandelt. Gespräche in Innenräumen können so mitverfolgt werden. Das Hauptproblem dabei ist die ruhige Umgebung. "Fenster wissen nicht, wo der Schall herkommt. Sie vibrieren auch wegen dem Schall von draußen", sagt Detektiv und Sicherheitsspezialist Markus Schwaiger. "In lauter Umgebung ist ein Lasermikrofon also weniger gut." Wie das Prinzip funktioniert, sieht man in folgendem Video.

In Agentenfilmen kommen oft so genannte Richtmikrofone, die eine fokussierte Aufnahme auf größere Entfernungen ermöglichen, zum Einsatz. Laut Akustikexperte Benes kann man mit Richtmikrofonen aber ebenfalls nur beschränkt Gespräche mitanhören: "Ein Richtmikrofon hat gegenüber einem normalen Mikrofon nur den Vorteil, dass es Konversationen in einer Richtung wahrnimmt und andere Geräusche ausblendet. In Innenräumen macht das keinen Unterschied, da ist der ganze Raum vom Schall erfüllt. Unter freiem Himmel kann man unter guten Bedingungen Gespräche in einer Distanz zwischen zehn und 20 Metern mitverfolgen."

Präparierte Mobiltelefone
Um Gespräche mitzuverfolgen, werden teilweise auch Mobiltelefone präpariert. Mittels eigener Spionage-Software ist es etwa möglich, dem Gerät den Anschein zu verleihen, es sei ausgeschaltet, wenn es tatsächlich noch aktiviert ist und Gespräche mitverfolgt und überträgt. Eine weitere Methode, Gespräche mittels Handy mitzuhorchen, ist, einen modifizierten Akku einzubauen, der Mikrofon und Funksender enthält. Diese Option eignet sich besonders für längere Einsätze, da der ahnungslose Nutzer den Akku ständig auflädt. Voraussetzung ist jeweils, dass man als Angreifer Zugang zum Mobiltelefon und ein genaues Wissen um den Typ und etwaige Passwörter besitzt.

Das Anzapfen von Telefonleitungen sowie die Analyse von Verbindungsdaten von Mobiltelefonen stellt für Geheimdienste dank Cyberspionage, Metadatenanalyse im Big-Data-Stil, aber auch die Mithilfe global operierender Konzerne, in keinster Weise ein Problem dar. In der Vergangenheit ist es aber auch mehreren Geräte-Hackern gelungen, verschlüsselte Mobilfunkgespräche abzuhorchen. Im Sommer 2010 führte der Brite Chris Paget etwa vor, wie man mit relativ einfachen Mitteln Gespräche über GSM abhorchen kann, während man UMTS-Handys dazu zwingt, auf GSM umzuschalten.

Die GSM Association sieht dagegen keine Gefahr für Mobilfunkkunden. "Wir haben keine Hinweise, dass es zu illegalen Aktivitäten kommt. Mobilfunkanbieter könnten, wenn dies jemals notwendig wäre, ihre Netzwerkkonfiguration ändern, um solche Aktivitäten zu verhindern", heißt es in einer Stellungnahme gegenüber der futurezone.

Wanzen finden
Ausgefeilte Technik ist in der Spionage nur ein Schritt zum Erfolg. Der andere hat mit Technik wenig zu tun. Detektiv Schwaiger: "Was mich erstaunt, ist, dass Abhören in der medialen Berichterstattung wie High-Tech klingt. Dabei ist es oft gar nicht so kompliziert. Sie schmieren wen, zum Beispiel einen Putztrupp, und schon sind sie drinnen in einem Gebäude. Wenn das nicht funktioniert, gibt es noch Erpressungen. Man kommt überall rein." Bei Sicherheitsüberprüfungen in Österreich, so genannten "Sweeps", findet sein Team laut eigenen Angaben in zehn Prozent der Fälle ein Abhörgerät. "Im Osten ist man überhaupt stark gefährdet. Da finden wir etwas in 80 Prozent der Fälle."

Die Entdeckung von Wanzen sei nicht so einfach, wie das oft in Filmen dargestellt wird, meint Schwaiger: "Bei James Bond gibt`s ein Gerät, das blinkt, und in fünf Sekunden hat man die Wanze gefunden. So etwas funktioniert nur mit Funkwanzen. Ansonsten ist das Auffinden von Abhörgeräten eine mühsame Arbeit. Zu 90 Prozent ist es eine manuelle Suche." Die wichtigsten Instrumente, die man dabei einsetzt seien ein Akkuschrauber, eine Taschenlampe und eine Endoskopkamera, mit der etwa enge Zwischenräume oder Rohre abgesucht werden. Dazu benötigt man jede Menge Know-How.

Aber auch mit einem Spezialistenteam müsse man äußerst penibel vorgehen. "Auf Geheimdienstlevel braucht man pro Quadratmeter eine Stunde. Bei 30 Quadratmetern ist man einen Tag lang beschäftigt." Völlige Sicherheit könne man aber auch dabei nicht garantieren: "Wer `Abhörsicherheit` verkauft, ist meiner Meinung nach ein Betrüger." Bei normalen Sweeps könne man eine Sicherheit von 99 Prozent bieten. Wer 99,9 Prozent Sicherheit verlange, müsse auf den normalen Tarif "eine Null dranhängen", so Schwaiger.

"Bei geheimdienstlichen Methoden benötigt man aufwändiges Equipment", bestätigt Friedrich Wimmer, Autor des Buchs "Wirtschaftsspionage und Intelligence Gathering". "Neben klassischen Wanzen muss man auch auf die Manipulation von Geräten achten, zum Beispiel Laptops oder Smartphones." Wenn der Verdacht besteht, dass ein Raum verwanzt ist, kann man kaum verhindern, dass man abgehört wird, meint Akustikexperte Benes: "Wenn man nicht weiß, wo sich das Abhörgerät befindet, kann man nichts machen, außer den Raum zu verlassen."

Abhören verhindern
Die Außenwelt sei für wirklich vertrauliche Gespräche im Allgemeinen der beste Ort, meint auch Markus Schwaiger. "Besprechungen hält man am besten dort ab, wo es viele Hintergrundgeräusche gibt. Ein klassisches Beispiel ist der Wasserhahn. Je lauter die Umgebungsgeräusche, desto besser." Der ehemalige Innenminister Ernst Strasser habe es an sich richtig gemacht, als er sich 2010 mit vermeintlichen Lobbyisten in einem Kaffeehaus traf. "Nur sein Gegenüber hat halt eine versteckte Kamera mit gehabt." Ein ideales Umfeld für eine private Besprechung sei demnach eigentlich ein Hallenbad, meint Schwaiger. Dort sei es laut genug und der Gesprächspartner trage nur eine Badehose, sodass eine geheime Verkabelung ausgeschlossen sei.

"Im Freien ist man auf jeden Fall am sichersten", meint Ewald Benes. "Selbst auf kurze Entfernungen ist ein Abhören kaum möglich. Im Freien nimmt der Schall rasch ab. Die Umgebungsgeräusche sind meist zu groß." Friedrich Wimmer bleibt hingegen skeptisch: "Das kommt auf die Umstände an. Wenn man voll im Fokus steht, wird es schwierig. Dann muss man wissen, welche Abhörmaßnahmen gerade getroffen werden. Ich würde mich nicht trauen, pauschal zu sagen: In einer Menschenmenge bist du sicher. Wenn dein Gesprächspartner verwanzt wurde, ist das egal."

Wer in seinem Konferenzraum möglichst abhörgeschützt sprechen will, sollte einige Regeln befolgen, meint Schwaiger. Viele Kunden wollten Sicherheit haben, seien aber gleichzeitig nicht bereit, alles dafür zu tun. "Einigen sage ich: Verlegt mal euer Besprechungszimmer vom Hochparterre in den Keller. Dann sagen die: Naja, das schaut nicht gut aus." Auch die Überprüfung von Gesprächspartnern auf Wanzen sei vielen Geschäftskunden zuwider. "Da sagen sie dann: Nein, das geht doch nicht. Das wäre unhöflich." Seiner Meinung nach müsse man sich oftmals zwischen Komfort und Abhörschutz entscheiden: "Beides geht nicht."

Neue Bauweisen vieler Häuser machen Abhörmaßnahmen schwieriger. "Die Dreifachverglasung von Thermofenstern beispielsweise", sagt Schwaiger. "Da kommt man mit einem Lasermikrofon nicht mehr durch." Um ungewollte Spionage möglichst auszuschließen, lassen viele Kunden ihre Räume aber in regelmäßigen Abständen überprüfen. Gerade Anlassfälle wie die Strasser-Affäre oder nun Aufdeckungen über die NSA-Methoden treiben das Geschäft an, meint Schwaiger. "Bei manchen Kunden schauen wir jedes halbe Jahr vorbei."

Cyberangriffe bereiten weniger Aufwand
Sowohl Detektiv Schwaiger als auch Buchautor und Wirtschaftsspionage-Spezialist Wimmer betonen abschließend, dass staatliche Spionage mittels Wanzen heute eher punktuell zum Einsatz kommt. "Das Hauptangriffsziel heute sind IT-Systeme", meint Schwaiger. Beim DDR-Auslandsgeheimdienst, allgemein als "Stasi" bekannt, seien früher mehrere Agenten abgestellt worden, um langfristige Überwachungen mittels Wanzen durchzuführen. "Der Aufwand wird unterschätzt. Deswegen ist ein Angriff auf die IT so interessant. Datenströme kann man automatisch auswerten lassen."

Auch Friedrich Wimmer meint: "Big Data ist eine ganz andere Art von wirtschaftlicher Vorteilsbeschaffung. Daten werden systematisch ausgewertet. Dieser Trend zur Metadatenanalyse ist neu." Im Vergleich mit PRISM oder seinen Vorläufer Echelon wirken Wanzen also wie ein selten eingesetztes Präzisionsinstrument.

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