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Smart School "Lehrer sollen keine Angst vor Technik haben".

Foto: boroviczeny stefan
Lehrer müssen sich von dem traditionellen Bild trennen, dass sie die Quelle des Wissens sind. Das ist laut Edith Blaschitz, Lehrende an der Donau Universität Krems, eine der größten Herausforderungen für das Schulsystem. Dem Einsatz von digitalen Medien und Technik im Unterricht steht sie positiv gegenüber, da diese das langfristige Lernen unterstützen, sofern man sie nicht einfach ohne didaktischen Plan einsetzt. Die futurezone hat Blaschitz in Krems zum Interview getroffen.

futurezone: Als Reaktion auf den futurezone.at Samsung Smart School-Ideenwettbewerb, bei dem man ein smartes Klassenzimmer mit Tablets und eBoard gewinnen kann, bekamen wir von einem Leser folgende Reaktion: "Computer taugen zum Lernen nicht, denn sie nehmen uns geistige Arbeit ab", frei zitiert aus dem Buch "Digitale Demenz". Wie kann man dieser Ansicht am besten entgegnen?
Edith Blaschitz: Ich muss immer sehr schmunzeln, wenn ich solche Aussagen höre. Die Publikation "Digitale Demenz" erhält offenbar eine große Öffentlichkeit. Ich habe mich mit der Thematik sehr ausführlich aus historischer Perspektive beschäftigt und wenn ich diese Aussagen höre, habe ich das Gefühl, dass ich mich gerade in den 1950er-Jahren befinde oder rund um das Jahr 1880. Dieser Vorwurf, Medien machen dumm, ist etwas, was seit Anbeginn der Zeit herumgeistert. Es gibt Aussagen aus der Antike nach der Einführung der Schrift. Dies sei so fürchterlich, weil es keine orale Tradition mehr gebe und weil damit das Denkvermögen verloren gehe.

Diese Kritik ist sozusagen "nichts Neues".
Mit jeder Einführung eines neuen Mediums gab es eine massive Gegenströmung. Sei es die Schrift, die Bücher, die Unterhaltungsliteratur im 18. Jahrhundert, der Film. Es wurde immer wieder gesagt, dass diese Medien dumm machen, wie das Amen im Gebet. Kommt das nächste Medium, ist es dieses, das dumm macht. Das andere ist dann anerkannt. Das ist der normale Prozess. Die Technik ist etwas, worauf einerseits sehr viel Hoffnung gelegt wird, andererseits ist sie auch immer mit Ängsten verbunden.  Wie die Vergangenheit gezeigt hat, hat uns weder die Schrift noch der Film dumm gemacht, Bücher haben uns nicht verblöden lassen und auch Computer im digitalen Schuleinsatz werden uns nicht dumm machen.

Schüler kennen sich am Computer oder am Smartphone teilweise besser aus als Erwachsene. Lehrer fürchten sich bis zu einem gewissen Grad davor Technik einzusetzen, weil sie sich nicht mit allen Betriebssystemen und Apps, die es gibt, gleichermaßen gut auskennen. Wie kann man vehindern, dass der Einsatz von Technik als Reaktion darauf gänzlich vermieden wird?
Das ist tatsächlich ein Punkt, der viel Gegenwehr verursacht. Doch das Bild des Lehrenden verändert sich langsam. Ein Lehrer wird in unserer traditionellen Vorstellung als Autoritätsperson wahrgenommen, als die Person, die das Wissen in sich trägt und auch weitergibt. Der Lehrer ist aber nicht mehr die oberste Instanz und hat auch nicht mehr die Funktion des obersten Kontrolleurs. Selbstverständlich muss man dieser Entwicklung auch noch etwas Zeit geben. Das muss nämlich erst in den Köpfen der Lehrer verankert werden.

Es darf ihnen nicht mehr peinlich sein, wenn jemand etwas auf Wikipedia am Handy nachschlägt und die Antwort schneller parat hat als sie selbst. Der Lehrer ist stattdessen ein Lernprozessbegleiter, wie ein Coach, in einem selbstgesteuerten Prozess. Dieser Verlust von Autorität ist für manche Personen, die ein sehr traditionelles Weltbild haben, eine gefühlte Abwertung. Sie sollten einfach die Perspektive wechseln, denn Lehrer werden dadurch auch entlastet. Man begleitet die Schüler, die Lernenden auf einer Reise.

Sie haben gemeinsam mit Kollegen ein Buch herausgegeben mit dem Titel "Zukunft des Lernens". Wie sieht diese Zukunft des Lernens an den Schulen aus?
Es gibt kein klares Bild. Man kann nicht sagen, so wird das Lernen im Jahr 2020 ausschauen. Es gibt eine Bandbreite von Möglichkeiten, die durch digitale Medien gut unterstützt werden können. Digitales Lernen darf man sich aber nicht so vorstellen, dass die Technik das Ruder übernimmt und wir alle angedockt werden, so wie man es in Science Fiction-Filmen sieht. Das wird es nicht geben. Man kann auch nicht mehr vom gesamten Wissen der Welt sprechen, das die nächsten zehn Jahre gültig ist. Wissen verändert sich.

Mit digitalen Medien werden Lehrer ihre Methodenvielfalt erweitern können. Man hat damit ein unglaubliches Repertoire, gerade mit Tablets und Mobile Learning. Das sind Trends, die bereits jetzt stark im Kommen sind, genauso wie Augmented Reality. Man hat mit digitalen Medien viel mehr Möglichkeiten, sich Dinge anzueignen. Es nützt nichts mehr, Faktenwissen in die Kinder hineinzustopfen. In zehn Jahren ist dieses überholt und man hat gerade noch eine Basis. Stattdessen ist das vernetze Denken eine der Kompetenzen der Zukunft, zumindest aus heutiger Sicht. Es wird wichtig sein zu wissen, wie man an Inhalte herankommt, die man benötigt, sowie wie man diese für seinen eigenen Bereich kreativ anwenden kann. Auch der Lernprozess sollte unter Ausnutzung aller digitalen Möglichkeiten in diese Richtung gehen.

Das klingt sehr inspirierend, aber in Österreich haben wir die Zentralmatura. Es muss ein Lehrstoff durchgepeitscht werden. Ist das nicht kontraproduktiv für Lernprozesse, die auf vernetztes Denken ausgerichtet sind? Wie passt das zusammen?
Ich denke, es kann sehr wohl zusammenpassen, weil sich auch die Lehrpläne an den Schulen geändert haben. Diese gehen immer mehr in Richtung Kompetenzorientierung. Das heißt, es geht nicht mehr darum, dass man Faktenwissen abprüft, sondern es geht immer darum, im jeweiligen Fachgebiet ein Lernziel zu definieren. Das geht über das Abprüfen von Faktenwissen hinaus. Für mich ist die Zentralmatura ein Querschnitt, den ich sehr sinnvoll finde. Der kompetenzorientierte Lehrplan und die Zentralmatura zur Feststellung der Leistungen funktionieren für mich.

Da bleibt noch genug Platz für Kreativität?
Ja. Man hat immer noch ganz viele Möglichkeiten, wie man zu den Kompetenzen, die gefragt sind, kommt. Hier kann man auch kreativ vorgehen, in Projektarbeit.

Sind die 50-Minuten-Einheiten, die es an österreichischen Schulen gibt, nicht sehr hinderlich?
Wenn wir an reformpädogischen Unterricht denken, gibt es auch jetzt schon Möglichkeiten, anders vorzugehen. Gerade das kooperative Arbeiten mit Lehrern aus anderen Fächern finde ich eine sehr sinnvolle Möglichkeit, weil diese den Schülern ermöglicht, Zusammenhänge wahrzunehmen. Aber hier ist vor allem das Schulsystem gefordert, diese Möglichkeiten zu unterstützen.

Edith Blaschitz von der Donau Universität Krems
Edith Blaschitz von der Donau Universität Krems beim futurezone-Interview - Foto: Barbara Wimmer

Wird es durch Tablets und Mobile Learning-Methoden leichter, die Aufmerksamkeit der Kinder konstant zu halten?
Guter Unterricht funktioniert, egal ob ich Medien einsetze oder nicht. Es ist egal, ob man das neueste Smartphone oder Bauklötze, die ein haptisches Erlebnis ermöglichen, verwendet, solange man kein gelungenes, didaktisches Arrangement hat. Es ist ein Trugschluss zu sagen, dass die Kids Tablets lieben und man dadurch sofort einen total lässigen Unterricht hat und die Kinder dadurch automatisch mit Freude lernen. So funktioniert das nicht. Zwar gibt es am Anfang die Faszination des Neuen, aber langfristig kann man die Motivation der Kinder nur dann aufrecht halten, wenn das didaktische Szenario, in dem Technik eingesetzt wird, ein Sinnhaftes ist. Man muss sich vorher überlegen, in welchen Kontext man den Unterricht setzt und wo es Sinn macht, Technik einzusetzen.

Einer der Trends, den Sie angesprochen haben, ist Mobile Learning. Wofür ist diese Methode gut geeignet?
Mobile Learning ist wunderbar dafür geeignet, sich von den 50-Minuten-Intervallen zu trennen. Man bildet Projektgruppen und die Kinder dürfen auch den Raum verlassen, etwa, wenn sie selbstständig mit Themen arbeiten. Für mich ganz spannend ist auch Augmented Reality - das wird immer fassbarer. Ich kann mit Schülern im Bereich der Geschichte zu geschichtsträchtigen Bauten spazieren, kann dort durch das Verschmelzen von Realität und virtueller Realität Informationen sammeln, einholen, weiterverarbeiten, in der Gruppe unterschiediche Fragestellungen ausarbeiten. Das ist eine spannende, neue Entwicklung für die Schule der Zukunft.

Was ist für Sie der Mehrwert beim Einsatz von Tablets im Unterricht?
Die Methodenvielfalt. Es vergrößert die Möglichkeiten der Schüler und der Lehrer, Unterricht zu gestalten. Schüler können damit selbstbestimmt ein Thema erarbeiten, man kann damit auch rausgehen. Es ist dadurch automatisch nicht mehr nur das Klassenzimmer der Hort des Wissens, sondern man kann über eigenständige Recherchen oder über Teams sich Wissen erarbeiten. Das explorative Lernen ist dabei automatisch ein Lernen, das auch langfristig anhält. Wenn man etwas Konstruktives selbst erarbeitet hat, hat das eine ganz andere Langzeitwirkung, als wenn man nur Vokabel für die nächste Prüfung auswendig lernt. Tablets sind eine gute Unterstützung, dieses langfristig funktionierende Lernen zu fördern.

Was sind die größten Herausforderungen für das derzeitige Schulsystem, damit Österreich nicht zurück bleibt?
Das Schulsystem ist ein Jahrhunderte altes, träges System, das sehr änderungsresistent ist. Unterricht hat sich in gewisser Weise  bis heute kaum verändert und ist noch immer so, wie er vor 200 Jahren war. Es gibt zuminest Bereiche, da schaut das nicht sehr viel anders aus als damals. Ich denke, die zentralen Punkte werden sein, dass man ein anderes Verständnis von Schule und von Unterricht verankern muss. Weg von dem hierarchischen - hier die Lehrer, die Quelle des Wissens, hier der Schüler, der mit diesem Wissen angefüttert wird. Dieses andere Denken in der Schule zu implementieren, ist die größte Herausforderung.

Außerdem muss man auch den Raum dafür schaffen. Gerade wenn man bei den 50-Minuten-Sequenzen ist: Man kann den engagiertesten Lehrer haben, wenn dieser aber strukturell so eingeengt ist, dass er die Möglichkeiten und methodischen Viefalten nicht einsetzen kann, kann sich nicht viel ändern. Das würde dazu führen, dass jeder nur individuell vor sich hinversucht, etwas am Unterricht zu ändern. Auch andere Raumkonzepte müssen her, wenn Schulen neu gebaut werden. Das ist auch ein wichtiger Punkt, um künftig neue Möglichkeiten des Lernens zu schaffen.

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Wie soll das Klassenzimmer der Zukunft aussehen, wie soll es funktionieren und wie stellen sich Schüler den Unterricht vor?
Futurezone.at und Samsung starten den Ideenwettbewerb „Samsung Smart School", der vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur unterstützt wird. Nähere Infos sowie die Teilnahmebedingungen finden Sie hier.


Zur Interviewperson:
Edith Blaschitz ist Leiterin des Zentrums für Mediengestütztes und individualisiertes Lernen an der Donau Universität Krems. Sie ist Mitherausgeberin des Buchs "Zukunft des Lernens. Wie digitale Medien Schule, Aus- und Weiterbildung verändern". Die futurezone traf Frau Blaschitz im Rahmen der "edudays" in Krems zum Interview.

(futurezone) Erstellt am 08.04.2013, 00:00

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