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Digital Life
03/08/2020

Milliardäre nutzten Gesichtserkennungs-App für Spaß und Spionage

Die umstrittene Gesichtserkennungs-App Clearview kam nicht nur bei Behörden zum Einssatz. Sie diente auch Investoren als Spionagespielzeug.

Im Jänner wurde bekannt, dass ein bis dahin weitgehend unbekanntes Start-up namens Clearview unzählige öffentlich zugängliche Fotos aus Online-Netzwerken abgegriffen hatte und in seine Gesichtserkennungs-App einspeiste. Die „New York Times“ deckte auf, dass die App bei 600 Behörden der USA im Einsatz ist. Nun berichtet die „New York Times“, dass auch potenzielle Investoren und Freunde des Unternehmens Zugang zu den biometrischen Daten und zu der App hatten und sie auch zur Spionage und zum privaten Vergnügen einsetzten.

„Es macht den Leuten viel Spaß“

Der Milliardär John Catsimatidis, der eine Lebensmittelkette in den USA besitzt, soll damit etwa einen Mann ausspioniert haben, der mit seiner Tochter ausging. In einem seiner Geschäfte in New York soll er damit auch Leute identifiziert haben, die Eiscreme im Wert von weniger als 2 Dollar entwendeten. Der Investor David Scalzo soll die App auch seinen schulpflichtigen Töchtern zur Verfügung gestellt haben, die sie an sich selbst und an ihren Freunden ausprobierten. „Es macht den Leuten Spaß“, wird er von der „New York Times“ zitiert.

Auch der Schauspieler und Investor Ashton Kutcher dürfte die App in Verwendung gehabt haben. In der YouTube-Serie „Hot Ones“, in der Leute interviewt werden, während sie Hühnerteile essen, prahlte er damit über eine Beta-App zu verfügen, mit der er problemlos Leute identifizieren könne. Er könne sein Smartphone jedem ins Gesicht halten und genau herausfinden, wer er sei, sagte Kutcher: „Es ist erschreckend.“

Ein anderer Tester gab an, damit in Bars Leute identifiziert zu haben. Allerdings habe er die Leute davor gefragt. Es sei wie ein Taschenspielertrick, die Leute würden es mögen.

Mit dem selbst auferlegten Verhaltenskodex, den das Unternehmen nach Bekanntwerden seiner Umtriebe im Jänner veröffentlichte, haben solche privaten Spionageaktionen und Spielereien nicht viel zu tun. Man wolle die Welt zu einem besseren Ort machen und Straftaten verhindern, ist darin unter anderem zu lesen. Auch den Einsatz der Technik für private Zwecke wollte man eigentlich unterbinden.

Fast 3000 Kunden weltweit

Clearview AI wurde mit Geldern vom US-Investor Peter Thiel entwickelt, der unter anderem auch das Datenanalyseunternehmen Palantir unterstützt hatte. Nachdem dem Unternehmen im Februar eine Kundendatenbank entwendet wurde, stellte sich heraus, dass die Gesichtserkennungstechnologie des Start-ups nicht nur bei Behörden in den USA, sondern auch bei zahlreichen Unternehmen und Behörden weltweit eingesetzt wird, auch in autokratischen Regimen wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Insgesamt soll das Start-up bereits fast 3000 Kunden zählen. Zwar soll Clearview auch bei einigen europäischen Behörden und Unternehmen zum Einsatz kommen, österreichische Kunden soll das Unternehmen entgegen anderslautender erster Berichte nicht haben.

Der Einsatz von Gesichtserkennungstechnologie ist umstritten. In den USA haben erste Städte, darunter San Franciso, die Verwendung der Technologie durch Behörden bereits verboten. Auch in Europa wurde über einen Bann nachgedacht. In Österreich soll biometrische Gesichtserkennung als Beweismethode bei schweren Straftaten noch heuer zum Einsatz kommen .